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Wenn Moderation krank macht

Content-Moderatoren sind rigorosen Bedingungen unterworfen. Marathon-Schichten von weit über zwölf Stunden und extreme Taktvorgaben sind keine Seltenheit: Ein Mitarbeiter in Kolumbien musste pro Schicht etwa 1.000 Beiträge prüfen – im Schnitt nur wenige Sekunden pro Fall(öffnet im neuen Fenster) .

Pausen sind knapp bemessen, Vorgesetzte überwachen jeden Klick; befristete Verträge und ständige Qualitätskontrollen setzen die Betroffenen zusätzlich unter Stress. Viele entwickeln Depressionen, Angststörungen oder Suizidgedanken.

Vor allem Frauen berichten von sexuellen Traumata: Eine kenianische Moderatorin fühlte sich nach dem täglichen Anblick brutaler Vergewaltigungsvideos abgestumpft und verlor das Verlangen nach Intimität. Die psychischen Wunden verschwinden nicht mit dem Dienstschluss, die Bilder verfolgen die Betroffenen in den Schlaf und hinterlassen tiefe Narben.

Schweigen unter Zwang

Das Thema ist nicht neu: Schon 2023 gab es Berichte über die systematische Auslagerung von Moderationsarbeit und Datenlabeling an Subunternehmen in Billiglohnländern.

Geheimhaltungsverträge (NDAs) zwingen die Beschäftigten zum Schweigen über ihre Arbeitsbedingungen. Offiziell sollen sie vertrauliche Unternehmensinformationen schützen, de facto dienen NDAs jedoch als Maulkorb, der institutionalisierte Ausbeutung verdeckt.

Bei vielen Betroffenen stauen sich Sorgen und Traumata dadurch innerlich an: "Ich habe ein NDA unterschrieben und alles in mir aufgestaut" , zitiert der Equidem-Bericht einen Moderator. Die Angst vor Konsequenzen ist allgegenwärtig: Wer Missstände anspricht oder versucht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, riskiert Kündigung, Klagen – oder auf eine schwarze Liste in der Branche zu kommen.

Die Verantwortung der Plattformen

Nicht einmal gegenüber der Familie oder Therapeuten dürfen sie über ihre Erlebnisse sprechen, was professionelle Hilfe zusätzlich erschwert. So wird das Grundrecht auf Beschwerde und Selbstschutz ausgehebelt – die Betroffenen bleiben isoliert.

Internationale Tech-Konzerne stehen in der Pflicht, auch ihre ausgelagerten Arbeitskräfte zu schützen. Zwar verweist Meta auf angeblich überdurchschnittliche Löhne, psychologische Betreuung und Gewerkschaftsfreiheit bei seinen Dienstleistern, doch die Realität sieht oft anders aus.

"Firmen wie Facebook und Tiktok dürfen sich nicht hinter Outsourcing verstecken" , mahnt die globale Gewerkschaftsallianz(öffnet im neuen Fenster) und fordert faire Löhne und Mitsprache für die Moderatoren. Mancherorts schreiten Behörden ein: In Kolumbien wurde gegen den Dienstleister Teleperformance ermittelt.

Zudem verpflichtet das deutsche Lieferkettengesetz Unternehmen, auch bei ihren Auftragnehmern Arbeits- und Menschenrechte einzuhalten. Diese Verantwortung darf nicht auf Freiwilligkeit beruhen. Es braucht verbindliche internationale Standards und Kontrollen.


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