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Smartes Fernglas Unistellar Envision: Am Himmel spazierengehen

Das Unistellar Envision ist ein smartes Fernglas mit AR-Fähigkeiten. Wir konnten die ersten Prototypen ausprobieren – mit großer Freude!
/ Mario Keller
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Unistellar bringt ein neues Fernglas heraus, das Envision. (Bild: Unistellar)
Unistellar bringt ein neues Fernglas heraus, das Envision. Bild: Unistellar

Die französische Firma Unistellar ist seit einigen Jahren mit smarten Teleskopen auf dem Markt. Einige der Teleskope haben wir schon näher angeschaut, zum Beispiel das eVScope 2 (g+) oder das eQuinox 2 . Ein häufiger Kritikpunkt ist das elektronische Okular, da man am Ende nur auf ein kleines Display schaut, statt die Objekte am Nachthimmel mit bloßem Auge zu betrachten.

Mit dem Envision Fernglas geht Unistellar neue Wege und kombiniert ein echtes optisches Instrument mit einer zusätzlichen Einheit Augmented Reality (AR), die Informationen in das Bildfeld des Nutzers einblenden kann. Vor einigen Wochen hat Unistellar Medienvertreter aus England, Frankreich und Deutschland in die Provence eingeladen, um die ersten Prototypen auszuprobieren.

Das optische System selbst ist bewährte Technik: ein Fernglas mit 50 mm Öffnung und zehnfacher Vergrößerung mit Porro Prismen und BAK4 Bariumkronglas. Das Bildfeld hat 6° (circa 110 m auf 1.000 m) bei einer Austrittspupille von 5 mm.

Hinzu kommen die üblichen Elemente wie ein zentraler Fokus, ein Dioptrienausgleich am Okular, ausstellbare Augenmuscheln und die Möglichkeit, den Augenabstand einzustellen. Das Fernglas ist durch die zusätzliche Technik und den verbauten Akku mit 1,2 kg etwas schwerer als vergleichbare Instrumente, lässt sich aber gut als normales Fernglas unabhängig von den elektronischen Erweiterungen benutzen. Die Batterie wird nur für den Betrieb der zusätzlichen Elektronik benötigt.

Der fest verbaute Akku reicht laut Unistellar für rund fünf Stunden Betrieb oder 1.000 Beobachtungen. Die interne Datenbank speichert über 1.000 astronomische Ziele, 200.000 individuelle Sterne und über eine Million terrestrische Landmarken.

Wie funktioniert das Unistellar Envision?

Eingebettet in das optische System ist eine AR-Einheit, die das Bild eines Displays in den optischen Pfad für das rechte Auge einblendet. Das Display ist einfarbig, es wurde bewusst die Farbe Rot gewählt, um bei nächtlichen Beobachtungen die Nachtsicht nicht zu beeinträchtigen. Die Einblendungen decken nicht das komplette Bildfeld ab, sondern circa 80 Prozent, was aber völlig ausreichend ist.

Das Positionssystem des Envision besteht aus empfindlichen Sensoren zur Positionsbestimmung von GPS und Glonass, einem präzisen Lagesensor und einem elektronischen Kompass. Die Kombination der Daten aus diesen Sensoren ermöglicht eine sehr genaue Bestimmung der Blickrichtung.

Das System hat keine Kamera und nutzt daher keine Bilderkennung. Alle Einblendungen werden in Echtzeit im Gerät selbst aus den Lagedaten und den gespeicherten Umgebungs- beziehungsweise Himmelsdaten berechnet und angezeigt.

Die Bedienung erfolgt über verschiedene Knöpfe auf der Oberseite des Fernglases. Hier lassen sich die Helligkeit der Einblendungen einstellen, man kann zwischen verschiedenen Modi beziehungsweise eingestellten Objekten wechseln oder die Anzeige neu kalibrieren, falls optisches Bild und Einblendung gegeneinander verschoben sind.

