Skandinaviens radikale Bildungswende: Digital Detox im Klassenzimmer
Die De-Digitalisierung in skandinavischen Bildungssystemen nimmt konkrete Formen an. Schweden und Dänemark kehren dem digitalen Klassenzimmer den Rücken und greifen wieder zu traditionellen Lehrmitteln, berichtet der Tagesspiegel(öffnet im neuen Fenster) .
Schwedens Bildungsministerin Lotta Edholm begründet dem Bericht nach den Kurswechsel mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Analoge Lernumgebungen böten bessere Voraussetzungen für die Entwicklung grundlegender Lese- und Schreibkompetenzen. Die Regierung stellte 2024 rund 106 Millionen Euro bereit, um in großem Umfang gedruckte Lehrbücher anzuschaffen.
Dänemarks Bildungsminister Mattias Tesfaye formulierte seine Haltung noch deutlicher. Er entschuldigte sich dafür, Schüler zu "Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment" gemacht zu haben, wie es in dem Bericht heißt.
Computerisierung des Lernens ungünstig
Die Abkehr von der Digitalisierung des Unterrichts basiert auf wissenschaftlichen Studien, die negative Auswirkungen digitaler Medien dokumentieren. Das schwedische Karolinska-Institut veröffentlichte 2023 eine Stellungnahme mit eindeutigen Ergebnissen(öffnet im neuen Fenster) : Schüler, die Texte auf Bildschirmen lasen, lagen durchschnittlich zwei Jahre hinter jenen zurück, die auf Papier lernten.
Wissenschaftliche Grundlagen der Bildungswende
Deutsche Bildungsexperten beobachten die skandinavischen Entwicklungen aufmerksam. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlichte jüngst ein Diskussionspapier mit ähnlichen Empfehlungen. Es spricht sich für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren aus und empfiehlt Smartphoneverbote in Schulen bis zur zehnten Klasse.
Die empirischen Daten zeigen einen Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und psychischen Belastungen bei Jugendlichen. Obwohl ein direkter kausaler Zusammenhang noch nicht abschließend bewiesen ist, empfehlen Forscher vorbeugende Maßnahmen nach dem Vorsorgeprinzip.
Kritiker der De-Digitalisierung warnen vor überhasteten Entscheidungen. Medienwissenschaftlerin Ingrid Forsler bezeichnete die komplette Rückkehr zu analogen Medien gegenüber dem Tagesspiegel als "populistisch" und "kurzsichtig" . Sie argumentierte, dass digitale Technologien weder Lösung noch Problem seien, sondern deren Anwendung entscheidend sei.
Die schwedische Pädagogin Inger Enkvist sieht das Problem nicht in den Geräten selbst. Vielmehr kritisierte sie pädagogische Konzepte, die auf eigenständiges Lernen über Internetrecherchen setzen. Jüngere Schüler verfügten noch nicht über die kognitiven Fähigkeiten für selbstgesteuerte Wissensaneignung.
Auch private Nutzung von Handys in Schulen soll eingeschränkt werden
Mehr als 90 Prozent der Menschen in Deutschland wünschen sich eine Beschränkung der privaten Smartphonenutzung an Schulen . Das geht aus einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Yougov Mitte 2025 im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur hervor.