Software Defined Defence (SDD): Upgrades per Update verändern Rüstungsbranche und Bundeswehr
Die Art und Weise, wie heute Krieg geführt wird, hat sich im Vergleich zu früheren Jahrzehnten grundlegend verändert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die fortschreitende Digitalisierung, die längst auch in der Rüstungsindustrie und auf dem Gefechtsfeld Einzug gehalten hat. Um schnell und zielgerichtet auf neue Bedrohungslagen reagieren zu können, setzen Hersteller und Streitkräfte nicht mehr vorrangig auf Hardware-Upgrades oder die Einführung gänzlich neuer Systeme, sondern vermehrt auf die softwaregestützte Weiterentwicklung bestehender Plattformen.
So erhalten etwa unbemannte Systeme des ukrainischen Militärs derzeit nahezu im Wochentakt Anpassungen und neue Funktionen per Update (PDF)(öffnet im neuen Fenster). Dieser Paradigmenwechsel lässt sich unter dem Konzept der sogenannten Software Defined Defence (SDD) fassen, das im militärischen Fähigkeitsaufbau sowie in der Technologieentwicklung zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Auch in Deutschland zeigt sich ein Wandel – sowohl in der Industrie als auch in der Bundeswehr. Start-ups und etablierte Rüstungsunternehmen verlagern den Fokus weg von monolithischen, schwer nachrüstbaren Systemen hin zu offenen, modularen und vernetzten Plattformen, mit denen sich neue Fähigkeiten zügig bereitstellen lassen. Die Bundeswehr beschäftigt sich ebenfalls mit dem Potenzial solcher Ansätze, sei es zur Verbesserung der Einsatzfähigkeit, zur Beschleunigung von Beschaffungsprozessen oder zur Stärkung der Interoperabilität mit ihren strategischen Partnern.
Grundprinzip: Entkopplung von Hardware und Software
Traditionell ist die Entwicklung militärischer Systeme durch eine enge Verzahnung von hochspezialisierter Hardware und darauf abgestimmter Software geprägt. Soll ein solches System angepasst oder erweitert werden, muss die Systemsoftware entsprechend modifiziert werden, was in der Regel nur mit Kenntnis der zugrunde liegenden Hardware möglich ist. Im ungünstigsten Fall ist anschließend eine vollständige Rezertifizierung des Systems erforderlich(öffnet im neuen Fenster).
Um derart langwierige und teils gar nicht vorgesehene Anpassungsprozesse zu vermeiden, setzt Software Defined Defence auf die Entkopplung von Hardware und Software. Systemarchitekturen werden dabei so gestaltet, dass die softwarebasierte Funktionalität unabhängig von der physischen Plattform entwickelt und aktualisiert werden kann. Dazu werden zahlreiche Funktionen nicht mehr hardwareseitig abgebildet, sondern durch Software implementiert, wie bei der Drohne HX-2 des deutschen Rüstungsunternehmens Helsing (über diese und weitere Drohnen berichtete Golem bereits ausführlicher). Dies ermöglicht deutlich kürzere Entwicklungs- und Updatezyklen und senkt zugleich den Bedarf an maßgeschneiderter Hardware. Stattdessen kann in vielen Fällen auf kostengünstigere und schneller verfügbare Commercial-Off-the-Shelf-Komponenten (COTS) zurückgegriffen werden.
Flexibilität durch Middleware und offene Schnittstellen
Als Basis für eine hardwareunabhängige Entwicklung und Aktualisierung von Systemen wird eine sogenannte Middleware benötigt, über die sich neue Softwaremodule, beispielsweise zur Auswertung von Sensordaten, auch ohne tiefergehendes Wissen über die Systemarchitektur aufspielen lassen. Dieser Ansatz ist nicht neu, sondern wird auch in anderen Branchen genutzt, etwa in der Automobilindustrie, um den Aufwand für eingebettete Softwareentwicklung zu reduzieren. Zur Implementierung der Middleware auf einem System ist weiterhin hardwarenahe Programmierung erforderlich, erneute Anpassungen zu einem späteren Zeitpunkt sind jedoch nur in Ausnahmefällen nötig.
Ein Positionspapier des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (PDF)(öffnet im neuen Fenster) aus dem Jahr 2025 sieht vor, dass Hersteller in Zukunft ihre Systeme standardmäßig mit einer entsprechenden Middleware ausliefern sollen. Um zu gewährleisten, dass neue Funktionen agil und bedarfsorientiert auch durch Dritte umgesetzt werden können, ist es zudem erforderlich, dass Programmierschnittstellen offen sind und umfassend dokumentiert werden.