Es gibt verschiedene Betriebsmodi für den Betrieb bei Tag und in der Nacht, die der Hersteller wie folgt beschreibt:

  • Smart Scouting: 3D-Kartenansicht mit Geländepunkten, Wegen, Wasserquellen und Unterkünften.
  • Guided Navigation: Anzeige von Richtungsvektoren, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
  • Target-Lock Sharing: Markieren eines anvisierten Punktes, um ihn einem anderen Betrachter zu zeigen.
  • Advanced Compass: Einblendung von Kompass-, Höhen- und Richtungsdaten.
  • Day & Night Vision: Verbesserte Beobachtungen für Tag und Nacht.
  • Disconnect Mode: Nutzung des Fernglases auch ohne elektronische Unterstützung.

Ergänzt wird das System durch eine App für ein Mobiltelefon oder Tablet, mit dem die auf Openstreetmap basierenden Kartendaten für die aktuelle Region oder eine geplante Route auf das Fernglas übertragen werden können. Auch das Festlegen von Beobachtungsziele in der Nacht erfolgt über die App.

Erster Test am Tag

Für den Medientermin im August 2025 hatte Unistellar in ein kleines Städtchen in der Provence eingeladen. Am Nachmittag ging es auf einen Berg mit einer guten Rundumsicht auf die Ausläufer der französischen Alpen, wo wir den Beobachtungsmodus tagsüber testen konnten. Das Fernglas liegt gut in der Hand, das Gewicht von 1,2 kg ist zwar spürbar, aber auch bei längerer Nutzung nicht störend.

Die Handhabung des optischen Systems wie das Anpassen des Augenabstands oder der Dioptrienausgleich funktionieren wie bei klassischen Ferngläsern. Die Hardware macht für einen Prototyp bereits einen fertigen Eindruck. Die Software ist noch nicht ganz so weit, denn im Moment gibt es nur den Horizont-Modus.

Hier wird in Echtzeit die Horizontlinie eingeblendet und vorhandene Landmarken wie Berggipfel werden markiert. Visiert man einen dieser Punkte an, werden im unteren Teil des Bildfeldes Informationen wie der Name des Berges, die Entfernung und Höhe angezeigt. Laut Unistellar können Kartendaten mit den entsprechenden Höheninformationen für einen rund 200-km-Umkreis im Gerät gespeichert werden.

Tatsächlich funktioniert das schon erstaunlich gut, das Geländeprofil und die Landmarken werden präzise angezeigt. Auch wenn man langsam die Blickrichtung ändert, folgt die Anzeige flüssig.

Gelegentlich muss man Realität und Anzeige wieder in Einklang bringen, vor allem, wenn man die Blickrichtung stark und schnell verändert. Auch magnetische Störungen können den verbauten Kompass in die Irre führen – in meinem Fall durch den Versuch, mit meinem iPhone mit Magsafe ein Bild durch das Okular zu machen.

Das Rekalibrieren erfolgt aber durch einen einfachen Knopfdruck auf der Oberseite des Fernglases und ist schnell erledigt. Da das AR-Bild nur auf dem rechten Auge eingeblendet wird, dauert es am Anfang einen Moment, ehe man sich an die AR-Sicht gewöhnt hat. Die beiden vorangegangenen Livebilder sind durch das Okular aufgenommen worden und daher etwas verwaschen. Mit bloßem Auge ist die Bildqualität besser.

Der Wow-Effekt bei Nacht

Später am Abend und nach dem Abzug eines heftigen Gewitters, das unsere Hoffnungen auf einen sternenklaren Abend zunichtezumachen drohte, klarte es doch noch auf und wir konnten das Envision im Nachtmodus ausprobieren. Der Ort war gut gewählt, denn trotz der kleinen Stadt im Tal und der Hotelbeleuchtung um uns herum gab es wenig Lichtverschmutzung. Selbst die Milchstraße war mit bloßem Auge zu erkennen.

