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Smarte Lautsprecher: Die Stimme ist das Interface der Zukunft

Geräte mit der Stimme zu bedienen, ist schon längst keine Vision aus Science-Fiction-Filmen mehr. Vor allem mit smarten Lautsprechern ist die Sprachsteuerung 2016 auch in deutsche Haushalte eingezogen. Aber bis diese Technik das Niveau der Computer aus Weltraumfilmen erreicht, wird es noch dauern.
/ Ingo Pakalski
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Der smarte Lautsprecher Echo läuft mit Amazons Alexa. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Der smarte Lautsprecher Echo läuft mit Amazons Alexa. Bild: Martin Wolf/Golem.de

Viele haben sich bereits daran gewöhnt, mit ihrem Smartphone zu sprechen. Doch dabei wird es nicht bleiben. Im vergangenen Jahr ist endlich auch in Deutschland die künstliche Intelligenz in Form von smarten Lautsprechern in die Wohnzimmer eingezogen: Zwei Jahre nach dem Verkaufsstart in den USA haben auch die ersten deutschen Kunden Amazons Echo bekommen.

Amazon Echo - Test
Amazon Echo - Test (03:16)

Es soll zum zentralen Steuerungselement für das smarte Haus werden und wird nur über die Sprache bedient. Auch Google will in diesem Jahr seinen smarten Lautsprecher nach Deutschland bringen und andere Unternehmen sollen bereits an Konkurrenzprodukten arbeiten. Doch hierzulande ist die künstliche Intelligenz noch ziemlich weit entfernt von ihrem Vorbild, dem Bordcomputer der Enterprise.

Noch sind Amazons Echo-Lautsprecher und die kleinere Version, der Echo Dot, die einzigen in Deutschland verfügbaren Geräte ihrer Art. Sie sind per WLAN mit dem Internet verbunden und lauschen mit Mikrofonen nach Befehlen des Nutzers. Das Wort "Alexa" aktiviert die künstliche Intelligenz, die dann etwa nach Sprachbefehl die Heizung herunterregeln, das Licht anschalten oder als riesige Wissensdatenbank Fragen beantworten können soll.

Echo-Testphase dauert an

Hierzulande befinden sich die Geräte noch in einer Art Testphase. Der Grund: Amazon selbst hält die in beiden Geräten genutzte künstliche Intelligenz Alexa noch nicht für fit für den deutschen Markt. Sie habe noch nicht den Zustand erreicht, um die smarten Lautsprecher alltagstauglich zu machen und müsse noch weiterentwickelt werden, teilte Amazon der Presse mit. Daher werden die Geräte vorerst auch nicht frei verkauft, sondern nur mit Einladung.

Kunden gegenüber kommuniziert Amazon das weniger offensiv - dabei ist es eine wichtige Information: Alle Erfahrungen mit Alexa stehen sozusagen noch unter Vorbehalt. Amazon äußerst sich nicht dazu, welche Fähigkeiten genau der digitale Assistent am Ende haben wird, wenn die Echo-Geräte für die Allgemeinheit angeboten werden.

Momentan haben sie noch einige Schwächen, wie sich in unserem Test gezeigt hat . Diese sind auch knapp neun Wochen später größtenteils nicht behoben. Auffällig ist etwa, wie gut das System bei den Basisfunktionen spricht und wie holprig im direkten Vergleich vorgelesen wird. Die Lesefunktionen werden vor allem von den meisten Skills verwendet.

Nutzer müssen sich anpassen

Auch beim Verständnis gibt es noch Probleme: Alexa versteht nur ganz bestimmte Formulierungen. Spricht der Nutzer einen Befehl nicht so, wie es Alexa erwartet, funktioniert die Sprachbedienung nicht. "Stelle einen Timer auf zweieinhalb Minuten" , versteht die künstliche Intelligenz etwa nicht, sondern nur: "Stelle einen Timer auf zwei Minuten und 30 Sekunden" .

Smarte Lautsprecher sind an sich auch dazu prädestiniert, Smart-Home-Komponenten mit Sprache zu bedienen. Bei den Echo-Geräten hapert es hier noch. Meist muss sich der Nutzer exakt an die Befehlsstruktur des betreffenden Skills halten. Weicht er davon nur minimal ab, versteht Alexa den Nutzer nicht mehr. Das Ein- oder Ausschalten des Lichts auf Zuruf gelingt dann nicht und sorgt für Verdruss.

