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SNES Classic Mini im Vergleichstest: Putzige Retro-Konsole mit suboptimaler Emulation

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Nintendo erlaubt sich beim Super Nintendo Classic Mini erneut Ausrutscher bei der Emulation, kann aber auch mit Liebe zum Detail punkten. Wir vergleichen die neue Mini- Spielekonsole mit dem Original.
/ Michael Wieczorek
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Unser Vergleichs-Setup vom SNES Classic Mini und Originalhardware (Bild: Golem.de (Foto: Michael Wieczorek))
Unser Vergleichs-Setup vom SNES Classic Mini und Originalhardware Bild: Golem.de (Foto: Michael Wieczorek)

Als die Spielekonsole Super Nintendo in den frühen Neunzigern auf den Markt kam, brachte sie einen großen technischen Fortschritt gegenüber dem Nintendo Entertainment System, kurz NES. 16 Bit statt 8 Bit, doppelt so viele Knöpfe am Controller und Spiele mit speziellen Co-Prozessoren wie dem Super-FX-Chip brachten Gaming auf ein deutlich höheres Niveau. Es ist also nur passend, dass Nintendo auch seine Nintendo-Classic-Mini-Reihe mit dem Super Nintendo Entertainment System (SNES) voranbringt.

SNES Classic Mini - Test und Vergleich mit Original-SNES
SNES Classic Mini - Test und Vergleich mit Original-SNES (06:26)

Nintendos Miniversion des SNES bringt wie bereits das NES Classic Mini eine von Nintendo getroffene Auswahl an Spielen mit. Das Hinzufügen von weiteren Spielen ist von Herstellerseite nicht vorgesehen. Dabei kommt schnell echtes Retro-Feeling auf. Aufgereiht in einer Linie stehen Klassiker wie Super Mario World, Donkey Kong Country, Castlevania 4 oder Final Fantasy 6 auf Knopfdruck bereit.

Anders als beim NES Classic Mini gibt es beim SNES Classic Mini zusätzlich zu vier Speicherpunkten auch die Möglichkeit, das Spiel circa eine Minute zurückzuspulen und von einem früheren Punkt an weiterzuspielen. Damit die Bildschirmränder nicht nur schlicht schwarz erscheinen, hat Nintendo wie einst beim Super Game Boy einen Mix aus elf statischen und dynamischen Rahmen erstellt. Spieler können sich das Genre-Potpourri aus 21 Spielen mit einem Sternenhimmel, einem roten Vorhang oder einem schicken Retro-Holzdesign am Rand ausgeben lassen.

Der Konsole fehlt die lange Leitung

Die Minikonsole muss noch immer in Armreichweite stehen, damit die Bedienung einwandfrei funktioniert. Der Strom kommt über ein Micro-USB-Kabel, die Videoausgabe erfolgt über HDMI in einer Auflösung von 1.280 x 720 Pixeln. Die beiden mitgelieferten Kabel sind sehr kurz, das HDMI-Kabel ist keinen Meter lang.

Kaum ein Nutzer wird regelmäßig von der Couch aufstehen wollen und zum HDTV trotten, um den Reset-Knopf zu betätigen und so ins Hauptmenü zurückzukehren. Das ist nicht nur notwendig, um ein anderes Spiel auszuwählen, sondern auch, um Spielstände zu laden oder die neue Zurückspulen-Funktion zu nutzen.

Spieler müssen die Konsole selbst also als Erweiterung des Controllers ansehen. Clever wäre es gewesen, eine Software-Button-Kombination zu unterstützen, beispielsweise Select und Unten auf dem Digitalkreuz. Die Kabel der Controller sind zwar mit 1,40 Metern länger als die des NES Classic Mini, aber nicht lang genug, um das SNES Classic Mini unter dem Heimfernseher zu platzieren und gemütlich aus zwei bis drei Metern Entfernung zu spielen. Kleiner historischer Fakt: Die Kabel der Originalcontroller waren in Deutschland 2,30 Meter lang, in Japan aber sogar noch kürzer als die des SNES Classic Mini.

