Snowden-Unterlagen: NSA entwickelt Bios-Trojaner und Netzwerk-Killswitch
Mindestens seit dem Jahr 2007 arbeitet die NSA an mehreren Projekten, um die Firmware von PC-Komponenten direkt angreifen zu können. Dies geht aus einem neuen Dokument (PDF(öffnet im neuen Fenster)) aus dem Fundus von Edward Snowden hervor, das der Spiegel veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) hat. Dabei handelt es sich um einen Plan für Projekte, für die der US-Geheimdienst Mitarbeiter auf Zeit gesucht hat.
Eines der Projekte ist Berserker, für das dem Dokument zufolge bereits vor acht Jahren ein "stabiler Kern" existierte. Berserker wird dort als "dauerhafte Hintertür, die ins Bios implantiert wird" beschrieben. Das Programm läuft dabei im System Management Mode (SMM(öffnet im neuen Fenster)) von x86-Prozessoren. Dies ist eine Betriebsart der CPUs, bei der eine Kombination aus Firmware im Prozessor (dem sogenannten Microcode) und dem Mainboard abseits von Betriebssystemen und Treibern vollen Zugriff auf den Hauptspeicher des Rechners hat.
Berserker könnte damit dazu eingesetzt werden, einen Rechner unsichtbar für Antivirenprogramme und andere Schutzmechanismen auszuspionieren. Daher arbeitet die NSA den Unterlagen zufolge auch daran, "parasitäre Treiber" für Netzwerkkarten zu schreiben, die von Berserker angesprochen werden können. Es wäre damit wohl möglich, Inhalte aus einem PC direkt auszulesen und per Internet zu verschicken.
Direktes Auslesen des RAM
Vor Schutzprogrammen versteckt sich Berserker nicht nur durch seine Integration im Bios, sondern auch, indem es den Windows-Kernel, Treiber und Anwendungen inspizieren kann. Dafür gab es spätestens 2007 – aus diesem Jahr stammt das Dokument – einen Prototyp der Software für Windows 7, der auch auf Windows XP und Windows Server 2008 umgesetzt werden sollte. Bei bestimmten, namentlich nicht genannten Linux-Versionen war es über Berserker damals auch schon möglich, Programme in das Betriebssystem einzuschleusen. Beim von der NSA mit entwickelten Selinux klappte das aber damals noch nicht. Installiert werden kann Berserker unter anderem von einem Windows-Programm, das die NSA für das Beschreiben des Bios entwickelt hat.
Solche Malware, die in der vom Nutzer kaum änderbaren Firmware von PCs verankert ist, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Symantec hatte 2011 einen Schädling namens Membroni entdeckt, der sich im Bios festsetzen konnte. 2013 gab es dann Berichte über eine Art Super-Trojaner, der Badbios genannt wurde. Er soll sogar in der Lage gewesen sein, ohne jegliche Netzwerkverbindung Daten zu verschicken und damit den Air Gap zu überwinden. Sicherheitsforscher bezweifelten damals(öffnet im neuen Fenster) die reale Existenz und Funktionalität solcher Malware, hielten es aber prinzipiell für möglich, sie zu konstruieren.
Firmware-Implantate für Festplatten und SSDs
Wenn nicht das Bios angegriffen werden kann oder soll, setzt die NSA auf Angriffe auf andere Komponenten. Dafür gab es 2007 bereits eine Kombination aus Firmware und Funkmodul für 3,5-Zoll-Festplatten namens Saddleback. Das Modul kann über kurze Distanzen an einen Empfänger Daten senden und liest diese aus der seriellen Schnittstelle aus, die bei Festplatten für die Wartung vorgesehen ist. Eine Modifikation des SATA-Ports, so die NSA, sei dabei dann nicht mehr nötig.
Nicht nur das Auslesen von Massenspeichern aus der Ferne, sondern auch das Zerstören von Daten ist ein Entwicklungsziel der NSA. Mit dem Projekt Argylealien sollte die Funktion zum sicheren Löschen von Festplatten für die Agenten nutzbar gemacht werden. Auch als Secure Erase bekannt, bieten dieses Feature heute vor allem SSDs. Der Geheimdienst wollte es offenbar auch aus der Ferne auslösen können, denn das Ziel war wörtlich, "Datenverluste auszulösen".
NIC wird Brick
Weniger technische Details gibt es zum Projekt Passionatepolka. Es dient dazu, von außen Netzwerkkarten funktionslos zu machen. Die NSA verwendet dafür den Begriff "to brick", der bei technischen Geräten gemeinhin dafür steht, dass sie nicht mehr ansprechbar und vom Nutzer nicht zu reparieren sind. Das wäre ein eleganter Weg, um gegnerische Rechner beispielsweise in der digitalen Kriegsführung aus dem Netz zu nehmen. Solche "D-Waffen", wie sie der Spiegel nennt(öffnet im neuen Fenster), entwickelt die NSA seit längerem aktiv. Das deckt sich mit jüngsten Aussagen von Edward Snowden, der vor teilweise automatisierten Auseinandersetzungen von Computersystemen gewarnt hat.
Dabei stehen den Agenten oft spezialisierte Firewall-Geräte im Weg. Für zwei solcher Devices von einem bestimmten Hersteller gab es laut dem Projektplan bereits Hintertüren – auch spezialisierte Hardware zum Abschotten von Netzen kann also nicht mehr immer als sicher gelten. Hat die NSA erst Zugriff auf die Server einer "rivalisierenden Regierung", wie sie in dem Dokument schreibt, kann bei Geräten eines bestimmten Herstellers mit dem Tool Barnfire auch das Bios überschrieben werden. Ein solcher Rechner wäre dann wohl ebenso funktionslos wie eine per Passionatepolka angegriffene Netzwerkkarte.
Die Grundlagenarbeit für die genannten und weitere in dem PDF aufgeführte Attacken auf PC-Komponenten hat die NSA aller Wahrscheinlichkeit nach schon in vielen Jahren zuvor erledigt. Für die Projekte wird jeweils ein Mitarbeiter gesucht, der sie in vier bis sechs Monaten abschließen können soll. Dazu soll es von anderen Entwicklern Unterstützung geben, die NSA nennt hier eigene Spezialisten, die sich unter anderem mit der Programmierung von Embedded-ARM-Kernen von Massenspeichern und von Treibern auskennen.
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