Toy Story verliert seine Unschuld
Zum Schluss löst Lilypad online einen kleinen Shitstorm gegen Bonnie aus, macht sich deswegen Vorwürfe und kommt so zur Vernunft. Gemeinsam mit dem restlichen Spielzeug bringt es alles wieder in Ordnung, ist von da an normaler Teil des Kinderzimmers. Ein Happy End? – Eine Horrorvorstellung: die Verniedlichung eigenmächtig in unser Leben eingreifender Überwachungsmaschinen.
Mit der Einführung von Lilypad verliert das Toy-Story-Universum seine Unschuld. Plötzlich wirkt selbst die Vorstellung gruselig, dass all die normalen Spielzeuge Tag und Nacht kleine Voyeure im Kinderzimmer sind. Hatten die sprechenden Figürchen bisher noch etwas Magisches, haben wir es nun mit einem Gerät zu tun, bei dem unklar bleibt, wer alles noch übers Internet mithört oder was die Firma hinter Lilypad vielleicht mit den gesammelten Daten der kleinen Bonnie anstellt.
Über etwas mehr als eineinhalb Stunden hinweg hat sich Toy Story 5 um solche Fragen nicht geschert und auch die Verantwortung von Eltern(öffnet im neuen Fenster) kaum thematisiert. Irgendwann geht es nur noch darum, ob Bonnie eine Freundin findet und dann vielleicht sogar wieder mit Puppen spielt. Die dauerspionierende, allmächtige Super-KI sitzt weiterhin daneben – und allen ist es egal (dem Großteil der internationalen Fachpresse laut Metacritic(öffnet im neuen Fenster) übrigens auch).
Als wäre das des Grauens nicht genug, brauchen unsere Helden im Finale von Toy Story 5 die Hilfe einer ganzen Armee smarter Actionfiguren: eine neue Generation von Buzz Lightyear mit Internetverbindung, eigenem Mesh-Wi-Fi und Drohnenflugfähigkeit. Wären die geradezu militärisch koordinierten Plastikastronauten nicht vollgepackt mit so vielen modernen Features, hätten die technologielosen Altspielzeuge keine Chance gehabt. Die Lehre: Bitte das Kinderzimmer aufrüsten!
Schon vor dem Kinostart ein Welterfolg
Spätestens jetzt erinnern wir uns daran, dass Mutterkonzern Walt Disney hinter diesem Film steckt. Pixar ist für Disney eine wichtige Marke, insbesondere wegen der kinderkompatiblen Toy-Story-Reihe mit ihren Merchandise-Produkten(öffnet im neuen Fenster),Videospielen und Auftritten der Figuren in Disney-Apps. Jeder neue Film ist ein fantastischer Werbespot, gleichermaßen fürs Spielzeug wie für digitale Produkte.
Uns überrascht deswegen gar nicht, dass sich Toy Story 5 – passend zur parallel im Kino laufenden Odyssee – als so etwas wie ein trojanisches Pferd entpuppt. Eine kritische Auseinandersetzung mit digitalen Medien für Kinder wird nur werbewirksam angetäuscht, um der immerhin schon fünften Toy-Story-Kinofolge (Spin-offs nicht mitgezählt(öffnet im neuen Fenster)) den Anschein von Aktualität zu verleihen.

Wer würde seinen Kleinen schließlich das offizielle Lilypad-Lern-Tablet(öffnet im neuen Fenster) kaufen, wenn das Gerät vom Film konsequent als gemeingefährlicher Bösewicht dargestellt würde? Welches Kind würde kein mulmiges Gefühl bekommen, wenn es Toy Story 5 künftig via Disney Plus auf Smartphones und Tablets anschaut?
Für Walt Disney hat sich die Produktion längst ausgezahlt. Dicht hinter Super Mario und Michael Jackson ist Toy Story 5 momentan der dritterfolgreichste Film(öffnet im neuen Fenster) des Jahres, obwohl er erst heute in deutschen Kinos anläuft. Weltweit hat er im Ausland innerhalb eines Monats fast eine Milliarde US-Dollar eingespielt – der Großteil davon kam mit Sicherheit von Familien samt jungem Nachwuchs.
Eltern sollte dieser Film zutiefst gruseln
Eltern werden Toy Story 5 ebenso unbekümmert geschaut haben wie die Kinder während der Berliner Pressevorführung. Natürlich ist auch dieser Pixar-Film wieder gewohnt niedlich anzusehen, führt beliebte Charaktere mit lustigen neuen Figuren zusammen und lässt nichts unversucht, um beim Publikum Emotionen zu wecken. In Wahrheit ist Toy Story 5 jedoch eine bunt verpackte Horrorvorstellung, die besonders Eltern zutiefst gruseln sollte.
Toy Story 5 ist am 23. Juli in deutschen Kinos erschienen und hat eine FSK-Freigabe ab 0 Jahren erhalten.


