Social Media: Ein Netzwerk wie ein Glücksspielautomat

Design-Ethiker Tristan Harris ärgert sich darüber, wie unethisch Firmen aus dem Silicon Valley sich verhalten. Sie behandelten Nutzer, als ob diese an einem Glücksspielautomaten säßen. Anstatt deren Alltag zu verbessern, ginge es nur darum, Aufmerksamkeit zu maximieren.

Artikel von Hakan Tanriverdi/Süddeutsche.de veröffentlicht am
Schon wieder was Neues: 150-mal am Tag schauen Smartphone-Besitzer im Durchschnitt auf ihr Telefon.
Schon wieder was Neues: 150-mal am Tag schauen Smartphone-Besitzer im Durchschnitt auf ihr Telefon. (Bild: Chip Somodevilla/Getty Images)

Tristan Harris unternimmt alles, um nicht auf gut Glück angeschrieben zu werden. Wer mit ihm in Kontakt treten will, bekommt auf seiner Webseite eine Notiz zu lesen: "Ich würde gerne von Ihnen hören, aber gehe zurzeit in einer Flut von E-Mails unter. Damit ich priorisieren kann, wann und wie ich mich bei Ihnen melde, bitte nutzen Sie dieses Formular."

Inhalt:
  1. Social Media: Ein Netzwerk wie ein Glücksspielautomat
  2. Soziale Netzwerke halten Nutzer in einer Endlosschleife

Für die Firma Google arbeitete Harris jahrelang als Design-Ethiker. Er ist also vertraut mit dem System Silicon Valley. Eine Handvoll Designer, sagt er, zwischen 20 und 30 Jahre alt und größtenteils in San Francisco lebend, bastelt an Apps und Webseiten, die alle nur ein Ziel haben: Menschen dazu zu bewegen, mehr Zeit mit diesen Apps und Webseiten zu verbringen. Denn das bedeutet: Mehr Daten werden gesammelt, mehr Werbung wird angezeigt, mehr Geld verdient.

"Ob sie wollen oder nicht, diese Designer lenken damit Gedanken, Verhalten, Gefühle und Entscheidungen von Milliarden Menschen. Jeden einzelnen Tag. Das ist irrsinnig viel Einfluss", sagt Harris.

Auf diesen Einfluss weist Harris hin, auch mit dem Formular. Bevor man ihm schreibt, sollen erst ein paar Fragen ausgefüllt werden. Wie dringend wird eine Antwort gebraucht - sofort, morgen, in einem Monat? Will man Harris als Redner buchen oder findet man seine Arbeit gut? Jede Frage erzwingt ein kurzes Nachdenken der schreibenden Person. In der Betreffzeile steht bereits ein erster Satz: "Bitte seien Sie so spezifisch wie möglich." Harris lenkt sein Publikum. Wenn die E-Mail in seinem Posteingang landet, ist alles bereits sortiert; zeitlich, inhaltlich und thematisch.

Jede Interaktion ist ein kleines Glücksspiel

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Es ist eine Sortierung, die Harris auch von den Firmen aus dem Valley erwartet. Welche Information ist wirklich dringend? Wie kann man Zeit mit den Netzwerken verbringen, ohne das Gefühl zu haben, sie zu verschwenden? Doch Facebook, Google und Instagram wollen gar nicht, dass diese Fragen beantwortet werden. Stattdessen ist jede Interaktion ein kleines Glücksspiel. Wie bei den Automaten im Casino.

In einem viel beachteten Blogbeitrag beschreibt Harris dieses Prinzip als süchtigmachend: Wer die Suchtgefahr maximieren wolle, müsse die Aktion eines Nutzers (das Aktualisieren einer Webseite, das Öffnen der Facebook-App) mal belohnen, mal ins Leere laufen lassen. "Die Suchtgefahr ist am stärksten, wenn die Belohnungsrate am deutlichsten variiert." Wer nicht weiß, wann die nächste Belohnung fällig ist, schaut öfter nach.

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Soziale Netzwerke halten Nutzer in einer Endlosschleife 
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