Der Controller ist leichter

Der Gamepad-Nachbau des SNES Classic Mini verrät sich nur unter Enthusiasten durch sein etwas geringeres Gewicht. Der Neue wiegt fünf Gramm weniger als das Original, wobei es auch hier Unterschiede zwischen den japanischen Super Famicom und europäischen SNES-Controllern gab. Abseits vom Gewicht sind allerdings nur marginale Unterschiede erkennbar, beispielsweise beim Plastik-Finish oder der Farbe der Aufdrucke. Die Knöpfe und das Digitalkreuz sind sehr gut und fühlen sich vertraut an.

Abgesehen von den kürzeren Kabeln kann man Nintendo hier also keinen Vorwurf machen. Wir hätten statt des proprietären Anschlusses lieber reguläre USB-A-Anschlüsse gesehen. Das wäre auch optisch eleganter, da die proprietären Anschlussbuchsen hinter einer Zierblende liegen, die immer erst aufgefummelt werden muss.

Die Auswahl der Spiele erfolgt über ein schickes Hauptmenü, ein besonderes Augenmerk haben wir im Test auf die Emulation gelegt.

Diffizile Emulation des Super-FX-Chips

Für unseren Vergleichstest nutzen wir ein japanisches Original-Super-Famicom, angeschlossen über RGB (mit und ohne Framemeister). Verbunden haben wir die Konsolen mit einem Fernseher im Game-Mode sowie mit einem alten Röhrenmonitor über einen HDMI-auf-VGA-Adapter.

Aufnahmen werden mit einer Kamera mit 120 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet und ausgewertet. Als Basiswert für die bestmögliche Eingabeverzögerung nehmen wir das Original-Super-Famicom an einem alten Röhrenfernseher von Sony, verbunden über RGB-Kabel, und werten die Differenz als Eingabeverzögerung.

Die kleine Konsole liefert das Bild in der maximalen Auflösung von 720p aus. Beim dreifachen Zoomen in unsere Aufnahmen erkennen wir ein minimales Bildrauschen. Der Bildausgabe der Originalhardware ist der Nachbau in punkto Schärfe überlegen, hier kann auch ein Framemeister, der über RGB angesteuert wird, nicht mithalten. Anders sieht es aus, wenn Scanlines ins Spiel kommen. Der CRT-Scanline-Filter (Cathode Ray Tube, Englisch für Kathodenstrahlröhre) des SNES Mini ist recht unscharf und die Scanlines selbst sind nicht sehr ausgeprägt. Hier sehen die dunklen Scanlines des Framemeisters authentischer aus.

Wie bereits beim NES Classic ist es möglich, die Bildausgabe auch im Aspekt auf 1:1 statt 4:3 anzupassen. Das ermöglicht in einigen Spielen Kreise mit gleichmäßigem Radius, etwa beim Morph Ball in Super Metroid.

Neue Slowdowns

Die Super-FX-Spiele Starfox und Yoshi's Island werden spielbar emuliert. Minimale Grafikfehler sind uns nur in Yoshi's Island beim Warp-Effekt aufgefallen. Unterschiede gibt es bei der Bildrate. Die Spiele laufen mal auf der Originalhardware, mal auf dem SNES Classic schneller. Das wirkt sich auch auf die Ausgabe von Soundeffekten oder der Musik aus. Während wir auf der Originalhardware zwei Aufnahmen der gleichen Level problemlos synchronisiert halten können, laufen Vergleiche mit dem SNES Classic Mini asynchron. Deutliche Patzer wie beim Sound von Mega Man oder Super Mario Bros. 2 auf dem NES Classic liefert Nintendo zwar nicht, bei Yoshi's Island ertönen die Geräusche für das Aufsammeln von Münzen und Yoshi's Strampeln dennoch eindeutig verzögert gegenüber dem Original.

SNES Classic Mini vs Original-SNES (Super FX und mehr)
SNES Classic Mini vs Original-SNES (Super FX und mehr) (05:29)

Die Eingabeverzögerung ist beim SNES Classic sehr niedrig. Einzig bei Super Ghouls 'n Ghosts verwehrt die Emulation bei extrem ruckeligen Passagen zeitweise Eingaben. Das Spiel läuft auch auf der Originalhardware sehr schlecht, allerdings werden alle Eingaben übernommen.