Ein großes Problem ist auch noch der Mangel an Skills, mit denen Alexa um Fähigkeiten erweitert werden kann. Während es für die US-Variante bereits weit über 3.000 gibt, fehlen in Deutschland noch wichtige Funktionen.

Skills, Skills, Skills

In den vergangenen Wochen wurden etliche neue Skills für Alexa veröffentlicht. Viele davon beschränken sich allerdings darauf, im Netz verfügbare Informationen vorzulesen, seien es Witze, Tagessprüche, Zitate, Lebensweisheiten oder Ähnliches. Aber auch Skills für die Suche nach Koch- oder Backrezepten sind dabei und Faktensammlungen über Städte oder Themenbereiche. Zunehmend kommen auch Ratespiele dazu. Bei Wetterberichten gibt es weiterhin nur das Material von Accuweather.

Alexa singt Weihnachtslieder

Zum Weihnachtsfest hat Alexa das Singen passender Lieder erlernt, meist beherrscht die künstliche Intelligenz aber nur den Anfang von Jingle Bells, Stille Nacht oder ähnlichen Stücken. Weiterhin sind Skills Mangelware, die dem Echo einen echten Mehrwert verschaffen. Die oben genannten können bei Bedarf recht praktisch sein, liefern aber keine Hilfe, auf die die Menschheit gewartet hätte.

Ganz nett ist etwa die Idee, den Leuchtring des Echo-Lautsprechers mit einem Skill als Nachtlicht zu missbrauchen. Wer sich nachts durch seine Wohnung bewegt, kann mit einem Zuruf den Leuchtring aktivieren. Für einen Ein-Personen-Haushalt ist das praktisch, wer aber mit anderen zusammenlebt, wird dafür keinen großen Zuspruch ernten.

Keine weiteren Musikdienste dazugekommen

Alexa kann weiterhin nur direkt auf die Musikdienste von Amazon selbst, von Spotify und TuneIn zugreifen. Und die Gratisversion von Spotify kann nach wie vor nicht mit Alexa genutzt werden. Andere Anbieter kamen in den letzten Wochen nicht dazu, neu ist nur Music Unlimited von Amazon . Echo kann also keine Stücke von Apple Music oder Googles Play Music abspielen. Das geht nur, indem die Dienste auf dem Smartphone laufen und mit dem Echo-Lautsprecher verbunden sind. Dann können Musikstücke aber nicht gezielt mit der Stimme aufgerufen werden, die Musiksteuerung muss dann am Smartphone erfolgen.

In den USA gibt es nützliche Skills

Wir würden gerne auch Amazons Fire TV über Echo steuern oder die Aktionen einer Harmony-Fernbedienung mit der Sprache nutzen. Die Harmony-Steuerung gibt es immerhin in den USA, den Fire-TV-Zugriff erstaunlicherweise gar nicht. Dabei müsste Amazon ein starkes Interesse haben, die beiden Gerätegattungen miteinander zu verknüpfen.

Auch für Essensbestellungen kann Alexa in den USA genutzt werden, und die Smart-Home-Anbindung ist durch Unterstützung von IFTTT um einiges komfortabler und vielseitiger. Zudem kann Alexa in den USA bereits Informationen zu Flügen ausgeben, informiert darüber, welcher Film oder welche Serie bei welchem Streaming-Anbieter verfügbar ist oder welche Veranstaltungen an einem bestimmten Tag in einer Region stattfinden.

Neue Skills müssen gut klingen

Es bleibt die Hoffnung, dass viele der nützlichen Funktionen, die es in den USA bereits gibt, in den nächsten Wochen und Monaten auch hier umgesetzt werden. Leider sind neue Funktionen nur schwer zu finden: In der Übersicht über die verfügbaren Skills fehlt eine Rubrik mit den neu hinzugekommenen. Wer sich über neue Skills informieren möchte, muss sich durch alle derzeit knapp zwanzig Rubriken wühlen.

Eine besondere Herausforderung bei dem deutschen Modell wird es für Amazon sein, alle Skills gut klingen zu lassen, bevor die Echos in den freien Verkauf gehen. Noch gibt es deutliche Qualitätsunterschiede bei der Sprachausgabe. Und der Einsatz neuer Skills bereitet nur bedingt Freude, wenn es mit der Aussprache noch so hapert. Und hier ist Amazon mehrfach gefordert.

