Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Sojus-MS: Ein letztes Hurra für die alte Dame

Die neue Variante des Sojus-Raumschiffs hat den ersten Flug erfolgreich absolviert. Es soll das letzte Update der russischen Raumfahrtlegende sein.
/ Frank Wunderlich-Pfeiffer
12 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Sojus MS-01 beim Anflug zur ISS (Bild: Screenshot Nasa-TV)
Sojus MS-01 beim Anflug zur ISS Bild: Screenshot Nasa-TV

Auf der jüngsten Mission zur ISS ist ein weiter verbessertes Sojus-Raumschiff mit einer Besatzung aus Russland, den USA und Japan geflogen(öffnet im neuen Fenster). Nach Sojus T, TM, TMA und TMA-M heißt die fünfte Generation des Raumschiffs Sojus MS. Es hat ein leichteres Computersystem, größere und effizientere Solarzellen, neue Steuerdüsen und ein besseres Kommunikationssystem, damit Kosmonauten und Astronauten länger mit den russischen Bodenstationen in Kontakt bleiben können.

Um die neuen Systeme besser testen zu können, wurde für den ersten Flug der neuen Sojus zur ISS das alte Flugprofil gewählt, womit die Besatzung zwei Tage statt nur sechs Stunden in dem kleinen Raumschiff unterwegs war. Bevor das erste Sojus-MS-Raumschiff mit Besatzung aufbrach, wurde das System unbemannt als Progress-Transporter getestet. Bei einem Dockingmanöver feuerten dabei die Steuerdüsen des Progress-MS noch über eine Minute nach dem Andocken, bis sie manuell abgeschaltet(öffnet im neuen Fenster) wurden. Diese und andere Probleme des neuen Systems konnten so vor dem Flug der Besatzung ausgeräumt werden.

Das letzte seiner Art

Sojus MS soll die letzte Generation der Sojus-Raumschiffe sein. Ein Nachfolger mit dem Namen Federazija(öffnet im neuen Fenster) ist bereits in Planung. Grund genug für einen Blick zurück in die Geschichte des Raumschiffs, das schon mehrfach durch eine vollständige Neukonstruktion abgelöst werden sollte. Aber das sowjetische Spaceshuttle Buran absolvierte Ende der 1980er Jahre nur einen Testflug ohne Besatzung. Nach dem Kollaps der Sowjetunion wurde das Projekt eingestellt.

Ein Projekt zum Bau eines Minishuttles namens Kliper(öffnet im neuen Fenster) wurde 2006 eingestellt. Das neue Raumschiff Federazija ist dagegen wieder eine klassische Kapselkonstruktion, womit die Entwicklung fast wieder beim Sojus Raumschiff angekommen ist.

Das Sojus-Raumschiff flog mit seiner markanten Taille erstmals unbemannt vor 50 Jahren im Jahr 1966. Als erste Nutzlast verlieh das Raumschiff dabei auch der Trägerrakete ihren Namen und ihre Nachfolger tragen den Namen bis heute. Dabei ist nie ein Sojus-Raumschiff zu seinem eigentlichen Ziel geflogen. Denn das Raumschiff Sojus entstand ursprünglich im Wettlauf zum Mond zwischen den USA und der Sowjetunion. Im Erdorbit sollte sich das Raumschiff mit mehreren Transportern treffen und genug Treibstoff für einen Flug um den Mond aufnehmen. Nachdem dieses Programm gestrichen worden war, sollte ein Sojus-Raumschiff mit einer großen Proton-Rakete zu einem Flug um den Mond(öffnet im neuen Fenster) gebracht werden. Aber nach den Flügen von Apollo 9 und Apollo 10 wurden auch diese Missionen überflüssig.

Vier Tote in Anfangsjahren

Auch wenn die Pläne für den Flug zum Mond scheiterten, wurde das Sojus-Raumschiff zum Herzstück der sowjetischen und russischen Raumfahrt im niedrigen Erdorbit. Ihre Zuverlässigkeit hatten die Sojus-Raumschiffe aber nicht von Anfang an. Die vorsichtige Testprozedur bei der Einführung jeder neuen Sojus-Generation ist das Ergebnis schmerzhafter Erfahrungen aus einem halben Jahrhundert Geschichte des Sojus-Raumschiffs, wie es heute als äußerst zuverlässig gilt. Der übereilte Erstflug mit einem Piloten endete 1967 tödlich.

