Soziale Netzwerke: Wie sich Suizide durch Pinnwandeinträge vorhersagen lassen
In seiner Schulzeit hat Myung Woojae selbst einen Freund verloren. Seinem Schulkameraden, der auf einmal für immer verschwand, sagte man damals eine Charakterschwäche nach. Heute ist Myung frisch promovierter Mediziner der Sungkyunkwan University School of Medicine in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul und sagt: "Selbstmord ist ein riesiges Problem in Südkorea. Wir halten das für eine private Angelegenheit. Aber ich glaube, dass es ein soziales Phänomen ist." Um seine These zu belegen, wertete Myung die Daten sozialer Medien statistisch aus und fand heraus: Treten bestimmte Vokabeln in sozialen Netzwerken verstärkt auf, steigt die Zahl der Selbstmorde.
Myungs Tabellen und Grafiken zeigen zunächst: Keine andere Industrienation hat eine so hohe Selbstmordrate wie Südkorea, die Nation, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts innerhalb von drei Jahrzehnten von einem der ärmsten zu einem der reichsten Länder der Welt entwickelte. Von 100.000 Südkoreanern nehmen sich 33 das Leben(öffnet im neuen Fenster). Die Rate ist dreimal so hoch wie der OECD-Durchschnitt und hat sich im Gegensatz zur fallenden OECD-Tendenz seit 1995 annähernd verdoppelt.
Zwei Begriffe gehen mit steigender Zahl der Suizide einher
Ihre Untersuchung zu Zusammenhängen zwischen bestimmten Äußerungen in sozialen Medien und anschließenden Suiziden veröffentlichten Myung und Kollegen vor einem Jahr im akademischen Open-Access-Journal PLOS mit dem Titel Predicting National Suicide Numbers With Social Media Data(öffnet im neuen Fenster). Myung sagt: "Wir haben auf diese Weise Gruppenemotionen gemessen, und da diese soziale Stimmung statistisch stark mit den Selbstmordzahlen korreliert, können wir auch sagen, dass Suizid ein soziales Phänomen ist und nicht bloß ein individuelles."
Myung beobachtete die Aktivität von Usern auf Naver(öffnet im neuen Fenster), dem größten südkoreanischen Onlineportal. Wurden zwei Begriffe besonders häufig gepostet, stieg kurz darauf die Selbstmordzahl im Land. Diese beiden Wörter waren jasal, koreanisch für Selbstmord, und himdeulda, was sich mit müde oder erschöpft übersetzen lässt. "Unser Modell kann das Vorkommen von Suizid in Südkorea ziemlich genau vorhersagen, zu 79 Prozent liegt es richtig", sagt Myung. Statistisch gesehen wurden durch diese Analyse die offiziellen Selbstmordzahlen zwischen 2008 und 2010 zu immerhin 66 Prozent erklärt.
Arbeitslosigkeit ist ein Indikator
Der südkoreanische Mediziner beschränkt sich in seinen Analysen indes nicht auf soziale Medien. Weitere Variablen sind ihm zufolge die Arbeitslosenrate, der Aktienindex, der Konsumgüterpreisindex, die Kaufkraft und sogar die Temperatur. Auch der Selbstmord berühmter Persönlichkeiten, als Werther-Effekt(öffnet im neuen Fenster) bekannt, ist ein Faktor in Myungs Modell. In Korea trat dieser 2008 beim Suizid der Schauspielerin Choi Jin-sil ein. Kurz darauf nahmen sich 812 mehr Menschen als sonst das Leben. Roh Moo-hyun(öffnet im neuen Fenster), von 2003 bis 2008 Präsident Südkoreas, nahm sich 2009 das Leben, worauf wiederum ein Zacken in der Kurve der Suizidhäufigkeit folgte.
Wie auch international ist die Mehrzahl der Suizidanten männlich, ein Drittel ist über 60 Jahre alt. Dass es vor allem Männer sind, liegt auch an deren "Erfolgsrate": Selbstmordversuche enden bei Männern häufiger als bei Frauen tödlich, nicht zuletzt weil sie rabiatere Methoden wählen. "Statt Pillen nehmen Männer eher einen Strick, vergiften sich oder springen von einer Brücke oder aus dem Fenster", sagt Myung. Auch die Selbstmordrate von Menschen unter 20 Jahren liegt in Südkorea hoch und ist zuletzt gestiegen.
