Sky-Film Das Tesla-Experiment: Die Versuchskaninchen des Elon Musk
Wie ist es Elon Musk gelungen, innerhalb weniger Jahre das wertvollste Autounternehmen der Welt aufzubauen? Und welchen Preis haben Mitarbeiter und Kunden dafür bezahlt, dass Musk der reichste Mensch der Welt geworden ist? In seiner 90-minütigen Fernsehdoku Elon Musk Uncovered: Das Tesla-Experiment(öffnet im neuen Fenster) will Regisseur Andreas Pichler "exklusive Einblicke in das Imperium Tesla" geben. Die Doku zeigt parallel den Aufstieg Musks vom jungenhaften Elektroautopionier zum sinistren Trump-Unterstützer.
Unfallopfer kommen zu Wort
Ausgangspunkt des Films ist die Frage, ob Tesla und Musk den Tod von Tesla-Fahrern billigend in Kauf nehmen, um trotz technischer Defizite und ungelöster Probleme die Vision vom autonomen Fahren umzusetzen. Material für die These gibt es genug. Schließlich hat es schon etliche tödliche Unfälle gegeben, bei denen der Autopilot aktiviert war und ein Hindernis auf der Fahrbahn nicht erkannt wurde.
"Ich wusste gar nicht, dass es diese Autopilot-Technologie überhaupt gibt. Als ich davon erfahren habe, kam ich mir wie ein Versuchskaninchen vor", sagt Dillon Angulo in der Doku. Der US-Amerikaner wurde bei einem Tesla-Unfall in Florida schwer verletzt, seine Freundin Naibel Benavides kam dabei ums Leben.
Technische Probleme gut bekannt
Um es vorwegzunehmen: Pichler enthüllt in seinem Film keine bislang unbekannten Fakten. Vor allem der Prozess um den Unfall in Florida dokumentierte gut, wie Tesla die Aufklärung des Vorgangs jahrelang blockierte. Nur mithilfe eines unabhängigen Datenforensiker konnten die Anwälte erreichen, dass Tesla die Aufzeichnungen des Unfallautos schließlich herausrückte.
Dass die Autopilot-Software alles andere als sicher ist, haben schon unsere Testfahrten mit diversen Tesla-Modellen gezeigt. Es kam immer wieder zu sogenannten Phantombremsungen oder unerwarteten Abschaltungen. Dennoch veröffentlichte das Unternehmen im Oktober 2016 auf ausdrückliche Anweisung Musks ein Demo-Video, das eine angeblich vollautonome Fahrt eines Tesla Model S zeigte. Die Fahrt war in Wirklichkeit inszeniert und Tesla verheimlichte sogar einen Unfall auf der Strecke.
Das Versprechen vom autonomen Fahren
Hinter dieser Inszenierung steht ein Versprechen, das Musk im Jahr 2016 abgegeben und bis heute nicht eingelöst hat: Sämtliche Fahrzeuge sollen demnach schon über die Hardware verfügen, um autonom fahren zu können. In einem Interview mit Tesla-Fahrern sagte Musk in der Doku: "Der zentrale Fokus liegt auf autonomem Fahren. Das ist wirklich der Unterschied, ob Tesla sehr viel wert oder im Grunde gar nichts wert sein wird." Inzwischen setzt Musk den Fokus voll auf KI und stoppt dafür sogar die Produktion seiner Oberklassemodelle S und X.
Tesla und Musk standen für den Film nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. Musk kommt jedoch reichlich durch Archivmaterial zu Wort. Darunter sind auch Aufnahmen aus der Anfangszeit von Tesla.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass viele Kunden die Versprechen Musks offenbar beim Wort genommen und sich zu sehr auf die Fähigkeiten des "Autopilot" verlassen haben. Dabei hat es an Warnungen nie gefehlt. Pichler lässt in seiner Doku ausführlich die Kritiker des Unternehmens sprechen.
Whistleblower und bekannte Youtuber kritisieren Tesla
Dazu gehören der Youtuber und frühere Tesla-Mitarbeiter John Bernal, der entlassen wurde, weil er auf einem Video einen Unfall mit einem selbstfahrenden Tesla gezeigt hatte. Als weitere Tesla-Kritikerin tritt die Robotik-Expertin Missy Cummings auf, die im Florida-Prozess schwere Vorwürfe gegenüber Tesla erhob. "Im Silicon Valley gilt das Motto, immer weiter pushen. Sowohl gegen technische Grenzen, als auch gegen Vorschriften und Gesetze. Als Robotikprofessorin kenne ich das. Innovation braucht manchmal einfach Druck. Aber wenn künstliche Intelligenz in Bereichen eingesetzt wird, wo Sicherheit zählt, muss man vorsichtig sein", sagt sie in dem Film.
