Social-Media-App: Mit Karma-Punkten zum Jodel-Diplom
"Jeder gute Abend endet mit Sex und/oder einem Döner!", so lautete einer der ersten Jodel der gleichnamigen Social-Media-App. An deutschen Universitäten entwickelte sich das lokale Messaging-Board in diesem Jahr zu einem Viralhit. Was früher Kritzeleien an den Mensatoiletten der Universitäten waren, sind heute Jodel: mal mehr, mal weniger geistreiche Sprüche und Lebensweisheiten aus dem Studentenleben. Wir waren bei dem Berliner Startup zu Besuch und versuchen, das Phänomen Jodel zu ergründen.
"Lokal, anonym, Unis. Das fasst Jodel ganz gut zusammen", sagt Jodel-Erfinder Alessio Avellan Borgmeyer im Gespräch mit Golem.de. "Und das funktioniert irgendwie unglaublich gut." Die App besteht im Grunde aus einem lokalen Beitragsfeed. Text- oder Bild-Jodel, so heißen die einzelnen Beiträge, die aus einem Umkreis von 10 km angezeigt werden. Ein Jodel kann man up- oder downvoten und auch kommentieren – das alles geschieht wie auch das Abschicken von Beiträgen anonym. Wer fleißig jodelt und viel Zuspruch erhält, bekommt Punkte auf sein Karma-Konto.
"Das Anonyme ermöglicht, mit Leichtigkeit aus dem Moment heraus zu sprechen", erklärt Borgmeyer. Die Idee hinter dem Prinzip: Nutzer des sozialen Netzwerks können, anders als bei Facebook oder Twitter, einfach posten, ohne dass andere Nutzer sehen können, was in den vergangenen Jahren alles geschrieben wurde. "Das ist wie abends in einer Bar, in der man sich – vielleicht auch leicht angeschwipst – mit jemandem, den man eigentlich gar nicht kennt, über Gott und die Welt unterhält. In anderen sozialen Netzwerken nimmst du als Nutzer deine Geschichte der letzten Jahre immer mit und erschaffst deine eigene Marke."
Im vermeintlichen Schutz der Anonymität gibt es aber immer wieder sexistische, fremdenfeindliche oder hasserfüllte Beiträge, auch bei Jodel. "Wir könnten niemals langfristig erfolgreich bleiben, würden wir solche Kommentare dulden. Unsere Community reguliert sich aber recht gut selbst, durch Abvoten oder Melden von Beiträgen", sagt Borgmeyer. Hat ein Jodel eine Bewertung von -5, wird er automatisch gelöscht, gemeldete Beiträge überprüft das Community-Management des Startups.
Trotzdem kam es vor allem in skandinavischen Ländern immer wieder zu Mobbing und Drohungen. Zuletzt blieb die zweitgrößte schwedische Universität in Lund im Oktober nach einer Drohung für einen Tag geschlossen(öffnet im neuen Fenster). An einer norwegischen Schule wurde ein Schüler, der über Jodel gemobbt hatte, angezeigt(öffnet im neuen Fenster). "In solchen Fällen arbeiten wir mit den ermittelnden Behörden zusammen, um die Fälle aufzudecken", erklärt Borgmeyer.
'Wir haben Nutzer-zu-Nutzer-Anonymität, sind aber kein lokales Darknet'
Jeder Jodel-Nutzer hat eine ID, der die Beiträge zugeordnet werden können, gleichzeitig speichert das Startup zu jedem Beitrag Geodaten und IP-Adressen. "Wir haben Nutzer-zu-Nutzer-Anonymität, sind aber kein lokales Darknet und wollen auch keines werden", erklärt Borgmeyer. "Viele junge Nutzer, besonders Schüler, sind sich meist nicht ganz im Klaren, welchen Schaden sie mit ihren Beiträgen anrichten können. Die wenigsten Drohungen sind ernst gemeint, müssen aber ernst genommen werden."
Trotz solcher Vorfälle werden die Jodel-Macher an der Anonymität festhalten, darauf baut die App seit der ersten Idee auf. Noch als Student an der RWTH Aachen hatte Borgmeyer 2013 während seines Auslandssemesters in San Diego die Idee zu einer Social-Media-App, damals noch ein anonymer Gruppenchat für Freunde. "Ich kannte ein paar Leute, die von der Idee begeistert waren, und so haben wir unser Studium mitten in der Klausurenphase erstmal auf Eis gelegt und TellM entwickelt, aus dem sich später Jodel entwickelte", blickt Borgmeyer auf die Anfänge seines Startups zurück.
"Wir sind dann alle in eine WG gezogen und waren plötzlich ein Unternehmen mit einem ersten Prototyp der App. Als wir plötzlich Finanzierungsangebote bekamen, war uns klar: Jetzt wird's ernst", sagt Borgmeyer. Im Januar 2014 startete die Beta von TellM in Kolumbien. Dort sei laut Borgmeyer das Social-Media-Verhalten ähnlich wie in den USA, was er bei einem Auslandsjahr während der Schulzeit feststellte. Nachdem der Start in Kolumbien glückte und sich viele begeisterte Nutzer bei dem Startup meldeten, wurde TellM im Frühjahr auch in den USA gelauncht.