Warum nur? Unter älteren Menschen sind Einsamkeit und Altersarmut wichtige Gründe, was nach der Studie häufig zusammenhängt. Für jüngere Menschen wird vor allem Erfolgsdruck genannt. In Südkoreas stark leistungsorientierter Gesellschaft gelten Eigenschaften wie Aussehen, Bildungsniveau und Einkommen noch mehr für das soziale Ansehen als anderswo. "Koreanische Kinder lernen lange Stunden am Tag, Nachhilfe nach der Schule ist auch für diejenigen üblich, die im regulären Unterricht gut mitkommen".
Die Aufklärung findet im Netz statt
Erst in den letzten Jahren ist Selbstmord zu einem gesellschaftlich diskutierten Thema geworden. Umfragen zeigten, dass die meisten Menschen Mitleid empfänden, wenn sie von Suizid hören. "Selbstmord wird also als Persönlichkeitsmerkmal angesehen, nicht als soziales Problem", sagt Myung. "Aber heutzutage stehen uns mehr soziale Daten zur Verfügung denn je, und damit können wir das Gegenteil beweisen." Da Südkorea die weltweit stärkste Dichte von ans Internet angeschlossenen Haushalten hat, mit einer entsprechend hohen Aktivität in sozialen Netzwerken, stützt Myung seine These mittels dieser Medien.Dass das Verhalten auf Netzwerken wie Twitter oder Facebook als Indikator für soziale Stimmungen genutzt wird, ist an sich nichts Neues. Facebook versucht so, mit seinem Gross National Happiness Index(öffnet im neuen Fenster) eine Art gesamtgesellschaftliche Glücklichkeit zu messen. Auch Zusammenhänge zwischen sozialen Medien und Aktienmärkten oder Ansteckungsraten bei Krankheiten wurden schon beobachtet.
An Tagen mit hoher Selbstmordrate Brücken absperren lassen?
Wenn sich Selbstmorde relativ gut vorhersagen lassen, was lässt sich tun, um sie zu vermeiden? "Politikempfehlungen sind schwierig", sagt Myung. "Ansätze gibt es: Medien sollten nicht allzu theatralisch über Selbstmorde berichten, damit nicht so viele Menschen dem Beispiel folgen. Oder man zensiert bestimmte Begriffe in sozialen Medien, falls man das will." Auch könnten Regierungen an den Tagen nach einem hohen Vorkommen von Schlüsselwörtern in sozialen Medien besonders vielgenutzte Orte von Selbstmördern wie bestimmte Brücken absperren lassen. Rettungsdienste könnten sich auf erhöhte Bereitschaft einstellen. "Allerdings könnte das zu Verschiebungseffekten bei den Methoden führen. Dann würden sich vielleicht einfach mehr Menschen erhängen, was ja unbeobachtet möglich ist."
Den Selbstmord einzelner Personen kann Myungs Modell ohnehin nicht vorhersagen. Dies scheitert bisher an der Datenlage, weil die sozialen Dienste Informationen über gepostete Begriffe nur im Aggregat herausgeben. "Wir hoffen aber, unser Modell noch auszuweiten. Wenn wir an individuelle Daten gelangten, könnten wir sicher deutlich genauere Aussagen über die Selbstmorde in Korea und vielleicht weltweit treffen", sagt Myung.
Der gesellschaftliche Umgang mit der Privatsphäre ist entscheidend
Zum Beispiel sei bisher auch nicht festzustellen, ob die Selbstmordwahrscheinlichkeit bei der Person steige, die Nachrichten mit Schlüsselbegriffen gepostet habe, oder ob sich das Veröffentlichen dieser Meldungen vielmehr auf die Stimmung anderer User auswirke. Um dies zu ergründen, dürfte der gesellschaftliche Umgang mit der Privatsphäre entscheidend sein, die Frage also, ob Nutzer ihre Verhaltensdaten preisgeben wollten und ob die sozialen Medien dies zuließen.
Immerhin gibt es mittlerweile Vorhaben, die mit individuellen, aber anonymisierten Daten arbeiten. Kurz nach der Veröffentlichung von Myungs Arbeit lancierte das Datenanalyseunternehmen Patterns and Predictions mit Unterstützung von Facebook das nach dem Soziologen Emile Durkheim benannte Durkheim Project(öffnet im neuen Fenster). Es analysiert das Verhalten von US-Veteranen auf sozialen Medien und bei Telefonanrufen, um damit das Risiko eines Suizids zu bestimmen. "Wenn dadurch wichtige Bestimmungsfaktoren gefunden werden", sagt Myung Woojae, "würde ich mich freuen." Es sei auch eine Chance, findet er. "So lässt sich hoffentlich zeigen, dass Selbstmord ein soziales Problem ist. Wenn das gelingt, hätten die sozialen Medien meinem Land einen großen Dienst erwiesen."