Pichler hat zudem die Whistleblower Cristina Balan und Lukasz Krupski vor die Kamera geholt. Krupski hatte einen Datensatz von 100 Gigabyte an das Handelsblatt weitergegeben, weil er darin auf viele Dokumente zu Sicherheitsproblemen gestoßen war. "Mir wurde klar, dass ich es hier mit sehr gefährlichen Leuten zu tun hatte. Als ich erfahren habe, dass Menschen verletzt wurden und sogar gestorben sind, da wusste ich, dass es sich lohnt, dieses Risiko einzugehen und gegen die Mächtigen und Reichen aufzustehen", sagt er in der Doku.
Keine freien Samstage und Sonntage mehr
Balan wiederum verlor ihren Job, weil sie laut eigenen Angaben gegenüber Vorgesetzten darauf drängte, dass Sicherheitsprobleme behoben werden sollten. In Gesprächen mit Kollegen erfuhr sie, dass diese gemobbt oder degradiert wurden, weil sie Sicherheitsrisiken angesprochen hatten. Nachdem sie selbst ihre Kündigung unterschrieben hatte, forderte sie ein Tesla-Anwalt auf, das aufgezeichnete Gespräch mit den Kollegen zu löschen, "wenn mir mein Leben und das meines Sohnes lieb sei". Eine Aussage, der besagter Anwalt im Abspann des Films jedoch widerspricht.
Balan gibt darüber hinaus interessante Einblicke in die Arbeitskultur des Unternehmens, vor allem in den Anfangsjahren. "Ich bereue nicht, Teil der ursprünglichen Vision von Tesla gewesen zu sein. Aber nach Model S war es eine völlig andere Firma. Wir hatten kein Privatleben mehr. Keine freien Samstage oder Sonntage. Wenn ich mal um neun Uhr abends gegangen bin, haben sie alle geguckt. Ich bin schließlich vor Erschöpfung umgekippt", sagt Balan, die im April 2025 einen jahrelangen Prozess gegen Tesla gewann.
Was ist die Faszination Elon Musks?
Doch warum tun sich Entwickler diesen Stress an und sind bereit, mit dem Vertrieb einer unzuverlässigen Technik das Leben von Tesla-Fahrern und anderen Verkehrsteilnehmern aufs Spiel zu setzen? Zweifellos macht es einen großen Teil der Faszination Elon Musks aus, dass er immer wieder Menschen findet, die bereit sind, sich für seine revolutionären Ideen selbst auszubeuten und solche Risiken in Kauf zu nehmen. Das gilt nicht nur für Tesla, sondern auch für die Raketenfirma SpaceX.
Doch nicht alle haben die Risiken mitgetragen. Der Ingenieur Raven Jiang, der dem Autopilot-Team angehörte, sagt in dem Film: "Ich hätte von den Aufsichtsbehörden erwartet, dass sie mehr tun, um zu gewährleisten, dass die neuen Produkte von Tesla wirklich sicher sind. Ich persönlich konnte nicht glauben, dass wir alles Nötige getan haben, um die Sicherheit der Nutzer zu garantieren. Es hat schon schwer auf mir gelastet, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und das Gefühl zu haben, dass ich wahrscheinlich für den Tod von Menschen verantwortlich sein würde. Ich wollte nicht dabei sein, wenn das tatsächlich passiert."
Der Film macht auch deutlich, dass sich Musk im Grunde nur noch wenig für Elektroautos interessiert.
Tesla nicht Musks Lieblingsprojekt
"Elon Musk kam nur alle zwei Wochen einen Tag zu Tesla", erinnert sich Balan. Jiang berichtet: "Direkt von Elon gemanagt zu werden, ist schwierig. Er versteht meist gar nicht, was man im Detail macht, hat aber zu allem eine starke Meinung. Viele Mitarbeiter ignorieren seine Anweisungen deshalb meistens, weil sie sonst ihre Arbeit nicht richtig machen könnten."
Craig Davis, früherer Vertriebsleiter in Europa, ist der Meinung: "Tesla ist nicht Elons Lieblingsprojekt. Die meiste Zeit investiert er in SpaceX. Ich glaube, Tesla ist Teil eines größeren Plans von Elon, nämlich die technischen Voraussetzungen und das nötige Geld für den Weg ins All zusammenzubringen." Auf diesem Weg hat Musk bekanntlich den Börsenwert von Tesla so hoch getrieben, dass er damit den Kauf von Twitter finanzieren konnte.