Im Vakuum verdampfte im Fallschirmabteil ein Klebstoff und setzte sich im Fallschirm fest, der sich beim Rückflug nicht mehr öffnete. Das Raumschiff wurde überarbeitet und absolvierte die nächsten Flüge erfolgreich. Anschließend sollte es Kosmonauten zur Saljut, der ersten Raumstation der Welt, bringen. Auf dem Flug Sojus-10 gelang das erste Andockmanöver mit der Station, aber erst beim Flug Sojus-11 betraten 1971 Kosmonauten erstmals die neue Station. Probleme gab es dort beim Rückflug.

Für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre trennt sich das Raumschiff in drei Teile auf. Der vordere Teil ist das sogenannte Wohnmodul, das auch als Andockadapter und Luftschleuse dient. Es ist verbunden mit der Rückkehrkapsel und mit dem Hitzeschutzschild, das gut geschützt in der Mitte des Raumschiffs liegt. Der hintere Teil ist das Servicemodul, in dem sich Raketenantrieb, Treibstofftanks, Avionik und Stromversorgung befinden. Vor der Rückkehr müssen das vordere und das hintere Modul mit mehreren Sprengbolzen abgetrennt werden. Bei Sojus-11 zündeten die Sprengbolzen aber gleichzeitig, statt nacheinander. Durch die starke Erschütterung öffnet sich ein Druckventil der Rückkehrkapsel noch im Weltraum. Die drei Kosmonauten an Bord erstickten, bevor sie zurück in die Atmosphäre gelangten.

45 Jahre ohne Todesopfer

Seitdem wurden 119 russische und sowjetische Missionen ohne Todesopfer absolviert. Nur 1983 gab es einen Zwischenfall beim Start, dem die drei Kosmonauten mit Hilfe der Fluchtraketen entkommen konnten, anders als die sieben Astronauten im Spaceshuttle Challenger 1986, wo Fluchtsysteme nicht vorgesehen waren.

Im Lauf der Zeit wurde das Raumschiff immer wieder überarbeitet. Seit dem tödlichen Unglück von Sojus-11 müssen die Kosmonauten bei Start und Landemanövern Druckanzüge tragen. Dadurch war zunächst aber nur noch Platz für zwei Kosmonauten, bis durch schlankere Druckanzüge und mehr Raum in der Kapsel wieder drei Kosmonauten in der Kapsel sitzen konnten.

Flüge zu neun Raumstationen

Zur Versorgung der Raumstationen wurde das Konzept des automatischen Transporters aus dem Mondprogramm benutzt. Die Progress-Transporter sind mit dem Sojus-Raumschiff weitgehend identisch, weshalb sie auch bei jeder Verbesserung der Sojus als Testplattform dienen. Sie haben nur kein Hitzeschutzschild und sind mit Einrichtungen zum Treibstofftransfer ausgestattet. Progress-Transporter versorgten zunächst eine Reihe von sieben Saljut-Raumstationen und ihre militärischen Pendants, die Almaz. Die Almaz(öffnet im neuen Fenster) diente als bemannter Spionagesatellit und wurde sogar mit einer 23mm-Maschinenkanone ausgestattet, um sich gegen potentielle amerikanische Angriffe wehren zu können.

Die Nachfolgestation war dagegen betont friedlich. Mir, "Weltfrieden", war die erste modulare Raumstation, die über Jahre von Sojus- und Progress-Raumschiffen vorsorgt wurde. Nach dem kalten Krieg empfing sie auch das amerikanische Spaceshuttle. Die Mir wurde so zum direkten Vorläufer der Internationalen Raumstation. Das Kernmodul der Mir, DOS-7, war sogar weitgehend baugleich mit dem russischen Swesda(öffnet im neuen Fenster)-Modul der ISS.

Auch wenn die Sojus durch das neue Federazija Raumschiff abgelöst wird, wird das Konzept des modularen Raumschiffs erhalten bleiben. Das chinesische Shenzhou-Raumschiff hat den gleichen Aufbau und soll in Zukunft Taikonauten zu den chinesischen Raumstationen Tiangong-2(öffnet im neuen Fenster) und Tiangong-3(öffnet im neuen Fenster) bringen.

Ob Sojus-MS tatsächlich die letzte Variante des Raumschiffs sein wird, ist dagegen noch nicht völlig sicher. Das erste Federazija-Raumschiff ist noch nicht gebaut und auch die neue Trägerrakete Angara 5 ist bisher nur als Prototyp geflogen. Die Rakete muss erst noch ihre Zuverlässigkeit beweisen, bevor sie in der Variante Angara 5P für Flüge mit Besatzung qualifiziert werden kann. Bis zum allerletzten Hurra wird es also noch etwas dauern.


Relevante Themen