Hier spielte das Fernglas dann auch seine Stärken bei der Beobachtung des Nachthimmels aus. Man merkt, dass dieser Teil der Software bereits ausgereifter ist.

Ist das AR-System aktiviert, werden automatisch Verbindungslinien zwischen den Sternen einzelner Konstellationen angezeigt, Sterne und Objekte eingekreist und mit Namen versehen. Wer jemals mit einem Fernglas den Nachthimmel betrachtet und sich gefragt hat, welcher Stern oder Sternhaufen da gerade im Bild ist, wird am Envision Freude haben.

Man kann regelrecht am Himmel spazierengehen und schauen, was es alles zu entdecken gibt. Hat man etwas Spannendes gefunden, kommt eine weitere Funktion zum Einsatz: der Target-Lock. Mit einem Knopfdruck speichert das Gerät die Position, auf die man am Himmel blickt. Wenn man das Fernglas an den Nachbarn weiterreicht, wird er automatisch an den gleichen Punkt gelotst, da das AR-System die passenden Richtungsanzeigen einblendet. Das funktioniert erstaunlich genau.

Ein weiteres Highlight ist das gezielte Hinleiten zu bestimmten Objekten. Viele Objekte am Nachthimmel sind schon mit einem Fernglas gut zu beobachten: die Andromedagalaxie, der Orionnebel oder der M13-Sternhaufen im Sternbild Herkules. Allerdings ist es für ungeübte Beobachter oft schwierig, die Objekte am Himmel zu finden.

Auch da hilft das Envision weiter. Über die App können Ziele ausgewählt werden, die am Nachthimmel sichtbar sind. Diese werden auf das Fernglas übertragen, das Nutzer zu den entsprechenden Koordinaten am Himmel lotst.

Leider ist es schwierig, die Nachtdarstellung durch das Okular zu fotografieren. Daher spiegeln die obigen Bilder nur ansatzweise die tatsächliche Sicht durch das Okular wider.

Fazit und Verfügbarkeit

Die Hardware des Unistellar Envision ist bereits ausgereift und bedarf vermutlich nur noch kleinerer Anpassungen für die Massenproduktion. Die soll ab April 2026 starten. Bis dahin wird sich auch an der Software noch einiges ändern, noch fehlenden Modi werden ergänzt.

Die Auslieferung der ersten Geräte ist für Juni/Juli 2026 geplant. Die Geräte gehen zunächst an die Crowdfunding-Unterstützer und an Vorbestellungen. Ab Anfang 2027 soll das Fernglas im freien Handel verfügbar sein.

Das Envision ist ein interessantes Stück Technik mit viel Potenzial auf der Softwareseite. Die Hardware ist solide und auch ohne die Elektronik nutzbar. Das sehen wir als großen Plus an, denn mittlerweile sind viele Geräte einfach nutzlos, wenn der Akku mal leer ist.

Die Nutzung am Tage ist okay, aber hier fehlen noch einige Funktionen, die der Hersteller verspricht. Es wird sich zeigen, ob sie rechtzeitig zur Auslieferung der Geräte fertig werden.

Der Nachtmodus hat uns ziemlich begeistert. Gezielt nach Objekten am Himmel zu schauen, ohne langes und frustrierendes Suchen – das ist schon toll, vor allem in einer Gruppe.

Obwohl wir nicht genug Ferngläser für alle in der Gruppe hatten, war es nicht langweilig. Dadurch, dass man die Objekte am Himmel schnell findet und sogar Objekte markieren kann, kommt keine Langeweile auf. Das Teilen und gemeinsame Beobachten macht viel mehr Freude.

Wer die Crowdfundingrunde auf Kickstarter.com verpasst hat und wem der angegebene Retailpreis von 1.499 US-Dollar zu hoch ist, kann aktuell das Envision für 999 US-Dollar vorbestellen(öffnet im neuen Fenster) .


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