Musk wird zum Trump-Unterstützer
Diesem Börsenwert konnten bislang die tödlichen Autopilot-Unfälle, der Flop mit dem Cybertruck und die rückläufigen Verkaufszahlen nichts anhaben. Dazu beigetragen hat nach Ansicht der Doku die finanzielle und persönliche Unterstützung, die Musk im Präsidentschaftswahlkampf 2024 dem republikanischen Kandidaten Donald Trump zukommen ließ.
Musk habe damit die Untersuchungen stoppen wollen, die mehrere US-Behörden unter der Regierung Joe Bidens gegen ihn gestartet hatten. Das sagt auch Cummings: "Ich bin absolut überzeugt, dass er Donald Trump gekauft hat, um die Ermittlungen gegen sich zu stoppen. Es liefen so viele Untersuchungen gegen ihn, dass es viel einfacher und vermutlich auch günstiger war, Trump zu unterstützen, als sich all diesen Ermittlungen zu stellen."
Transhumanismus im Silicon Valley
Zu guter Letzt versucht Pichler noch, die Ideen Musks in den ideologischen Hintergrund des Silicon Valley einzuordnen – in den Versuch, sämtliche Probleme der Menschheit mit der Hilfe von Technik zu lösen. "Musk ist nicht nur ein Longtermist, sondern auch ein Transhumanist. Er vertritt die Ideologie, dass wir fortschrittliche Technologien entwickeln und nutzen sollen, um eine neue, posthumane Spezies zu erschaffen", sagt der Philosoph Émile P. Torres(öffnet im neuen Fenster). Seine Schlussfolgerung: "Wenn man glaubt, man hätte eine kosmische Mission und sei der Messias, der die Zukunft der gesamten Menschheit bestimmen kann, dann ist auch die Macht, die einem zusteht, grenzenlos. Wenn der Zweck die Mittel heiligt und das Ziel eine Utopie ist, was wäre dann Tabu, um diese Utopie zu erreichen? Nichts!"
Musk als treibende Kraft der riskanten Strategie
Insgesamt zeichnet der Film ein gutes Bild von der Radikalisierung Musks, die den Tesla-Chef bis zu dem umstrittenen Hitlergruß nach der Amtsübernahme Trumps führte. Dabei sollte sich die Doku ursprünglich nur um die sogenannten Tesla-Files und den Whistleblower Krupski drehen. "Ab dem Zeitpunkt aber, als klar war, dass er in der Regierung Trump mit Doge ein aktives Mandat annehmen würde, haben wir uns gesagt, dass wir nun einen komplett anderen Film machen müssen", sagt Produzent Christian Beetz laut Pressematerial. Ab dem Zeitpunkt sollte Elon Musk in den Mittelpunkt.
Die Aussagen der Gesprächspartner machen deutlich, dass Musk als Firmenchef die riskante Autopilotstrategie bewusst vorangetrieben und gegen interne und externe Kritiker durchzusetzen versucht hat. Erklären kann Pichler die Wandlung vom sympathischen Klimaschutzaposten zum hasserfüllten AfD-Unterstützer hingegen nicht.
Schwer erträgliches Material
Manches Material, wie die Bilder der Notfallhelfer beim Unfall in Florida, ist dabei etwas zu voyeuristisch geraten. Nicht ganz überzeugend ist zudem der breite Raum, den die Witwe eines getöteten Tesla-Fahrers aus Mecklenburg-Vorpommern einnimmt. Der Mann war mit seinem Auto auf einer Landstraße auf gerader Strecke von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt.
Es ist unklar, ob zum Zeitpunkt des Unfalls der Autopilot aktiviert war, weil Tesla bislang keine Daten zu dem Vorfall herausgegeben hat. Allerdings wäre es recht leichtsinnig gewesen, sich auf einer der vielen ungesicherten Alleen in Ostdeutschland auf den Autopiloten zu verlassen. Die Tatsache, dass ein Ersthelfer nicht in der Lage war, die Autotür von außen zu öffnen, verweist hingegen auf ein allgemeines Problem der Branche, das inzwischen schon von der chinesischen Regierung angegangen wurde.
Zudem macht der Film deutlich: Trotz aller visionären Ideen sind Menschen wie Musk auf Tausende von Mitarbeitern angewiesen, die diese Pläne konkret umsetzen. In diesem Sinne unterscheidet sich ein Tesla-Ingenieur, der eine unzuverlässige Software auf den Markt bringt, nicht vom VW-Entwickler, der die Abschaltvorrichtung für den Dieselmotor programmiert hat. Was die moderne Technik betrifft, sind wir alle mehr oder weniger Versuchskaninchen geworden.
Der Film läuft erstmals auf Sky Documentaries am 30. Januar 2026 um 21:00 Uhr. An den folgenden Tagen sind weitere 14 Termine geplant(öffnet im neuen Fenster). Zudem ist der Film auf Abruf verfügbar.
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