Bei den meisten anderen Spielen unterscheiden sich primär die Ladezeiten. Verglichen mit dem Original sind sie kürzer. Auch in Mega Man X, Contra oder Castlevania stottert es mal mehr, mal weniger. Die Emulation läuft aber generell gut, wenn auch nicht so gut wie beispielsweise unter Higan am PC(öffnet im neuen Fenster) .

Englische Sprachkenntnisse vorausgetzt

Alle 21 Spiele liegen in der amerikanischen NTSC-Version vor. Zwar lässt sich das Hauptmenü auf Deutsch umstellen, die Spiele laufen aber stets auf Englisch. Das ist gleichermaßen Fluch und Segen für Spieler, da sie so in den Genuss der oft flüssigeren und originalgetreueren 60-Hz-Fassung der Spiele kommen, aber auf deutsche Lokalisierungen verzichten müssen.

Die Spieleauswahl bewerten wir insgesamt als sehr gut. Es wäre sicherlich möglich gewesen, 20 andere aus den gut 100 Top-Titeln auf dem Super Nintendo zu finden. Viele Spieler vermissen beispielsweise Donkey Kong Country 2, Sim City oder das Rollenspiel Chrono Trigger. Angesichts der Tatsache, dass sich Squares Rollenspiel noch im Verkauf für den Nintendo DS befindet, ist die Entscheidung allerdings nachvollziehbar.

Zu den schwächeren Titeln zählt das Kirby-Golfspiel, auch Super Punch-Out hätte man durch etwas Hochwertigeres ersetzen können. Die Premiere, Starfox 2, hat uns nach einem initialen Aha-Effekt ziemlich enttäuscht. Das Spiel setzt anders als Starfox (in Deutschland Starwing) nicht auf lineare Level, sondern auf Dogfights wie in den ersten Wing-Commander-Spielen. Starfox 2 ruckelt stark, und die fehlende Präzision beim Zielen mit dem Digitalkreuz wird durch ein extremes automatisches Zielen ausgeglichen. Aus spielehistorischer Sicht bietet der Titel aber natürlich einen großen Reiz.

Verfügbarkeit und Fazit

Das SNES Classic Mini soll am 29. September 2017 zu einem Preis von knapp 100 Euro auf den Markt kommen, kann aber kaum noch vorbestellt werden. Nintendo hat aber angekündigt, mehr und länger Hardware zu liefern als beim NES Classic Mini im vergangenen Jahr, wo die Nachfrage deutlich höher war als das Angebot.

SNES Classic Mini - Test und Vergleich mit Original-SNES
SNES Classic Mini - Test und Vergleich mit Original-SNES (06:26)

Fazit

Das SNES Classic Mini ist insgesamt eine putzige, praktische Retro-Konsole, die mit Leichtigkeit nostalgische Gefühle aufkommen lässt. Wir begrüßen, dass Nintendo die Software-Emulation weiterdenkt. Die neuen Rahmen und das Rückspulfeature sind willkommene Neuerungen, die gut funktionieren.

Für die meisten Spieler wird auch die Qualität der Emulation in Ordnung gehen. Nur wer, wie wir, die Originalhardware zum Direktvergleich heranzieht, bemerkt die dann offensichtlichen Unterschiede bei den Ladezeiten, Bildraten und Timings. Erfreulich ist die sehr geringe Eingabeverzögerung und die hohe Qualität des Controller-Nachbaus.

Bei der Verarbeitung wäre mehr möglich gewesen. Die mitgelieferten Kabel sind zu kurz für moderne Wohnzimmer. Das regelmäßige Bedienen des Reset-Knopfs, um ins Hauptmenü zu kommen, mag authentisch sein, ist aber eher nervig. Schön, dass Nintendo einen zweiten Controller direkt beilegt - schade, dass aber nur wenige Multiplayer-Spiele enthalten sind. Insgesamt ist die Softwaremischung aber erstklassig.

Den geforderten Preis von knapp 100 Euro ist das SNES Mini wert.


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