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Snap Spectacles im Test: Das Brillen-Spektakel für Snapchat-Fans

Die Snapchat -Brille Spectacles hat in den USA einen regelrechten Hype verursacht – was zum großen Teil am eingeschränkten Verkauf lag. Seit kurzem ist die Kamera-Sonnenbrille online bestellbar. Wir haben uns ein Modell kommen lassen und es ausprobiert.
Aktualisiert am , veröffentlicht am / Tobias Költzsch
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Die Snap Spectacles in ihrer Hülle (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Die Snap Spectacles in ihrer Hülle Bild: Martin Wolf/Golem.de

Der Wind pfiff ungewöhnlich stark und kalt über den Platz vor dem Hotel und Casino Monte Carlo in Las Vegas, als wir zu dritt den Spectacles -Verkaufsautomaten suchten. Snap, das Unternehmen hinter dem sozialen Netzwerk Snapchat, war so klug gewesen, zur Consumer Electronics Show 2017 in Las Vegas einen Verkaufsautomaten für seine hochgradig gehypte Kamerabrille unweit des Strips aufzustellen.

Snap Spectacles – Test
Snap Spectacles – Test (01:21)

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Wir waren einen Tag zu spät dran – Pech gehabt, wir mussten ohne die Kamerabrille wieder nach Deutschland fliegen, wo sie bis heute nicht erhältlich ist. Die Verkaufsstrategie – kurzfristig bekanntgegebene, zeitlich begrenzte Verkäufe an speziellen Automaten – half dem Hersteller Snap, seine Kamerabrille in den USA in kurzer Zeit zu einem gefragten Objekt der Begierde zu machen.

Dabei sind Brillen mit eingebauter Kamera nicht neu; die Snap Spectacles lassen sich jedoch direkt mit der Snapchat-App auf einem iPhone oder Android-Smartphone verbinden und synchronisieren die Aufnahmen automatisch. Die zehnsekündigen Filmchen lassen sich so leicht versenden oder zu einer Story zusammenfügen, zu einem 24 Stunden lang einsehbaren Beitrag.

Bestellung nur über Import aus den USA möglich

In den USA kann Snapchats Kamerabrille seit kurzem einfach online bestellt werden, außerhalb Nordamerikas wird aber kein Versand angeboten. Seit Anfang Juni 2017 ist die Brille auch in Deutschland verfügbar. Über einen Versandservice können derartig geografisch limitierte Produkte aber dennoch in andere Länder wie Deutschland importiert werden – was wir für den Test genutzt haben. Nach ungefähr zwei Wochen haben wir ein schwarzes Modell der Spectacles in den Händen halten können. Der kalte Wind in Las Vegas war sofort vergessen.

Die Sonnenbrille kommt in einer stabilen gelben Box, die gleichzeitig als Etui und Ladestation dient. Der in der Hülle eingebaute Akku reicht aus, um die Spectacles ungefähr vier Mal komplett aufzuladen – danach muss die Box selbst geladen werden. Bei gelegentlichen Videoaufnahmen reichte der in der Brille selbst eingebaute Akku bei uns zwei Tage lang aus. Mit dem Ladekabel können wir entweder die Spectacles direkt aufladen oder indirekt über die Ladeschale.

Auch das schwarze Modell ist auffällig

Wir haben uns das schwarze Modell der Brille bestellt – in dem Glauben, damit etwas unauffälliger als mit den roten oder türkisen Spectacles auszusehen. Dabei haben wir nicht bedacht, dass die gelben Ringe um das Kameraobjektiv und die Aufnahmeanzeige bei der schwarzen Brille besonders "flashy" wirken. Unauffällig sind die Spectacles damit nicht.

Hochwertig verarbeitete Sonnenbrille

Die Brille selbst ist hochwertig verarbeitet: Die Front ist aus blickdichtem schwarzem Kunststoff, die Bügel sind leicht durchscheinend und haben ein unauffälliges Hornmuster. Die Scharniere sind stabil, sie sind etwas weiter hinten angebracht als bei herkömmlichen Brillen. Grund dafür ist die Elektronik, die am vorderen linken und rechten Rand eingebaut ist.

Tragen wir die Brille, befindet sich die Kamera neben unserem rechten Auge. Die Aufnahmeanzeige ist schräg über unserem linken Auge angebracht und zeigt nach vorne. Sie dient dazu, dem Gegenüber unmissverständlich anzuzeigen, dass gerade eine Aufnahme läuft. Gleichzeitig zeigt der LED-Ring an, wie weit der Akku noch geladen ist. Dazu müssen wir an den Rand der Spectacles tippen.

Eingebaute Technik irritiert nur am Anfang

Die beiden Anbauten erfordern von uns eine kleine Eingewöhnungszeit. Wir sind es schlichtweg nicht gewohnt, beim Tragen einer Brille in den Augenwinkeln derartige Objekte zu haben. Zu schwer sind die Spectacles aufgrund der eingebauten Technik für uns aber nicht: Mit 48 Gramm empfinden wir auch längeres Tragen nicht als unbequem.