Skills-Qualität ist durchwachsen

Wir stießen beim Ausprobieren einiger Ratespiel-Skills auf welche, bei denen vermutlich keine Lesepausen gesetzt wurden. Die betreffenden Skills haben den Text so schnell abgespult, dass es nahezu unmöglich war, dem zu folgen. Bei anderen Ratespiel-Skills gab es die Probleme nicht. Hier sollte Amazon stärker auf die Qualität der Skills achten und verhindern, dass Skills in der Art veröffentlicht werden, um den Gesamteindruck der Echo-Geräte nicht zu sehr zu trüben. In den USA hatte Amazon das Problem zunächst nicht: Die Echos wurden frei verkauft, bevor die Skills-Funktionen überhaupt freigeschaltet wurden.

Dass smarte Lautsprecher Potenzial haben, zeigen die Erfahrungen aus den USA. Dort nutzen Amazon zufolge bereits "Millionen" die Geräte. Und die Konkurrenz schläft nicht.

Smarte Lautsprecher sind die Smartphones von morgen

Der Echo ist nur der Anfang einer Entwicklung. Andere Hersteller ziehen bereits nach. Google bietet seit einigen Monaten Home an, das Anfang 2017 auch nach Deutschland kommen soll. Microsoft will seinen Sprachassistenten Cortana zum Alexa-Konkurrenten weiterentwickeln - in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Harman Kardon, der bereits einen smarten Lautsprecher angekündigt hat.

Immer wieder gibt es Berichte, dass auch Apple in den Markt smarter Lautsprecher einsteigen will . Für den chinesischen Markt hat das Unternehmen Dingdong ein Produkt namens Linglong angekündigt , das allerdings noch weit weniger Funktionen als Amazons Echo hat.

Reden mit der Maschine

Smarte Lautsprecher könnten in einigen Jahren den Stellenwert heutiger Smartphones erreichen. Auch diese profitieren davon, dass sie mit Apps neue Funktionen dazubekommen, um einen möglichst großen Funktionsumfang abdecken zu können. Zwar erscheint es zunächst sonderbar, im Alltag mit einer Maschine zu reden. Aber je mehr das Gerät im Alltag helfen kann und je natürlicher der Assistent klingt, desto schneller gewöhnt man sich daran.

Und die Steuerung mit der Sprache ist an sich wesentlich einfacher als viele andere derzeit gängigen Bedienungsmethoden. Die Suche nach passenden Icons oder Menüpunkten entfällt und bei einer Sprachsteuerung bleiben immer die Hände frei. Die Grenzen einer Interaktion mit Sprache sehen wir derzeit vor allem bei der Länge der Antworten.

Wie Spracheingabe funktionieren muss

Wenn wir uns beispielsweise mehrere Zugverbindungen der Deutschen Bahn ansagen lassen, wird es schnell anstrengend. Spätestens nach der dritten Zugverbindung haben wir die erste bereits wieder vergessen. Hier halten wir eine schriftliche Übersicht für deutlich komfortabler, auf einen Blick können sofort mehrere Verbindungen geprüft werden und es fällt leichter, die passende ausfindig zu machen. Prinzipiell stoßen smarte Lautsprecher also dann an ihre Grenzen, wenn sie dem Nutzer viele komplexe Informationen bereitstellen.

Womöglich hat auch Amazon diese Probleme schon erkannt. Der Echo-Hersteller soll bereits an einer Variante mit eingebautem Display arbeiten . Dann würden komplexe Informationen auf dem Display erscheinen und nicht mehr vorgelesen werden. Der prinzipielle Vorzug einer Sprachbedienung bliebe erhalten, weiterhin müssten keine Icons oder Menüpunkte auf einem Display gesucht und angetippt werden. Offiziell angekündigt hat Amazon ein solches Gerät aber bislang nicht.

Für den deutschen Markt wird 2017 bezüglich smarter Lautsprecher entscheidend sein. Denn dann erhalten die Echo-Geräte von Google Konkurrenz und Kunden die Wahl. Eine Chance werden beide Hersteller bei den Kunden jedoch nur haben, wenn ihre Assistenzsysteme Sprachbefehle auch in Variationen erkennen. Wer im Smart Home das Licht einschalten möchte, will nicht darüber nachdenken, mit welchem Befehl das möglich ist. Das System sollte "Mach mal Licht im Wohnzimmer an" genau so verstehen wie "Schalte im Wohnzimmer das Licht an" oder: "Licht an im Wohnzimmer!"


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