SDD ermöglicht Multi Domain Operations
Obwohl SDD in erster Linie auf die softwarebasierte Bereitstellung militärischer Funktionalitäten abzielt, geht das Konzept weit darüber hinaus. Im Mittelpunkt stehen dabei die Vernetzung militärischer Systeme und der Aufbau digitaler Fähigkeiten, die die Grundlage für eine flexible Einsatzführung bilden sollen. Besonders relevant sind diese in Hinblick auf sogenannte Multi Domain Operations (PDF)(öffnet im neuen Fenster), also auf die Koordination militärischer Aktivitäten über alle Dimensionen (Land, Luft, See, Weltraum, Cyberraum) hinweg sowie auf deren Synchronisation mit nichtmilitärischen Aktivitäten. Um ein solches Zusammenspiel zu ermöglichen, müssen Systeme unterschiedlicher Teilstreitkräfte und Hersteller effektiv miteinander kommunizieren und Daten austauschen können; bisweilen ist in diesem Zusammenhang auch von einem Military Internet of Things(öffnet im neuen Fenster) die Rede.
Essenziell für eine moderne und vernetzte Einsatzführung ist die systemübergreifende Verfügbarkeit von Daten. Anstatt Informationen lokal auf einzelnen Geräten zu speichern, lassen sie sich mit einem SDD-Ansatz zentral bereitstellen und auf vielfältige Weise nutzbar machen. So könnten etwa Aufklärungsdaten nicht nur dem System zur Verfügung gestellt werden, mit dem sie erfasst werden, sondern auch anderen Einheiten zur Lagebeurteilung dienen. Ebenso ließe sich beispielsweise der Munitionsverbrauch eines Kampfpanzers nicht nur durch die Besatzung überwachen, sondern könnte automatisiert in die Materialbeschaffung einfließen (PDF)(öffnet im neuen Fenster).
KI-Unterstützung auf dem digitalisierten Gefechtsfeld
Die Zusammenführung von Daten aus unterschiedlichen Quellen (Sensor Fusion) ermöglicht es, militärische Lagen zunehmend digital abzubilden. Sogenannte Battle-Management-Systeme bündeln Informationen, die unter anderem von Aufklärungsdrohnen oder Fahrzeugen erfasst werden, und bereiten sie auf, so dass menschliche Akteure einen möglichst umfassenden Überblick über das Geschehen auf dem Gefechtsfeld erhalten. Angeboten werden solche Systeme beispielsweise durch die deutschen Rüstungs-Start-ups Helsing (Altra(öffnet im neuen Fenster)), Quantum Systems (Mosaic UXS(öffnet im neuen Fenster)) und Stark Defence (Stark CWC Minerva(öffnet im neuen Fenster)).
Sowohl Altra als auch Mosaic UXS und Stark CWC Minerva können das Gefechtsgeschehen in Echtzeit darstellen und analysieren. Auch künstliche Intelligenz kommt dabei zum Einsatz, etwa zur Koordination von unbemannten Systemen wie Drohnen und Drohnenschwärmen, oder zur Unterstützung von Analyseprozessen. Zu diesen zählen die Identifikation potenzieller Ziele und das Ableiten von Handlungsempfehlungen, beispielsweise zur Auswahl geeigneter Waffensysteme für einen Angriff. Die Entscheidung, ob ein Angriff durchgeführt wird, verbleibt jedoch stets beim Menschen.
Auch etablierte Player setzen stärker auf Software
Nicht nur jüngere Unternehmen der deutschen Rüstungsbranche verfolgen softwarezentrierte Entwicklungsansätze, auch etablierte Player richteten sich inzwischen am SDD-Paradigma aus. So arbeitete Rheinmetall in den vergangenen Jahren verstärkt an eigenen Lösungen und stellte im Mai 2025 mit der Rheinmetall Battlesuite(öffnet im neuen Fenster) erstmals ein entsprechendes Komplettsystem(öffnet im neuen Fenster) vor, das 2026 marktreif sein soll.
Die Battlesuite umfasst ein KI-gestütztes Battle-Management-System sowie eine Middleware, den Tactical Core, die vom Rheinmetall-Tochterunternehmen Blackned(öffnet im neuen Fenster) entwickelt wurde. Diese ermöglicht es, durch die Installation von Apps ausgewählte Funktionalitäten bereitzustellen, die entweder vom Hersteller selbst oder von Partner- und Drittunternehmen entwickelt werden können (einige von Rheinmetall entwickelte Apps sind bereits erhältlich(öffnet im neuen Fenster)). Eine Besonderheit der Battlesuite liegt darin, dass sie nicht nur auf neuen Plattformen zum Einsatz kommen soll, sondern auch die Integration bestehender Systeme und Technologien vorsieht, unter anderem auch des taktischen Funks(öffnet im neuen Fenster) (eine Digitalisierung des Funkverkehrs wäre beispielsweise mithilfe einer am Cyber Innovation Hub von Bundeswehrsoldaten entwickelte Lösung(öffnet im neuen Fenster) denkbar).
