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Snowden im ARD-Interview: "Die NSA geht dahin, wo die Daten sind"

US-Whistleblower Edward Snowden hat erstmals seit seiner Flucht einem Fernsehsender ein Interview gegeben. Er deutet neue Enthüllungen über die Geheimdienstkooperationen an und lehnt ein nationales Routing als Schutz gegen Spionage ab.

Artikel veröffentlicht am ,
Edward Snowden im ersten TV-Interview seit seiner Flucht
Edward Snowden im ersten TV-Interview seit seiner Flucht (Bild: Das Erste/Screenshot: Golem.de)

In einem 30-minütigen Fernsehinterview mit dem NDR (Wortlaut/Originalversion) hat US-Whistleblower Edward Snowden mögliche Enthüllungen über die Zusammenarbeit des Bundesnachrichtendienstes (BND) mit dem US-Geheimdienst NSA angedeutet. Auf die Frage des Journalisten Hubert Seipel, ob der BND der NSA bewusst Daten deutscher Bürger weitergebe, sagte Snowden: "Ob der BND es direkt oder bewusst tut: Jedenfalls erhält die NSA deutsche Daten. Ob sie geliefert werden, darüber darf ich erst sprechen, wenn in den Medien darüber berichtet wurde, weil es als geheim eingestuft wurde." Ihm sei lieber, wenn Journalisten darüber entschieden, was im öffentlichen Interesse liege und veröffentlicht werden solle.

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Es sei aber klar, sagte Snowden weiter, dass die NSA auch über Abermillionen Daten deutscher Bürger verfüge. Das lege die Vermutung nahe, dass der BND davon wisse. Ob dieser aktiv Daten zur Verfügung stelle, dürfe er nicht sagen. Mit Blick auf die NSA fügte Snowden hinzu: "Wenn sie sagen, sie spionieren keine Deutschen absichtlich aus, dann meinen sie also nicht, dass sie keine deutschen Daten sammeln, sie meinen nicht, dass keine Aufzeichnungen gemacht oder gestohlen werden." Wenn jemand hinter dem Rücken die Finger kreuze, könne man seinen Aussagen nicht trauen.

Vermutlich auch andere Regierungsmitglieder ausgespäht

Snowden bezeichnete es zudem als "nicht sehr wahrscheinlich", dass die NSA nur das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausgespäht habe und nicht auch die Kommunikation von anderen Regierungsmitgliedern oder Beratern. Auf die Frage, ob auch andere deutsche Regierungschefs ausgespäht worden seien, sagte Snowden: Er halte solche Informationen für sehr wichtig, allerdings sollten Journalisten die Frage entscheiden, ob der Wert der Informationen für die Öffentlichkeit wichtiger sei als der Schaden, den die Veröffentlichung für den Ruf der US-Regierungsmitglieder bedeute, die die Überwachung angeordnet hätten.

Ähnlich zurückhaltend äußerte er sich zum Thema Wirtschaftsspionage durch die NSA. Auf die Frage, ob die NSA deutsche Firmen wie Siemens oder Daimler ausspioniere, antwortete Snowden: "Ich will wieder nicht den Journalisten vorgreifen. Aber was ich sagen kann, ist: Es gibt keinen Zweifel, dass die USA Wirtschaftsspionage betreiben." Wenn es bei Siemens Informationen gebe, von denen die NSA meine, sie seien für die nationalen Interessen und nicht einmal für die nationale Sicherheit der USA von Vorteil, würde sie der Information hinterherjagen und sie bekommen.

"Der entscheidende Moment"

Snowden gewährte dem NDR am vergangenen Mittwoch das erste Fernsehinterview seit seiner Flucht aus den USA im vergangenen Mai und dem Beginn der Enthüllungen über die Spähprogramme der NSA. Das Interview in deutscher Übersetzung wurde am späten Sonntagabend (23:05 Uhr) in voller Länge ausgestrahlt. Auszüge davon waren kurz zuvor in der ARD-Talkshow "Jauch" zu sehen. Der NDR besitzt nach eigenen Angaben nicht die Rechte an der Originalversion und darf das Gespräch auch nicht im Ausland zeigen. Bereits am vergangenen Donnerstag hatte Snowden aus seinem Moskauer Asyl in einem Internet-Livechat Fragen von Tausenden Twitter-Nutzern entgegengenommen und ein gutes Dutzend davon beantwortet. Einer seiner Berater hatte Ende 2013 bereits angedeutet, dass sich Snowden in diesem Jahr verstärkt in die öffentliche Debatte einmischen wolle.

