Smart-Meter-Studie: Variable Stromtarife sparen Geld... vielleicht... irgendwann

Für wen lohnt sich die Anschaffung eines vernetzten Stromzählers? Über diese Frage streiten sich Politik, Verbraucherschützer, Netzbetreiber und Zählerhersteller seit Jahren . Einer aktuellen Studie zufolge hält sich der finanzielle Nutzen durch variable Tarife, die mit intelligenten Messsystemen möglich werden, jedoch sehr in Grenzen. Lediglich Haushalte, die große Verbraucher wie Nachtspeicherheizungen nutzen, könnten mit Hilfe dieser Geräte Geld einsparen, urteilt das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK). Kleinverbraucher könnten hingegen je nach Tarif bis zu 60 Euro im Jahr zuzahlen.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), der die 40-seitige Studie(öffnet im neuen Fenster) in Auftrag gegeben hat, sieht darin seine Kritik an der "Zwangsdigitalisierung" der Haushalte bestätigt. "Aus Verbraucherschutzsicht gibt es viele gute Gründe, zu sagen: Lasst uns Ja sagen zu einem technischen Schub nach vorne, lasst uns Ja sagen zu Innovationen, wenn der Verbraucher nicht der Dumme ist, der es nachher bezahlt" , sagte vzbv-Vorstand Klaus Müller am Mittwochabend bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Bislang fehle es aber an Modellen, die einen eindeutigen Nutzen für die Verbraucher bedeuteten. Zudem gebe es ein "Komplexitätslimit" bei vielen Menschen. Sie müssten in der Lage sein, sich ohne fundierte Fachkenntnisse für einen variablen Stromtarif entscheiden zu können.
Regierung hofft auf das Jahr 2020
Die zuständige Ministerialdirigentin im Bundeswirtschaftsministerium, Dorothee Mühl, verteidigte die Regierungspläne gegen die Kritik. Die Studie des WIK sei lediglich eine "Momentaufnahme" , sagte Mühl auf der Podiumsdiskussion. Sie verwies auf den ihrer Ansicht nach "sehr ausgeklügelten und abgestuften Rollout-Plan" für die Messsysteme. Demzufolge sollen größere Haushalte mit einem Verbrauch von mehr als 6.000 Kilowattstunden im Jahr erst von 2020 an mit vernetzten Zählern ausgestattet werden. "Bis dahin wird sich möglicherweise auch beim Verbraucher einiges ändern" , sagte Mühl. Dann gebe es möglicherweise mehr Haushalte mit Stromspeichern, die mit billigem Strom gefüllt werden könnten. Zudem könnten bis dahin die System- und Netzkosten sinken.
Dabei gibt es einer ebenfalls vom vzbv beauftragten Umfrage zufolge(öffnet im neuen Fenster) durchaus Interesse bei den Verbrauchern an neuen Tarifmodellen. Demnach hat zwar die große Mehrheit der rund 1.000 Befragten (59 Prozent) noch nie etwas von variablen Tarifen gehört. Jedoch könnte sich jeder Zweite die Nutzung solcher Tarife vorstellen. Fast zwei Drittel der Befragten könnten sich vorstellen, ihr Stromverbrauchsverhalten zu ändern, um von variablen Tarifen zu profitieren.
Wichtig vor Abschluss eines entsprechenden Vertrages sind den Verbrauchern vor allem zwei Dinge: Zum einen wollen sie tatsächlich Kosten sparen, zum anderen wollen sie nicht mehr zahlen als beim früheren Tarif (jeweils 66 Prozent). Rund 42 Prozent der Befragten ist wichtig, dass niemand Unbefugtes etwas über das eigene Stromverbrauchsverhalten erfährt. Jeder Dritte will sich nicht zu intensiv mit dem Thema beschäftigen müssen.
Einsparungen bei Netzentgelten und Abgaben gefordert
Wer es doch tut, könnte nach heutigem Stand schnell frustriert werden. Denn die Einsparpotenziale bei den klassischen Haushaltsgeräten wie Kühlschrank, Waschmaschine und Geschirrspüler sind zu gering, um mit einer zeitlich angepassten Nutzung damit Geld zu sparen. "Bei einer Tarifspreizung von zehn Prozent kann man bei einer Waschmaschine rund zehn Euro im Jahr einsparen" , sagte der Geschäftsführer der Vattenfall Metering GmbH, Eric Kallmeyer. Eine Spreizung von zehn Prozent bei einem Strompreis von 25 Cent pro Kilowattstunde sei aber schon sehr hoch.