Das grundsätzliche Design der Brille ist sicherlich Geschmackssache. Uns hätte ein Aussehen ähnlich Raybans Wayfarer-Modell besser gefallen. Besonders die Rundungen am oberen Teil des Gestells lassen die Spectactles auf uns und die meisten unserer Bekannten etwas albern wirken.

Die Bedienung der eingebauten Kamera ist einfach: Am linken oberen Rand des Gestells befindet sich ein kleiner Knopf. Drücken wir diesen, nimmt die Kamera ein zehnsekündiges Video, einen sogenannten Snap auf. Dies wird uns in der Brille durch eine kleine weiße LED angezeigt. Zwei Sekunden vor Ablauf der zehn Sekunden fängt diese LED an zu blinken, drücken wir dann noch einmal auf den Knopf, werden weitere zehn Sekunden aufgenommen.

Kein Sucherbild nötig

Eine Möglichkeit, das Sucherbild auf einem Smartphone angezeigt zu bekommen, gibt es nicht – das halten wir aber auch nicht für nötig. Die Aufnahmen sind sehr weitwinklig, weswegen wir schlicht immer das aufnehmen, worauf wir gerade unseren Blick werfen.

Spaßige Aufnahmen mit Freunden

Gut eignen sich die Spectacles für Momente, in denen wir zusammen mit Freunden unterwegs sind und gemeinsam etwas erleben. Dann lassen sich dank der Ich-Perspektive witzige kleine Filmchen drehen. Als nicht eingefleischte Snapchat-Nutzer ist die Zehnsekundengrenze für uns gewöhnungsbedürftig – das gehört aber zum Konzept der Brille.

Die Aufnahmen werden im internen Speicher der Spectacles gesichert, der ungefähr 200 Snaps fasst. Überspielt werden sie drahtlos per Bluetooth oder WLAN, sobald der Nutzer die Snapchat-App öffnet. Ohne Snapchat-Konto und die App kommen wir nicht an die Aufnahmen heran – nach dem Import können sie aber exportiert und anderweitig verwendet werden.

Einfache Synchronisation mit Snapchat-App

Bevor wir die Aufnahmen importieren können, müssen wir allerdings die Brille mit unserem Snapchat-Konto verknüpfen. Das geht relativ einfach über die Snapchat-App, sowohl unter Android als auch unter iOS. Wir müssen lediglich mit den Spectacles auf der Nase unseren Snapcode anschauen, dann erfolgt die Verbindung automatisch.

Auch das Überspielen aufgenommener Snaps erfolgt ohne unser Zutun: Bei einem iPhone werden zunächst per Bluetooth niedrig aufgelöste Versionen der Snaps übertragen. Per Knopfdruck können wir anschließend HD-Versionen anfordern, die dann über ein WLAN-Netzwerk überspielt werden. Bei Android-Smartphones werden diese HD-Versionen automatisch überspielt, nachdem der letzte SD-Snap übertragen wurde – auch hier wird erst Bluetooth genutzt, danach WLAN.

Die Synchronisation ist komfortabel und einfach. Die auf unser Smartphone übertragenen Snaps lassen sich nach dem Import bearbeiten und als Snapchat-Nachrichten verschicken oder als Story hochladen. Die Bearbeitung unterscheidet sich dabei nicht von der herkömmlicher Snapchat-Videos.

Snapchat zoomt die Videos heran

Schauen wir uns die Aufnahmen in der Snapchat-App an, wird die Ansicht leicht herangezoomt; auf diese Weise haben wir ein bildschirmfüllendes Bild, das jedoch nicht vollständig ist. Die außerhalb des Displays liegenden Bildteile können wir einsehen, indem wir unser Smartphone drehen und leicht bewegen.

Niedrige Auflösung und ungewöhnliches Format

Die Videos haben eine Auflösung von 800 x 800 Pixeln, was für das Teilen in sozialen Netzwerken ausreicht – für mehr allerdings auch nicht. Die Farbwiedergabe ist gut, die Belichtung ebenso.

Wer die Videos anderweitig weiterverwenden möchte, kann das tun: Nach dem Import lassen sich die Aufnahmen exportieren und auf dem Smartphone abspeichern. Diese exportierten Videos haben ein ungewöhnliches Format: Sie sind ähnlich wie eine Fisheye-Aufnahme rund und haben einen breiten, weißen Rahmen. Als bildschirmfüllenden Ausschnitt, wie wir ihn uns in der Snapchat-App anschauen können, können wir die Aufnahmen nach dem Export nicht mehr ohne weiteres betrachten. Entsprechend sehen sie als Video-Upload bei Facebook etwas gewöhnungsbedürftig aus.

Auflösung reicht nicht für Weiterverarbeitung aus

Um die Videos mit einem Schnittprogramm weiterzuverarbeiten, empfinden wir die Qualität der Spectacles als zu gering. Um professionelle Aufnahmen aus der Ich-Perspektive aufzunehmen, ist eine Actionkamera mit Headmount sicherlich die bessere Wahl – auch wenn die Snapchat-Brille bequemer ist.

