Was Algorithmen im Straßenverkehr verändern
Golem: Und bei der smarten Kreuzung und dem automatisierten Fahren wäre das anders?
Mathias Mitteregger: Nicht zwingend. Es kommt darauf an, ob diese algorithmischen Systeme, die antizipieren und dann die Steuerung übernehmen, in die zweite Gruppe fallen. Tun sie das, dann unterstützen sie nicht, sie kontrollieren. Sie strukturieren die Straßen, also den öffentlichen Raum, auf eine Art und Weise, wie wir sie bisher nicht kennen. Das gilt potenziell für diese Kreuzung auch, wenn sie ein Verhalten erzwingt oder sanktioniert.
Golem: Welche Vorteile hätte so ein Ansatz, wenn er Verkehrsteilnehmer nur unterstützen würde?
Mathias Mitteregger: Es gibt schon viele solcher Lösungen. Wir haben Ampelsteuerungen, die Einsatzfahrzeuge durchlassen. Ich war mal in Berlin in der Nähe einer Feuerwehrstation. Als sie die Sirene angemacht haben, sind die Ampeln vor der Station auf Grün für die Feuerwehren umgesprungen. Dann kommen sie super durch. Da gab es ein Optimierungspotenzial. Diese Ampelsteuerung ändert aber wenig daran, wie der öffentliche Raum der Straße organisiert ist.
Golem: Wie ändert sich das im zweiten Fall, wenn smarte Systeme den Straßenraum kontrollieren?
Mathias Mitteregger: Sie ändern die Voraussetzung. Die Voraussetzung dafür, wie wir uns im Straßenverkehr verhalten, ist eine gewisse Form der Aufmerksamkeit. Wir orientieren uns im Straßenverkehr an Menschen, auf die wir uns mehr oder weniger verlassen. Das ist ein schönes und wichtiges Prinzip, das kein noch so großes Aufgebot an Polizei ersetzen kann. Die Beobachtung ist nicht von mir, sondern von der amerikanischen Stadtforscherin Jane Jacobs.
Golem: Das würde eine algorithmische Kreuzung beeinflussen? Meinen Sie, Menschen würden einander weniger vertrauen, wenn sie wüssten, dass ein Algorithmus das Verhalten anderer kontrolliert?
Mathias Mitteregger: Nicht unbedingt. Das Prinzip, das Jacobs beschreibt, ist eine Dynamik, die ich als Verkehrsteilnehmer und andere sozusagen bottom-up haben. Ein autonomes System stellt diese Logik auf den Kopf. Der Straßenraum folgt dann den definierten Regeln des Systems, also top-down. Das wäre ein echter Paradigmenwechsel. Das greift in ein wesentliches gesellschaftliches Prinzip ein, woher die Ordnung kommt, nach der wir uns im öffentlichen Raum richten: nach den anderen oder von oben.
Golem: Ein Teil meines lokalen Wissens als Autofahrer in Rom ist, dass ich weiß, viele Menschen werden die Straße auch bei Rot überqueren. Ich muss darauf vorbereitet sein, dass sie sich nicht an die Regeln halten.
Mathias Mitteregger: Nicht nur. Aber ja: Der öffentliche Raum der Straßen würde gar nicht funktionieren, wenn wir uns immer an alle Regeln hielten. Es gibt Sperrlinien, die muss man in bestimmten Situationen überfahren, zum Beispiel, um ein Rettungsfahrzeug durchzulassen. Natürlich sind die Regelwerke in Gesetzen festgeschrieben, aber wir alle wissen, dass wir sie nicht zu 100 Prozent einhalten. Und das ist auch wichtig.
Golem: Damit müsste ein algorithmisches Steuerungssystem erst mal klarkommen.
Mathias Mitteregger: Dazu stellen wir uns die Verkehrsteilnehmer vor, die nicht unbedingt dem Vertrauensgrundsatz entsprechen. Kinder zum Beispiel, die verhalten sich anders. Mit Kindern müsste so eine Kreuzung klarkommen, damit Menschen sich darauf verlassen können.
Golem: Wie würde denn ein Ansatz aussehen, der Sicherheit im Lebensraum Stadt so richtig bottom-up denkt?
Mathias Mitteregger: Es gibt nicht den einen Ansatz. Bei Begegnungszonen oder Shared Spaces drehen Stadtplanerinnen und Stadtplaner bewusst den Spieß um. Schilder und Hinweistafeln kommen raus, und alle müssen aufeinander achtgeben. Ich muss unvorhersehbares Verhalten als Autofahrer, Radfahrer oder zu Fuß immer einpreisen. Das bedingt dieser Verkehrsraum. Algorithmisch könnte man dort nichts kontrollieren. Das würde diesem Raum seinen Charakter nehmen.
Golem: Was ist die Idee dahinter?
Mathias Mitteregger: Viele Städte wollen versuchen, die Lebens- und Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum zu heben. Dazu gehören auch die Verkehrsräume. Ein wesentlicher Bestandteil davon, dass ich mich wohlfühle, ist für viele ein gewisses Maß an Freiheit.
Golem: Würde mehr algorithmische Steuerung uns einschränken?
Mathias Mitteregger: Ich wäre einfach vorsichtig, den öffentlichen Raum top-down zu organisieren. In einem Tunnel ist das klar. Da muss ich nur erkennen: Achtung, da ist ein Mensch im Tunnel. Diese Warnung braucht man. Aber ein Tunnel ist keine Straße in einer belebten Innenstadt. Jemand, der solche Entscheidungen trifft, muss überlegen: Wo kommen diese Systeme zum Einsatz?
Golem: Was wäre eine angemessene Anwendung solcher Systeme?
Mathias Mitteregger: Im Hamburger Hafen gibt es seit Jahren automatisierte Containertransporter. Um diese Technologie einsetzen zu können, muss die Komplexität reduziert werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass es dann Bereiche gibt, in denen Menschen nichts verloren haben. Wie gesagt, eine belebte Innenstadt würde ich auf keinen Fall so kontrollieren wollen. Damit würde ein zentrales Prinzip unseres Zusammenlebens erodieren, weil Leute sich nach dem System richten sollen, statt einander zu vertrauen.
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