Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Der Abstraktionsturm

Und jetzt kommt der Teil, der mich bitter auflachen lässt.

Vor Kurzem habe ich auf Linkedin einen Post gelesen – von jemanden, Berufsanfänger, in seinen frühen 20ern, der sich darüber beklagte, dass man bei KI gar nicht mehr wisse, was da eigentlich vor sich gehe. Ich dachte: Junge, du bist auf der Abstraktionsleiter schon so weit oben, dass du gar nicht gemerkt hast, dass du schon sehr lange auf der Spitze eines wackligen Jenga-Turms stehst.

In seiner Firma schreiben sie Typescript, das zu Javascript kompiliert wird, das in einer in C++ geschriebenen V8-Engine läuft, die Systemaufrufe an einen Betriebssystemkern sendet, der Threads über Kerne verteilt, die sie nicht kennen, und dabei über einen Speichercontroller mit Caching-Ebenen, die sie nicht mal schematisch darstellen könnten, auf den Arbeitsspeicher zugreift – und das alles, während npm 400 Pakete einbindet, von denen sie noch nie auch nur eine Zeile gelesen haben.

Aber klar: KI ist schuld daran, dass sie den Überblick verloren haben.

Tatsächlich ist der Zug schon lange abgefahren. Wir haben das nur nicht bemerkt, weil die Schichten nach und nach aufgelegt wurden – so langsam, dass wir noch vorgeben konnten, dass wir den ganzen Stack verstehen. KI ist jetzt aber die Schicht, bei der das Vortäuschen unmöglich wird.

Der Unterschied zwischen uns ist, dass ich weiß, wie es sich anfühlt, die Maschine zu verstehen. Ich habe diese Erfahrung gemacht. Die Trauer darüber, dieses Gefühl zu verlieren, auch wenn der Verlust schon lange vor KI einsetzte, kann jemand, der es nie hatte, nicht verstehen.

Was bleibt

Ich möchte ehrlich sein: Es gibt eine Version dieses Posts, in dem ich davon spreche, dass Erfahrung wertvoller denn je ist, dass KI das Nachdenken über Systeme und das Beurteilen von Architekturen nicht übernehmen kann – dass das Handwerk in anderer Form bestehen bleibt.

Und das stimmt auch. Wenn ich an etwas Komplexem arbeite, wenn ich zum Beispiel versuche, Abhängigkeiten auf Systemebene zu managen, mir vorzustellen, wie mehrere miteinander interagierende Spezifikationen aussehen könnten; wenn ich tausend kleine Entscheidungen treffe, die bestimmen, ob sich etwas gut anfühlt oder einfach nur funktioniert – dann wird mir klar, dass ich immer noch etwas einbringe, was eine KI nicht leisten kann. Das Gefühl. Das Urteilsvermögen. Das Erkennen von Mustern nach Jahrzehnten der Beobachtung, was alles schiefgehen kann.

KI-Tools machen diese Art des Wissens nicht wertlos, sondern wertvoller. Wenn das Coden selbst immer billiger wird, wird die Person, die weiß, wonach sie schauen muss, die bemerkt, wenn etwas auch nur ein bisschen nicht stimmt und die das ganze Bild überblickt, wichtiger. Coden war ohnehin noch nie der schwierigste Teil der Arbeit.

Allerdings würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass es sich so anfühlt wie früher. Tut es nicht. Das Wunderbare ist schwerer zu sehen. Dieses Gefühl, etwas zu entdecken, etwas durch schiere Hartnäckigkeit und Neugier herauszufinden, das alles wurde zusammengepresst. Nicht komplett getilgt, aber zusammengepresst. Und dabei ist etwas verloren gegangen – auch wenn etwas gewonnen wurde.

Die Ruhephase

Ich bin gerade 50 geworden. Die vier Jahrzehnte in der Softwareentwicklung waren für mich intensiv, ich habe viel gebastelt, sehr viel Zufriedenheit aus meiner Arbeit gezogen; ich fand sie auch sehr identitätsstiftend.

Jetzt beginnt etwas, das ich eine Ruhephase nenne. Es ist kein Burnout. Es ist eher so, als würde sich der Boden unter einem Gebäude bewegen, von dem man zwar schon wusste, dass es einem ständigen Wandel unterworfen ist, das aber immer eine gewisse Beständigkeit hatte. Ich versuche nun herauszufinden, wo das neue Fundament liegt.

Ich habe keine schlaue Schlussfolgerung aus alldem. Ich werde sicher nicht sagen, dass erfahrene Entwickler "sich in den Stack hineinarbeiten müssen", dass sie "die Tools annehmen" oder "sich darauf konzentrieren sollen, was KI nicht kann". Obwohl das wahrscheinlich alles richtig ist, fühlt es sich nicht richtig an.

Mein Gefühl ist, dass ich 42 Jahre in etwas gesteckt habe, das sich nun geändert hat und das ich nicht wiedererkenne. Es ist nicht unbedingt schlechter, aber anders. Und zwar insofern anders, als es die Identität, die ich darum aufgebaut habe, bedroht und mich nicht mehr so zufrieden macht wie einst.

Ich denke, dass es viele Entwickler über 40 gibt, die sich ähnlich fühlen und es nicht sagen. Die Branche schätzt Jugend und Anpassungsfähigkeit. Zu sagen, dass es sich nicht so anfühlt wie früher, klingt, als würde man nicht mithalten können.

Ich kann mithalten. Ich entwickle mich weiter, ich nutze die neuen Tools, entwickle schneller als je zuvor und verwende die Tools, um anderen zu helfen, ebenfalls schneller zu werden. Ich mache Produkte, von denen ich vor einigen Jahren noch geträumt hätte. Aber gleichzeitig schaue ich mich um und versuche zu erkennen, was Softwareentwicklung eigentlich heutzutage noch ist. Alle um mich herum versuchen das. Vielleicht ist das auch in Ordnung so.

Vielleicht ist das das Entscheidende an der Ruhephase. Man drückt nichts mehr durch, sondern bewegt sich einfach eine Weile im Strom mit.

Ich fing mit sieben mit dem Programmieren an, weil die Maschine genau das machte, was ich wollte, weil es sich nach Entdecken und ultimativem Wissen anfühlte – beinahe magisch. Jetzt bin ich 50 und die Magie hat sich verändert und ich lerne, damit zurechtzukommen.

Übersetzt von Jennifer Fraczek, mit Unterstützung von DeepL.


Wir öffnen unsere neue Community für weitere Mitglieder! Möchtest du in konstruktiver und respektvoller Atmosphäre mit anderen IT-Experten über deine Themen sprechen? Sei dabei und melde dich an!


Relevante Themen