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Smartphone-Flops: Ungewöhnlich ist nicht immer gut oder erfolgreich

In den vergangenen zehn Jahren sind zahlreiche Smartphones gefloppt - aber nicht immer, weil die Geräte wirklich schlecht waren.
/ Tobias Költzsch
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Daumen runter für manche Smartphone-Ideen (Bild: Pixabay)
Daumen runter für manche Smartphone-Ideen Bild: Pixabay / Pixabay-Lizenz

Ein Smartphone ist im Grunde eine einfache Sache: Es hat vier Ecken (manchmal auch runde), ein Display, eine oder mehrere Kameras und lässt sich zum Telefonieren, zum Surfen, zum Fotografieren und zum Spielen verwenden. Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass es immer schwieriger wird, sich als Hersteller von der Konkurrenz abzusetzen.

Bei Leistung, Display, Fotografie gibt es innerhalb der jeweiligen Preisklassen oft nur noch wenige Unterschiede - was nicht verwunderlich ist, benutzen viele Smartphone-Hersteller doch Displays, Kamerasensoren und Prozessoren von denselben Produzenten.

Folglich haben Smartphone-Hersteller immer wieder versucht, sich mit teilweise schrägen Ideen von der Konkurrenz abzuheben. Manchmal war die Idee zwar gut, das Interesse aber eher gering - oder die Umsetzung wirklich schlecht. Hier eine Übersicht unserer Highlights der letzten Jahre.

Google Project Ara

Mit Project Ara sollten Smartphones modular werden: Wer eine gute Kamera braucht, kauft sich ein entsprechendes Modul; wem eine weniger gute Kamera reicht, kann weniger für ein weniger leistungsstarkes Modul ausgeben. Das sollte auch für Display, Prozessor und weitere Teile gelten - Project Ara sollte den Baukasten für Smartphones bieten, die sich Kundenwünschen anpassen sollten.

Project Ara - neuer Trailer
Project Ara - neuer Trailer (01:06)

Google hatte das Projekt zusammen mit Motorolas ATAP-Gruppe (Advanced Technologies and Projects) übernommen und ab 2013 entwickelt - auf Basis einer Idee von Phonebloks, einem niederländischen Startup. Bis 2016 brachte Google immer wieder neue Ideen für Project Ara und auch Prototypen. Anfang September 2016 gab Google allerdings bekannt , dass das Projekt aufgegeben würde.

Eigentlich sollte das Smartphone schon 2015 auf den Markt kommen, auf der Google I/O 2016 hatte Google noch angekündigt, das Projekt retten zu wollen. Damit wäre aber das Grundprinzip der Modularität so gut wie aufgegeben worden - was auch einer der Phonebloks-Gründer kritisierte . Letztlich dürfte Project Ara an den technischen Möglichkeiten und den Produktionskosten gescheitert sein. Dass die Grundidee aber gut ist, zeigt Fairphone, das mit dem Fairphone 4 bereits sein drittes modulares Smartphone vorgestellt hat.

Red Smartphone mit angeblichem Holo-Display

Unter Filmschaffenden ist Red eine absolute Größe: Das Unternehmen produziert hochwertige Kameras, die unter anderem für Filmproduktionen eingesetzt werden. Umso spannender klang die Idee eines eigenen Smartphones, das einen starken Fokus auf die Kamera legen sollte. Das Hydrogen One wurde entsprechend gespannt erwartet - auch wegen des vollmundig als "holografisches Display" angekündigten Bildschirms.

Dieser konnte nach seiner Vorstellung im November 2018 zwar keine Hologramme, aber Inhalte in 3D anzeigen - eine Technik, die an den Nintendo 3DS erinnerte und bereits bei früheren Smartphones von HTC kein nennenswertes Momentum gewinnen konnte. Auch die Kamera war nur guter Standard, mit der Qualität der Red-Kameras konnte das Hydrogen One nicht mithalten.

Für Red-Fans interessant waren die für das zweite Modell angekündigten Module, mit denen Nutzer das geplante Hydrogen Two tatsächlich als Filmkamera hätten nutzen können. Mit der Einstellung des Hydrogen One im Oktober 2019 wurde allerdings auch direkt der Nachfolger gestrichen. Das Smartphone war nicht einmal ein Jahr auf dem Markt. Gescheitert ist es an zu großen Versprechungen und - gemessen daran - zu mageren Ergebnissen.

