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Soziale Netzwerke: Der Kampf um die Hashtags

CC-Camp
Mit Bots versuchen Unbekannte in Mexiko nicht nur, die politische Meinungsäußerung auf Twitter zu beeinflussen. Sie könnten auch Menschen in Gefahr bringen.
/ Jörg Thoma
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Mit Twitter-Bots versuchen Unbekannte in Mexiko, politische Gegner zu diskreditieren. (Bild: Twitter)
Mit Twitter-Bots versuchen Unbekannte in Mexiko, politische Gegner zu diskreditieren. Bild: Twitter

Mehrere Monate lang erhielt Rossana Reguillo Todesdrohungen auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) – Bilder von verbrannten Körpern etwa, zudem Ankündigungen, dass ihre private Adresse veröffentlicht werden würde. Die Sozialwissenschaftlerin setzt sich für gesellschaftliche Veränderungen in ihrem Heimatland Mexiko ein, unterstützt Jugendbewegungen, die gegen die alltägliche Gewalt in dem nordamerikanischen Land kämpfen. Die Drohungen kamen von Bots, wie Analysewerkzeuge belegen. Kaum hatte Twitter ein Bot-Konto gesperrt, wurde ein weiteres eröffnet. Die Flut der Drohungen schwappte auch auf andere soziale Medien über.

Es ist nicht der einzige Fall in Mexiko, in dem mit Twitter-Bots versucht wird, die politische Meinung zu beeinflussen oder Menschen einzuschüchtern. Anders als beispielsweise in der Türkei, wo Twitter kurzerhand landesweit gesperrt wird, wenn sich das politische Establishment bedroht fühlt, nutzen Unbekannte in dem nordamerikanischen Land regelmäßig das soziale Medium, um politische Gegner zu diskreditieren. Die landesweite Lehrergewerkschaft CETEG wurde Opfer einer solchen Rufmordkampagne: Ein schemenhaftes Foto eines Maskierten mit einem Knüppel wurde von Bots massenhaft über Twitter verbreitet(öffnet im neuen Fenster). Der dazugehörige, immer identische Text: Lehrer des CETEG in der Stadt Chilpancingo werfen Steine auf Polizisten.

Besonders von Mexikanern zwischen 20 und 30 werden soziale Medien ausgiebig genutzt. 95 Prozent der Menschen in dieser Altersklasse verwendeten Twitter oder Facebook, zitiert Erin Gallagher(öffnet im neuen Fenster) in einem Vortrag auf dem Chaos Communication Camp 2015(öffnet im neuen Fenster) aus einer aktuellen Studie der mexikanischen Beratungsfirma Competitive Intelligence Unit(öffnet im neuen Fenster). Und entsprechend intensiv nutzen Unbekannte diese Medien, um die Meinung der Nutzer zu beeinflussen. Mexican Botnet Dirty Wars nennt Gallagher den digitalen Informationskrieg.

Echte Peñabots

Im Wahlkampf 2012 setzte das Beraterteam des jetzigen Präsidenten Enrique Peña Nieto auf die sozialen Medien. Dutzende Freiwillige verbreiteten positive Nachrichten über den Präsidentschaftskandidaten(öffnet im neuen Fenster), die kurzerhand Peñabots getauft wurden.

Im Informationskrieg gegen Oppositionelle seien die Unbekannten mit ihren Twitter-Bots äußerst professionell vorgegangen, sagte Gallagher. Sie nutzten Twitters Algorithmen für ihre Zwecke. Unter dem Hashtag #Acapulco verbreiteten Aktivisten Fotos, die die Polizeigewalt bei einer Demonstration im Februar 2015 in der mexikanischen Küstenstadt belegen sollte. Der Hashtag schaffte es in kurzer Zeit in die zehn populärsten, die Twitters Algorithmen berechneten. Die Reaktion der Twitter-Bots kam prompt. Unter dem Hashtag #SoyAmanteDe(öffnet im neuen Fenster) (Ich liebe …) wurden gleichzeitig massenhaft Tweets mit nur gering abweichendem Wortlaut gepostet – so viele, dass der Hashtag #Acapulco regelrecht unterging und schnell wieder aus Twitters Top-Ten-Liste verschwand. Der Hashtag soll nur für diesen Zweck erstellt worden sein, sagte Gallagher(öffnet im neuen Fenster).

Bots setzen Gegentrends

Der Protest gegen das Verschwinden und die vermutliche Ermordung von 43 Studenten im September 2014 bei Iguala(öffnet im neuen Fenster) fand ebenfalls seinen massenhaften Ausdruck in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag #YaMeCansé(öffnet im neuen Fenster) (zu Deutsch: Ich bin müde), einem Zitat des ermittelnden Generalstaatsanwalts Jesús Murillo Karam, machten schnell mehrere Millionen Mexikaner ihrem Ärger über die verschleppten Ermittlungen Luft. Bei über vier Millionen Tweets war Schluss, Twitter sperrte den Hashtag, um dem Missbrauch von Trends vorzubeugen, wie es die Regeln des sozialen Netzwerks vorsehen(öffnet im neuen Fenster). Die Aktivisten setzten einfach eine 1 an den Hashtag und führten die Kampagne so immer weiter fort – bis er mit #YaMeCansé34 abflaute.

Eine Analyse der Twitter-Kampagne mit Hilfe von Werkzeugen wie Gelphi(öffnet im neuen Fenster) oder Flocker(öffnet im neuen Fenster) habe gezeigt, dass auch Bots unter dem Hashtag massenhaft posteten, sagte Gallagher. Ihre schiere Anzahl soll dafür gesorgt haben, dass Twitter einen Trendmissbrauch vermutete und die Hashtags gemäß seiner Richtlinien immer wieder sperren musste. Ob das automatisch geschah oder Twitter-Mitarbeiter eingriffen, konnte Gallagher jedoch nicht sagen.

Warnende Tweets gehen unter

Wie gefährlich solche Bot-Angriffe sein könnten, unterstrich Gallagher mit einem weiteren Beispiel: Die Gewalt bei einem Protestmarsch durch die Hauptstadt Mexiko City im Dezember 2014 drohte zu eskalieren, als die Polizei mehrere tausend Einsatzkräfte zusammenzog, um die Demonstration aufzulösen. Unter dem Hashtag #RompeElMiedo(öffnet im neuen Fenster), Abbruch, warnten Aktivisten, den Stadtteil zu vermeiden, in dem es zu Gewalt kommen könnte. Die Twitter-Bots sollen dafür gesorgt haben, dass die warnenden Tweets in einer Posting-Flut kaum mehr zu erkennen waren.

Gallagher appellierte an die Hacker auf dem Chaos Communication Camp 2015, Analysewerkzeuge zum Aufspüren von Bots auch für technisch nicht versierte Anwender zu entwickeln. Und sie plädierte dafür, eine weltweite Erhebung über den Missbrauch von Bots in sozialen Medien zu starten.


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