In diesem Zusammenhang verwies Anke Tuschek vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) darauf, dass Erzeugung und Vertrieb des Stroms nur rund 25 Prozent der Energiekosten(öffnet im neuen Fenster) ausmachten. Um wirklich Geld zu sparen, müssten Politik und Wirtschaft an die übrigen 75 Prozent ran: Steuern und Abgaben (mehr als 50 Prozent) sowie Netzentgelte (mehr als 20 Prozent). Ihrer Ansicht nach muss versucht werden, die Netzentgelte zu senken. Eine solche Senkung sei beispielsweise gesetzlich vorgeschrieben(öffnet im neuen Fenster) , wenn die Netzbetreiber die Möglichkeit hätten, Verbrauchseinrichtungen abzuregeln.
EEG-Umlage dynamisieren
Hermann Falk vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) wandte sich jedoch gegen Pläne, die erneuerbaren Quellen bei einem Überangebot abzuschalten. "Jede produzierte Kilowattstunde ist besser als eine nichtproduzierte Kilowattstunde, wenn sie aus klimafreundlicher Produktion stammt" , sagte Falk. Es müsse daher versucht werden, diesen Strom zu nutzen, anstatt Kohlekraftwerke weiterlaufen zu lassen. Allerdings setze der BEE ebenso wie die Verbraucherschützer auf einen freiwilligen Einbau vernetzter Stromzähler im Haushaltsbereich.
Um eine größere Variabilität bei den Strompreisen zu erreichen, könnte beispielsweise die sogenannte EEG-Umlage dynamisiert werden, sagte Falk. Das heißt, bei einem hohen Angebot von erneuerbarer Energie könnte die Umlage, die derzeit rund sechs Cent pro Kilowattstunde entspricht, auf ein bis null Cent gesenkt werden. Schließlich könnten die Windanlagenbetreiber nicht je nach Bedarf den Wind an- oder abschalten. Es gebe noch einige Bretter zu bohren, um die Kosten für die Verbraucher zu senken, sagte Ministerialdirigentin Mühl. Die Senkung der Stromsteuer sei dabei "eine Idee" .
Fragwürdige Annahmen der Studie
Wie aussagekräftig die WIK-Studie derzeit ist, steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Unter anderem wurde moniert, dass die Wissenschaftler die sogenannten Sowieso-Kosten für die Stromzähler nicht abgezogen hätten. Die lägen bei etwa zwölf Euro im Jahr und müssten ohnehin gezahlt werden. Zudem geht das Institut davon aus, dass für jeden großen Stromverbraucher wie Nachtspeicherheizung, Elektroauto oder Wärmepumpe ein eigenes Messsystem für 100 Euro im Jahr angeschafft werden muss.
Nach Informationen von Golem.de kann an ein sogenanntes Smart-Meter-Gateway aber wesentlich mehr als ein Zähler angeschlossen werden. Dadurch würden die Kosten für größere Verbraucher deutlich sinken. Von den "Goodies" für Kleinverbraucher, die der vzbv forderte, ist dann aber immer noch nichts zu sehen. Zumal sich die Haushalte dazu erstmal Smart-Grid-fähige Geräte anschaffen müssten, die ebenfalls nicht billig sind und für die es noch keine technischen Standards gibt .
Trotz dieser Perspektive rückt die Regierung aber nicht von ihrem Konzept ab. "Es geht bei den Zählern nicht nur darum, dass wir jetzt flexible Tarife einführen, sondern wir müssen einfach, wenn wir so viele Erneuerbare haben, zu einem System kommen, wo mehr Kommunikation stattfindet" , sagte Mühl. Es gehe nicht nur darum, dass Verbraucher Geld sparen sollen, sondern "letztlich auch um Energieeffizienz und energieeffizientes Verhalten" . Eine Abwrackprämie für elektromechanische Ferrariszähler soll es aber nicht geben.