Im Nachhinein hätte Red allerdings mit einem Smartphone mit einem starken Fokus auf die Kamera durchaus Erfolg haben können. Vielen Nutzern sind die Kameras bei einem Smartphone sehr wichtig, selbst im Mittelklassesegment wird mittlerweile auf eine gute Ausstattung gesetzt. Zusammen mit dem Namen Red wäre ein Smartphone mit Kamerafokus möglicherweise erfolgreicher gewesen als ein Telefon mit 3D-Display und Standard-Hardware.

Amazon Fire Phone ohne Verkaufsfeuer

Auch Amazon hat einen kolossalen Smartphone-Flop vorzuweisen: Das Fire Phone sollte Kunden stärker an den Onlineshop binden und kam mit Amazons eigenem Android-System Fire OS. Nutzer konnten mit dem Smartphone Produkte scannen und direkt bei Amazon bestellen. Vier Kameras auf der Vorderseite standen in direkter Verbindung mit einem Bewegungssensor, wodurch die Benutzeroberfläche so animiert werden konnte, dass ein stereoskopischer Effekt erzielt wurde.

Uns hatte das 2014 im Test gut gefallen, außer bei der Benutzeroberfläche wurde dieser Effekt allerdings nie wirklich genutzt. Auch die gute Bedienbarkeit von Fire OS reichte nicht für einen Erfolg, was auch daran liegen könnte, dass Android an sich auch nicht sonderlich kompliziert ist. In Deutschland war das Fire Phone exklusiv bei T-Mobile erhältlich und musste mit Hilfe eines Codes für andere Netzanbieter freigeschaltet werden.

Amazon Fire Phone - Kurztest
Amazon Fire Phone - Kurztest (04:03)

Für Amazon war das Fire Phone kein Erfolg: Aufgrund der hohen Produktionskosten sanken die Aktien des Unternehmens einen Tag vor der Vorstellung im Juli 2014 um zehn Prozent im Wert. In Nordamerika hatte das Fire Phone im Monat nach der Vorstellung einen Marktanteil von nur 0,2 Prozent. Ein Jahr später, im August 2015, wurde das Smartphone eingestellt, ohne dass ein Nachfolger präsentiert wurde.

Am Ende brauchte der Markt ein Smartphone wie das Fire Phone einfach nicht: Die zusätzlichen Funktionen wie das Einscannen von Produkten waren für Kunden nicht spannend genug und konnten bessere Kameras, schnellere Prozessoren oder offenere Androidsysteme der Konkurrenz nicht ausstechen. An einen Nachfolger hat sich Amazon nie herangetraut und setzt stattdessen weiter auf seine äußerst erfolgreichen Fire-Tablets.

LG zeigte mit dem G5 Mut

Nach dem guten Modell G4 wagte sich der südkoreanische Hersteller LG im April 2016 mit dem G5 an ein modulares Smartphone - zumindest war es ein bisschen modular. Das G5 hatte nicht nur einen wechselbaren Akku, was damals bereits unüblich war, sondern erlaubte es auch, einen Kameragriff oder einen Hardware-DAC anzustecken. Zudem konnte für das Smartphone eine VR-Brille und eine 360-Grad-Kamera gekauft werden.

Das Problem bei den Modulen des G5 war, dass sie nicht hot-swappable waren. Wenn man etwa den Kameragriff anstecken wollte, musste der Akku entnommen werden; dabei ging das Smartphone aus, was aus einem schnellen Wechsel einen längeren Reboot machte. Im Test von Golem.de mussten wir außerdem feststellen, dass das G5 nicht gut verarbeitet war. Das Konzept selbst hatte uns damals aber überzeugt - den Markt offenbar nicht: Das G5 war das erste und letzte Smartphone dieser Art von LG.

LG G5 - Fazit
LG G5 - Fazit (01:19)

Mit dem G6 ein Jahr später schwenkte LG wieder auf ein Smartphone traditioneller Bauart um, das Konzept der Dualkameras behielt der Hersteller aber bei. Ob die modulare Herangehensweise später vielleicht Erfolg gehabt hätte, ist fraglich: Hersteller wie Motorola versuchten es auch mit ansteckbaren Modulen, von denen mittlerweile nichts mehr zu sehen ist. Vielleicht wollen die meisten Smartphone-Nutzer einfach ihr Smartphone aus der Tasche ziehen und es benutzen, ohne vorher neue Module daran zu befestigen. Mittlerweile ist LG komplett aus dem Smartphone-Geschäft ausgestiegen, nachdem noch ein paar weitere ungewöhnliche und erfolglose Modelle präsentiert worden waren.