Bei der Nutzung der Spectacles in Deutschland sind rechtliche Aspekte zu beachten. Solange die Brille dazu verwendet wird, direkt Freunde aufzunehmen und diese Videos in deren Wissen und Einverständnis bei Snapchat zu posten, ist die rechtliche Lage unkompliziert. Schwieriger wird es, wenn die Snapchat-Brille beispielsweise dazu verwendet wird, einen Tag aufzuzeichnen und in diesem Zuge auch Aufnahmen von Straßenszenen gemacht werden.

Gesetzeslage in Deutschland kompliziert

In Deutschland hat der Gesetzgeber den Rahmen darüber, welche Art von Aufnahmen von unbekannten Personen gemacht werden dürfen, sehr eng gesteckt. Grundsätzlich erfordern Aufnahmen von wiedererkennbaren Personen deren Einverständnis. Das Kunsturhebergesetz (KUG) sieht allerdings Ausnahmen vor, da mit einer derartig eng gefassten Regelung jegliche Foto- und Videoaufnahmen im Straßenland unmöglich wären.

So dürfen beispielsweise Bilder mit Personen darauf veröffentlicht werden, wenn sie nicht wiederzuerkennen sind – also beispielsweise das Gesicht oder eindeutige Körpermerkmale nicht sichtbar sind. Auch wenn die abgebildete Person ihr Einverständnis für die Aufnahme und deren Verbreitung gegeben hat, ist diese möglich. Hier bewegt sich der Spectacles-Nutzer aber in einem rechtlichen Minenfeld, da derartige Einverständniserklärungen sehr genau formuliert sein müssen.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Zusätzlich formuliert KUG einige Ausnahmen, die Aufnahmen im öffentlichen Raum trotz erkennbarer Personen ermöglichen. Neben Bildern, die Personen der Zeitgeschichte beinhalten, sind beispielsweise auch Aufnahmen rechtlich zulässig, bei denen Personen nur Beiwerk sind – also problemlos weggelassen werden können und dadurch den Inhalt des Bildes nicht verändern. Der Fokus darf dann nicht auf den abgebildeten Personen liegen.

Insgesamt betrachtet ist die rechtliche Situation in Deutschland sehr stark reglementiert. Würden wir mit den Spectacles auf der Nase beispielsweise in der U-Bahn filmen und diese Aufnahmen anschließend bei Snapchat verbreiten, dürfte dies bereits gegen die Regelungen des KUG verstoßen. Vor der Nutzung der Brille sollten sich Träger in Deutschland dieser Einschränkungen bewusst sein.

Verfügbarkeit und Fazit

Seit Anfang Juni 2017 ist die Spectacles von Snap(öffnet im neuen Fenster) auch in Deutschland verfügbar. Für 150 Euro ist sie im Onlineshop des Herstellers zu haben. Die Sonnenbrille ist in den Farben Schwarz, Rot und Türkis erhältlich.

Fazit

Für Snapchat-Nutzer sind die Spectacles durchaus praktisch: Komfortabler als mit Snaps Kamera-Sonnenbrille dürften sich Videos nicht in das soziale Netzwerk einbinden lassen. Die Bedienung ist entsprechend auch voll auf Snapchat zugeschnitten: Die Kamera nimmt automatisch zehn Sekunden lange Videos auf und lädt diese automatisch hoch, wenn wir die Snapchat-App aufrufen. Der Preis dafür beträgt in Deutschland aber bis zu 200 Euro und mehr, was wir für eine Sonnenbrille mit eingebauter Kamera schlicht zu teuer finden.


Das Design der Spectacles ist Geschmackssache, unauffällig bleiben die Träger der Brille allerdings nicht. Das ist insofern ok, als die Brille kein Spionagegerät ist, womit heimlich Aufnahmen gemacht werden können. Durch den leuchtenden LED-Ring bekommt jeder gegenüber eigentlich immer mit, wenn gefilmt wird – es sei denn, die Anzeige würde abgeklebt.

Nutzern, die die Spectacles-Aufnahmen hauptsächlich mit anderen Apps nutzen möchten, können wir die Brille nicht empfehlen. Der komfortable Import funktioniert nur mit der Snapchat-App, von wo aus wir die Videos exportieren können. Das Format ist allerdings nicht ideal.

Zum hohen Preis kommt in Deutschland noch das rechtliche Problem bei Aufnahmen auf der Straße ohne die Einwilligung der beteiligten Personen hinzu. Sie sind nur bedingt möglich, zudem könnte so mancher ungehalten reagieren, wenn er merkt, dass er gefilmt wird. Wer 200 Euro für die Snap Spectacles ausgeben will, sollte sich dieser rechtlichen Umstände bewusst sein.

Nachtrag vom 2. Juni 2017

Snap verkauft die Spectacles(öffnet im neuen Fenster) ab sofort auch in Deutschland. Bis Anfang Juni 2017 konnte die Brille nur über die USA bestellt werden, eine Lieferung nach Deutschland wurde nicht angeboten. Jetzt kann die Brille über den Onlineshop des Herstellers für 150 Euro bestellt werden. Die Passage zur Verfügbarkeit im Test wurde entsprechend aktualisiert.


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