Social Bots: Furcht vor den neuen Wahlkampfmaschinen
Im Jahr der Bundestagswahl machen nicht nur gezielte Falschmeldungen, sondern auch Bots auf Twitter und Facebook einige Politiker nervös. Wie der Spiegel berichtete(öffnet im neuen Fenster), wollen die Justizminister der Länder den Einsatz von Social Bots als "digitalen Hausfriedensbruch" zur Straftat erklären. Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt forderte am Montag in der Rheinischen Post(öffnet im neuen Fenster) eine gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung maschinell erstellter Meldungen in sozialen Medien, also eine Art Anti-Bio-Siegel für Tweets.
Auch im Bundestag ist das Thema angekommen. Am kommenden Mittwoch will sich der Ausschuss Digitale Agenda unter anderem mit dem Thema Bots befassen, am Donnerstag wird das Büro für Technikfolgen-Abschätzung dazu ein öffentliches Fachgespräch(öffnet im neuen Fenster) mit 20 Experten(öffnet im neuen Fenster) durchführen.
Bisher plant die Bundesregierung nicht, gesetzgeberisch gegen Social Bots tätig zu werden. Sie will erst einmal prüfen, ob das wirklich nötig ist(öffnet im neuen Fenster) – angesichts der dünnen Faktenlage ist das durchaus nachvollziehbar.
"Potenzial, das Vertrauen in die Demokratie zu unterlaufen"
Wie dünn diese ist, geht aus einem Thesenpapier des Büros für Technikfolgen-Abschätzung hervor. Das 16-seitige Dokument(öffnet im neuen Fenster) stellt einen Zwischenbericht zu einer Studie über Social Bots dar, die das Büro derzeit durchführt.
Zwar heißt es darin einerseits, Social Bots würden zur Manipulation oder Desinformation eingesetzt und ihre Entwickler könnten "bis auf wenige Ausnahmen nicht identifiziert oder rückverfolgt werden". Sie würden "momentan im Wesentlichem eingesetzt, Diskussionen inhaltlich zu verzerren, die Wichtigkeit von Themen oder die Popularität von Personen und Produkten künstlich zu überhöhen".
Dadurch trügen sie "zur Veränderung der politischen Debattenkultur im Internet bei und können durch die massenweise Verbreitung von (Falsch-)Nachrichten zu einer Desinformation und 'Klimavergiftung' im öffentlichen Diskurs führen". Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Bundestages schließen daraus: "Social Bots bergen das Potenzial, das Vertrauen in die Demokratie zu unterlaufen."
Andererseits betonen sie, das alles sei graue Theorie: "Die tatsächlichen Effekte der Social Bots auf die politische Meinungsbildung und wirtschaftliche Prozesse beruhen jedoch überwiegend noch auf Annahmen, weil keine der bisherigen Studien einen gesicherten Nachweis der Wirkungen und Effekte von Social Bots liefern konnte."
Vor allem für einen unmittelbaren Effekt der automatisierten Propaganda gibt es derzeit keinerlei Beleg. Einer der Forscher, auf den sich die Bundestags-Mitarbeiter berufen, ist der Politikwissenschaftler Simon Hegelich. Er schreibt in einer eigenen Analyse für die Konrad-Adenauer-Stiftung(öffnet im neuen Fenster), es sei "relativ sicher ausgeschlossen, dass Manipulation quasi auf Zuruf der Bots passiert: Alle Studien sprechen dagegen, dass jemand seine politische Überzeugung ändert, nur weil er eine Nachricht in den sozialen Netzwerken sieht".
Auch quantitative Aussagen sind für Deutschland bisher kaum möglich. Zitat aus dem Thesenpapier aus dem Bundestag: "In den Foren der deutschen Parteien scheinen Social Bots – im Vergleich zu den USA – noch keine gewichtige Rolle zu spielen."