Yotaphone mit zwei Displays

Das Yotaphone sowie die Nachfolgemodelle Yotaphone 2 und Yotaphone 3 waren recht einzigartige Geräte im Smartphone-Markt: Als einer der ersten Hersteller griff das russische Unternehmen Yota Devices, eine mittlerweile insolvente Tochterfirma von Yota, das Konzept von zwei Bildschirmen bei einem Smartphone auf. Auf der Vorderseite hatten die Geräte ein LC-Display, auf der Rückseite ein E-Paper-Display.

Auf diesem konnte das Android-System gespiegelt werden und etwa E-Book-Reader aufgerufen werden. So ließ sich deutlich akkuschonender auf den Smartphones lesen. Da E-Paper-Displays keinen Strom benötigen, wenn sie das Bild nicht ändern, ließen sich auch Dokumente wie Boarding-Pässe einfach auf der Rückseite der Smartphones parken. Das erste Yotaphone kam im Dezember 2013 auf den Markt, in Deutschland war es ab Anfang 2014 verfügbar. Vorausgegangen waren mehrere Verschiebungen des Starttermins, zwischenzeitlich wurde auch die Hardware noch einmal geändert.

Yotaphone - Test
Yotaphone - Test (03:29)

Im Test des ersten Yotaphones fiel uns auf, dass das E-Paper-Display qualitativ nicht so gut war wie damalige Kindle-Reader von Amazon. Außerdem handelte es sich nicht um einen Touch-Bildschirm, die Steuerung erfolgte über eine berührungsempfindliche Leiste. Von Anfang an gab es zudem zu wenige Apps, die tatsächlich sinnvoll mit dem zweiten Display auf der Rückseite interagieren konnten.

Mit der zweiten Version konnte Yota Devices das Konzept deutlich verbessern, vor allem die Qualität des E-Paper-Displays. Die Software blieb aber ein Problem, zudem stieg der Preis von 500 auf 700 Euro. Für ein Nischenprodukt war das 2014 deutlich zu viel. 2017 erschien noch das Yotaphone 3 in China, danach gab es keine neuen Modelle mehr.

Samsung Galaxy Note 7: Das eigentliche Fire Phone

Man soll immer mit einem Feuerwerk enden - daher haben wir uns das Galaxy Note 7 von Samsung für den Schluss unseres Flop-Artikels aufgespart. Das Galaxy Note 7 war Samsungs Stift-Smartphone aus dem Jahr 2016 und führte neben neuen S-Pen-Funktionen auch einen Iris-Scanner zum Entsperren des Smartphones ein. Die Hardware war ansonsten weitgehend identisch mit dem Galaxy S7.

In Erinnerung bleibt das Note 7 aber eher nicht wegen der Funktionen, sondern wegen eines Fabrikationsfehlers beim Akku , aufgrund dessen das Smartphone öfters in Flammen aufging . Zunächst tauschte Samsung bereits verkaufte Geräte gegen vermeintlich sichere Modelle ein - nachdem sich diese im Laufe des Herbstes auch immer wieder mal entzündet hatten , stellte der südkoreanische Hersteller die Produktion ein und nahm das Smartphone vom Markt .

Samsung Galaxy Note 7 - Fazit
Samsung Galaxy Note 7 - Fazit (01:06)

Später drängte das Unternehmen unwillige Kunden, die ihr Note 7 nicht zurückschicken wollten, durch die Deaktivierung der Ladefunktion zum Umtausch. In Flugzeuge konnte man das Smartphone ab Ende 2016 auch nicht mehr mitnehmen: Die Airlines schätzten die Brandgefahr als zu hoch ein.

Samsung erholte sich von dem Note-7-Fiasko erstaunlich gut - was auch an einer recht offenen Kommunikation der Unfallgründe lag. Mit dem Galaxy Note 8 stellte man 2017 einen Nachfolger vor, der nicht Feuer fing. Heute ist Samsung immer noch der größte Smartphone-Hersteller der Welt, die brennenden Note 7 haben sich langfristig nicht negativ auf das Unternehmen ausgewirkt. Auch das Problem mit seinem ersten faltbaren Smartphone konnte daran nichts ändern.


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