Heikle Themen werden aus der Geschichtsschreibung gestrichen

Am 26. August 2017 sieht sich Dirk Riegert, Creative Director von Blue Byte, bei einem Livestream mit der brisanten Frage eines Zuschauers konfrontiert: "Wird in Anno 1800 Sklaverei eine Rolle spielen?" Die Antwort des Creative Directors kommt zögerlich: Sklavenhandel sei im 19. Jahrhundert nicht mehr allzu relevant gewesen und werde zwar "sicherlich in irgendeiner Form aufblitzen", aber kein zentrales Spielelement sein. Denn das "würde die Leute durch die Spielmechanik auf einen Weg zwingen, wo man sich unwohl fühlt."

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Zwei Jahre später enthüllt der Release von Anno 1800, zu welchem Ergebnis diese Sorgen geführt haben: Sklaverei und Sklaven werden in allen Spielmechaniken ausgeblendet und finden hauptsächlich Platz in Beschreibungstexten einzelner Computergegner, gegen die wir im Spiel antreten können. Dass Sklaverei und Sklavenhandel auch noch während der Industriellen Revolution und entgegen der spontanen Einschätzung von Riegert ein grundlegender Wirtschaftsfaktor waren, das unterschlägt die Spielwelt komplett. Ein langes, dramatisches, aber wichtiges Kapitel der frühen Neuzeit wird guter Stimmung und dem Spielspaß geopfert.

Professor Jürgen Zimmerer, Experte für Kolonialgeschichte, hält diese Umschreibung der Geschichte für bedenklich. "Ich finde das hochproblematisch. Dadurch, dass Anno 1800 als historische Simulation daherkommt, erhebt es ja den Anspruch, die Geschichte abzubilden. Das heißt: Gerade die Spieler, die nicht zufällig Geschichte studieren oder nicht Geschichtslehrer sind, vermuten ja, dass das damals so war. Und wenn dann so ein entscheidender Faktor, der zum Wohlstand und zur Industrialisierung beigetragen hat, wie die transatlantische Sklaverei und die Sklavenwirtschaft fehlt, dann lernen sie daraus, dass es das nicht gab", so Zimmerer zu Golem.de.

Damit werde im Grunde die gesamte Aussage, worauf der Erfolg der europäischen Wirtschaft und Industrialisierung beruhe, komplett verzerrt. Dass Sklavenhandel aus ethischen Gründen als Spielelement ignoriert wurde, ist für den Experten zwar grundsätzlich nachvollziehbar, offenbart aber gleichzeitig eine Doppelmoral des Entwicklerteams: Sklavenhandel ist zu heikel, aber Arbeiterproteste in den Städten können auf Knopfdruck blutig niedergeschlagen oder neue Inseln zu Arbeiterkolonien erklären werden, wo Menschen in Überstunden und unterbezahlt malochen müssen.

Romantisierter Kolonialismus

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Auch die Kolonien werden in der Spielwelt von Anno 1800 zum Schauplatz einer Umschreibung der europäischen Geschichte, die weit über Detailveränderungen oder kleinere Anpassungen hinausgeht: Entdecken wir im Spielverlauf die Neue Welt irgendwo in Lateinamerika, können wir die neuen Inselstriche mit unseren europäischen Siedlern annektieren und wirtschaftlich erschließen.

Der einheimischen Bevölkerung wird dabei eine ausformulierte eigene Identität jenseits von Arbeitskraft und produzierten Gütern abgesprochen und sie werden sofort in nur zwei Bevölkerungsgruppen zusammengefasst: Jornaleros und Obreros.

Zimmerer erklärt, woher diese Bezeichnungen kommen: "Jornaleros sind Tagelöhner und Obreros Arbeiter. Wie dieser Begriff auf die indigene Bevölkerung gerade kolonisierter Inseln angewendet werden kann, ist mir schleierhaft. Im Grunde müsste man mit Zwangsarbeitern operieren." Das allerdings passt nicht in die offensichtlichen Pläne der Entwickler, das heikle Thema der Sklaverei großzügig zu umschiffen und deswegen die komplette Kolonialgeschichte auf eine Formel einzudampfen: Neue Insel bedeutet neue Rohstoffe und indigene Menschen sind Arbeiter, die glücklich sind, wenn sie Bier und Nähmaschinen erhalten - so einfach ist das alles in der Welt von Anno 1800.

Natürlich wäre es abstrus, von einer Aufbausimulation zu fordern, die Geschichte seines selbstgewählten Schauplatzes so korrekt wie nur irgendwie möglich abzubilden. Das ist auch nicht der Anspruch des Entwicklerteams, wie Ubisoft auf Nachfrage noch einmal klarstellte. Und doch muss auf der Hand liegen, dass der Flirt mit der Geschichte auch Grenzen hat, die dann verletzt werden, wenn grundlegende Prozesse und Phänomene der Geschichte schlicht ausgeblendet oder umgedeutet werden.

Denn genau so, wie Spiele mit historischem Setting das Interesse und die Lust an der Geschichte wecken können, drohen derlei Umdeutungen ein Geschichtsbild in den Köpfen der Spieler zu formen, das längst nicht mehr zeitgemäß ist, wie Zimmerer sagt: "Indem Anno 1800 Kolonisation verniedlicht und den Beitrag der Sklaverei für die Industrialisierung und den Wohlstandszuwachs Europas ignoriert, hilft es, eine europäische Erfolgsgeschichte zu verbreiten, welche die dunklen Seiten einfach ausblendet."

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 Sklavenhandel und Kolonialismus: Anno 1800 schreibt die Geschichte um
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