Twitter hat in Deutschland nur wenige Nutzer
Das hat auch etwas mit der Technik zu tun. Um einen Bot auf ein soziales Netzwerk loslassen zu können, braucht ein Entwickler den Zugang zu diesem Netzwerk über dessen Programmierschnittstelle (API). Die sozialen Netzwerke haben alle so eine API, aber sie gewähren den Entwicklern unterschiedlich viele Rechte. Andree Thieltges, der im Projekt Social Media Forensics(öffnet im neuen Fenster) der Universität Siegen über Manipulationstechniken in sozialen Medien forscht, sagt im Gespräch mit Zeit Online: "Technisch ist es besonders einfach, Bots für Twitter zu entwickeln. Auf Facebook ist das schwieriger, aber ich könnte mir vorstellen, dass das Botaufkommen in Facebook bei einem so singulären Ereignis wie der Bundestagswahl zumindest ansteigt. Und ich gehe davon aus, dass in der heißen Phase des Wahlkampfs auch die Kommentarseiten mancher Medien ganz anders von Bots frequentiert werden als bisher."
Im Thesenpapier aus dem Bundestag heißt es dazu: "Der primäre Wirkungsraum für Social-Bot-Aktivitäten scheint – zumindest momentan – Twitter zu sein." Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zu den USA, wo im Wahlkampf einer Untersuchung zufolge(öffnet im neuen Fenster) zeitweise 19 Prozent aller Pro-Trump- oder Pro-Clinton-Botschaften von Twitter-Bots verbreitet wurden: Dort hat Twitter nach eigenen Angaben 67 Millionen aktive Nutzer(öffnet im neuen Fenster), geschätzt hat also jeder vierte Wahlberechtigte ein Twitter-Konto. Auf diesen Wert kommt auch das Pew Research Center(öffnet im neuen Fenster). Genaue Zahlen für Deutschland gibt das Unternehmen nicht heraus(öffnet im neuen Fenster), aber je nach Schätzung und Messmethode gibt es hier zwischen vier Millionen und weniger als einer Million aktive Nutzer, das wäre bestenfalls jeder 15., vielleicht aber auch nur jeder 62. Wahlberechtigte.
'Besonderes Multiplikatorpotenzial' in Deutschland
Von der Aktivität der Twitter-Bots würden also nur wenige Bundesbürger etwas direkt mitbekommen. Indirekt schon eher. "Es gibt auch Bots, die darauf abzielen, nicht im Netzwerk selbst zu wirken, sondern in die Berichterstattung etablierter Medien zu gelangen", sagt Thieltges. Die Bundestagsexperten sehen das ähnlich. Sie schreiben, Twitter werde "in Deutschland anscheinend von sehr vielen Meinungsführern genutzt, wodurch sich ein besonderes Multiplikatorpotenzial ergibt".
Allerdings sind die Autoren nicht recht davon überzeugt, dass es Twitter noch lange geben wird: Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens sei es "nicht völlig ausgeschlossen, dass Twitter mittelfristig an Bedeutung verliert oder gar aus dem Markt wieder ausscheidet".
Twitter und Facebook wollen nicht mit den Bundestagsexperten reden
Wie groß das Phänomen Social Bots im Zuge des Bundestagswahlkampfes wird, ist noch nicht abzusehen. Wenn es die Botaccounts schon gibt, dann sind sie noch weitgehend inaktiv, "weil die relevanten Hashtags noch nicht kursieren und die wahlentscheidenden Debatten noch nicht laufen", sagt Thieltges.
Es ist allerdings auch schwierig, Social Bots zu erkennen, auch ohne direkt mit ihnen zu kommunizieren. Gut gemachte Varianten machen zum Beispiel Ruhepausen und Tippfehler, um menschlich zu wirken. Helfen könnten die Betreiber der sozialen Netzwerke, heißt es im Thesenpapier. Sie könnten zum Beispiel "den Entwicklern von Enttarnungsmechanismen höhere API-Bandbreiten zur Verfügung stellen", also bessere Analysefähigkeiten. Doch ob die Unternehmen das in Erwägung ziehen würden, ist derzeit unklar. "Vertreter von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter", heißt es in den Vorbemerkungen des Papiers, "konnten trotz intensiver Bemühungen nicht für ein Interview gewonnen werden".
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