"Wir mussten feststellen: Es zündet nicht so richtig. Durch die Anonymität war es den Nutzern gar nicht so wichtig, dass ein Beitrag von jemandem kommt, den man kennt. Viel wichtiger waren viele Inhalte", sagt Borgmeyer. Daraufhin verließen die Mitgründer das Startup, Borgmeyer wollte aber noch nicht aufgeben und entwickelte das Konzept weiter.
Mit Flyern vor der Uni-Mensa
Mit einem neuen Team wurde aus TellM ein lokales Messaging-Board und damit Jodel, doch Borgmeyer war mit dieser Idee nicht der Erste am Markt. Bereits im Frühjahr 2014 wurde eine sehr ähnliche App in den USA veröffentlicht und entwickelte einen kleinen Hype: Yik Yak(öffnet im neuen Fenster). Der größte Unterschied: Bei Yik Yak werden nicht die Beiträge, die in einem Radius von 10 km geschrieben wurden, gezeigt, sondern die aus einer Zone mit einem Radius von 2,4 Kilometern, in der sich der Nutzer befindet.
Doch von Yik Yak ließ sich Borgmeyer nicht abhalten, seine weiterentwickelte App neu unter dem Namen Jodel zu starten, dieses Mal an seiner Heimatuni in Aachen. "Nachdem wir quasi einmal um die Welt sind, wollten wir dieses Mal in Deutschland starten", sagt Borgmeyer. "An der Mensa haben wir mit ein paar Flyern Werbung für unsere neue App gemacht und den Link zum Appstore in ein paar Facebook-Gruppen gepostet. Unser Ziel war es, in einem Monat 100 Nutzer zu haben. Die hatten wir bereits nach ein paar Stunden. Minütlich kamen Beiträge rein, die nicht von uns kamen, und da wusste ich: Wir haben einen Nerv getroffen."
Mit einem solchen Andrang hatte der Jodel-Erfinder nicht gerechnet, weswegen auch die Serverkapazitäten schnell an ihre Grenzen stießen. "Am Tag 2 und 3 hatten wir deswegen auch kleine technische Schwierigkeiten, später fiel die App teilweise sogar eine Woche lang aus. Die Nutzer sind zum Glück trotzdem geblieben."
Mit Flyern von Uni zu Uni
"Seitdem haben wir uns von Uni zu Uni vorangetastet – erst Chemnitz, dann Tübingen", sagt Borgmeyer. Die Auswahl der Städte sei willkürlich gewesen, man habe sich auch an Standorte wagen wollen, die dem Startup unbekannt waren. "Auch dort sind wir vor allem durch Mundpropaganda gewachsen. Und Hunderte Flyer haben wir auch dort verteilt."
Mittlerweile ist Jodel nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern gestartet, besonders in den skandinavischen Ländern ist Jodel schnell gewachsen. In ganz Europa zählte Jodel im November eine Million Nutzer, im August waren es noch die Hälfte. Täglich werden fast 100.000 Jodel abgeschickt, weitere Zahlen will das Startup noch nicht nennen. "Wir sind alle schon ein bisschen größenwahnsinnig und wollen natürlich irgendwann weltweit an den Start gehen. Erstmal ist es aber wichtig, den Fokus auf Europa zu legen und weiter zu optimieren", sagt Borgmeyer.
Die App sei nämlich noch lange nicht fertig, zahlreiche Ideen schwirren noch in den Köpfen des 20-köpfigen Teams herum. "Wir arbeiten daran, Jodel aufs nächste Level zu bringen. Etwa Kategorien für einzelne Boards wären in Zukunft denkbar. Aber auch noch viele andere Sachen wollen wir integrieren, die vielleicht nur wie eine kleine Änderung wirken, aber einen großen Unterschied machen", blickt Borgmeyer auf neue Versionen der App.
Prominente Investoren
Wegen der Finanzierung scheint es noch keine Bedenken zu geben. Über Geld und seine teils prominenten Investoren will Borgmeyer ungern sprechen. Etwa Christopher Maire, der mit Atlantic Internet knapp 32 Prozent der Anteile hält, die Samwer-Brüder sind mit rund 12 Prozent an Jodel beteiligt.
Wie Jodel in Zukunft Geld einnehmen will, ist noch nicht klar. "Natürlich haben wir viele Ideen zur Monetarisierung, darauf müssen wir aktuell aber noch keinen großen Fokus legen. Local Advertisement ist ein großes Thema, das für uns interessant wäre. Allerdings haben wir uns damit noch nicht allzu sehr beschäftigt. Die Ideen sind da, aber erst wollen wir Jodel als Plattform noch weiter verbessern", sagt Borgmeyer. Bis dahin bleibt Jodel für alle mit Android- oder iOS-Smartphone kostenfrei und ohne Werbung.
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