KI-Upgrade für den Eurofighter
Die Integration von Bestandssystemen in eine softwaredefinierte Verteidigungslandschaft ist auch für die Bundeswehr ein zentrales Anliegen. Aus diesem Grund soll der Eurofighter ein umfassendes Upgrade erhalten, das ihn insbesondere im Bereich der elektronischen Kriegsführung mit zusätzlichen Fähigkeiten ausstattet. Zum Einsatz kommt dabei Cirra(öffnet im neuen Fenster), eine KI-basierte Software des Unternehmens Helsing, die in Echtzeit Radarsignale analysieren und die Systeme, die sie aussenden, klassifizieren kann.
Herkömmliche Radarsysteme ließen sich bislang anhand von klar definierten Signaturen identifizieren, zum Beispiel durch die Frequenz oder Wellenform der Radarsignale. Moderne Radarsysteme hingegen können diese Merkmale dynamisch verändern und sind entsprechend schwerer daran zu erkennen. Um dennoch Rückschlüsse auf den Ursprung von Radarwellen ziehen und so gegnerische Luftabwehrstellungen rechtzeitig erkennen zu können, nutzt Cirra Deep Learning, für das zusätzliche On-Board-Rechenhardware bereitgestellt wird. Bis 2028 sollen insgesamt 15 Eurofighter der Luftwaffe mit Cirra und den dafür benötigten Erweiterungen ausgestattet werden(öffnet im neuen Fenster). Darüber hinaus entwickelt Helsing mit Centaur(öffnet im neuen Fenster) derzeit einen KI-Piloten, der perspektivisch in der Lage sein soll, komplexe Luftkampfmanöver autonom durchzuführen.
Innovationen aus der Bundeswehr
Obwohl die Entwicklungen in der deutschen Rüstungsindustrie eng mit den Bedarfen der Bundeswehr verzahnt sind, bestehen über diese hinaus weitere SDD-Initiativen. Eine zentrale Rolle spielt der erwähnte Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, der sich als "Innovationsschnittstelle zwischen Truppe und Technologieentwicklung(öffnet im neuen Fenster)" versteht. Er soll dazu beitragen, dass neue Anwendungen und Funktionen nicht nur von außen, also durch Hersteller, vorgegeben werden, sondern dass sie vielmehr durch konkrete Bedarfe und Anforderungen aus der Truppe heraus entstehen.
Um Innovationen aus der Mitte der Streitkräfte gezielt zu fördern, rief der Cyber Innovation Hub das Format des sogenannten SDD-Sprints ins Leben, bei dem Ideen für neue Anwendungen eingereicht und gemeinsam mit Expertenteams in die Praxis umgesetzt werden können. Ausgewählte Projekte des SDD-Sprints wurden Anfang Juli 2025 bei einem Demo Day vorgestellt, darunter Lösungen zur Drohnendetektion mithilfe ausgedienter Smartphones und zur Übermittlung von Datennachrichten über analoge Funkgeräte.
Resilienz gegen Cyberangriffe ist essenziell
Die Hinwendung vom Analogen zum Digitalen, von Hardware zu Software, bietet zahlreiche Vorteile, eröffnet jedoch gleichermaßen neue Angriffsflächen. Militärische Systeme und ihre Lieferketten sind längst Ziele von Cyberattacken geworden, wie sich erst kürzlich wieder zeigte. Wenn es künftig auch Drittparteien möglich sein soll, Anwendungen in militärischen App-Stores anzubieten, stellt sich die Frage: Wie kann gewährleistet werden, dass manipulierte oder fehlerhafte Softwaremodule nicht in den Einsatz gelangen?
Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall sind sich dieser Herausforderung bewusst und setzen auf hochaktuelle Sicherheitsmaßnahmen(öffnet im neuen Fenster). Dennoch müssen entsprechende Fragen ebenso wie die nach sicheren Updateprozessen im laufenden Betrieb oder nach den Verantwortlichkeiten bei softwarebasierten Fehlfunktionen fortlaufend mitgedacht und überprüft werden. Im Zweifelsfall geht es nämlich nicht nur um technische Systeme, sondern potenziell um Entscheidungen und Aktionen, die direkte Auswirkungen auf Menschen haben.
Lea Schönberger(öffnet im neuen Fenster) ist promovierte Informatikerin und freie Wissenschaftskommunikatorin.
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