In dem Interview äußerte sich Snowden zudem über seinen beruflichen Werdegang und versuchte zu erklären, warum er sich über Stationen bei verschiedenen militärischen Einheiten und Geheimdiensten schließlich als Mitarbeiter des Privatunternehmens Booz Allen Hamilton dazu entschloss, die streng geheimen Unterlagen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. "Ein entscheidender Punkt war, als ich gesehen habe, wie der Leiter des Nationalen Geheimdienstes, James Clapper, unter Eid vor dem Kongress gelogen hat", sagte Snowden. "Es gibt keine Rettung für einen Geheimdienst, der glaubt, Öffentlichkeit und Gesetzgeber belügen zu können, die ihm vertrauen und seine Handlungen regulieren." Als er das gesehen habe, sei ihm klar gewesen, dass er nicht mehr zurück könne. Wegen dieser Falschaussage fordern einflussreiche Kongressmitglieder inzwischen ein Strafverfahren gegen DNI-Direktor Clapper.

"NSA geht dahin, wo die Daten sind"

Snowden räumte in dem Interview den Plänen der Deutschen Telekom wenig Chancen ein, durch ein nationales oder regionales Routing die Daten der Bürger besser vor der NSA zu schützen. "Die NSA geht dahin, wo die Daten sind", sagte der 30-Jährige. Es sei viel besser, Daten auf einer internationalen Ebene zu sichern, als wenn jeder versucht, die Daten hin und her zu schieben. "Die Verlagerung von Daten ist nicht die Lösung. Die Lösung besteht darin, die Daten zu sichern."

Für seine eigene Zukunft hofft Snowden offenbar auf einen Deal mit der US-Regierung. "Ich würde es begrüßen, darüber zu reden, wie wir diese Sache auf eine für alle Seiten befriedigende Weise zu Ende bringen können." Mit Blick auf eine angebliche Todesdrohung aus Kreisen der US-Geheimdienste via Buzzfeed sagte Snowden: "Ich werde keine Angst haben." Nach Angaben seines Anwalts Anatol Kutscherena besteht für Snowden auch die Möglichkeit, sein Asyl in Russland jedes Jahr zu verlängern und später die russische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Der russische Duma-Abgeordnete Alexej Puschkow sagte auf dem Weltwirtschaftstreffen in Davos laut New York Times, dass Snowden unbegrenzt in Russland bleiben könne. "Er wird nicht ausgewiesen werden. Es hängt von Snowden ab."

Nachtrag vom 27. Januar 2014, 15:15 Uhr

Der NDR hat das Interview nun doch vollständig im Originalton veröffentlicht. Die Laufzeit des Films ist um zwei Minuten geringer als bei der Fernsehsendung, weil die einleitende Erklärung zum Zustandekommen des Treffens mit Edward Snowden fehlt.

Für weitere Hintergründe zur NSA-Affäre aktualisiert Golem.de fortlaufend diese beiden Artikel:

Chronologie der Enthüllungen

Glossar zur NSA-Affäre



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ikhaya 28. Jan 2014

Das ist doch die alte Analogie: Ich sperr mein Haus nicht ab, denn man kann die Tür ja...

drmccoy 28. Jan 2014

golem.de My personal blog.

MarioWario 27. Jan 2014

Die Chinesen haben ihre Firewall, Indien ist wohl auch wenig begeistert von der...

mfeldt 27. Jan 2014

"Bekanntlich" heißt hier soviel wie "Ich behaupte das jetzt einfach mal so und sollte...

deutscher_michel 27. Jan 2014

Naja guck mal wo die z.B. aktuell bei SPON sind.. irgendwo unten oder unter Netz-NEws...


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