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Silver Gamer: "Viel mehr ältere Leute sollten spielen"

Gabi Heu ist 73 und macht Let's Plays bei Youtube. Selbst wenn sie bei Alan Wake auch mal 30 Stunden im Wald herumirrt: Sie liebt das Spielen und wünscht sich, dass die Branche ältere Gamer noch mehr beachtet.
/ Elke Wittich
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Die Gruppe älterer Spieler wächst - warum sollte man auch zu alt zum Zocken sein? (Bild: Saul Loeb / AFP via Getty Images)
Die Gruppe älterer Spieler wächst - warum sollte man auch zu alt zum Zocken sein? Bild: Saul Loeb / AFP via Getty Images

Gerade zu Weihnachten zeigt sich, wie klischeebehaftet das Thema Computerspiele immer noch ist. Das immer wiederkehrende Bild ist nämlich das von Kindern und Jugendlichen, die es nicht abwarten können, bis der feierliche Teil endlich vorbei ist und sie endlich mit ihren Geschenken, also einem neuen Game oder vielleicht sogar neuer Hardware, spielen können. Dabei sind Computerspiele schon längst nicht mehr nur ausschließlich eine Sache für junge Leute.

Immer mehr Ältere und Alte aka Silver Gamer zocken. Leute wie die 73-jährige Gabi Heu, die mittlerweile sogar einen eigenen Youtube-Kanal(öffnet im neuen Fenster) mit aktuell 695 Abonnenten betreibt. Ihre Videos werden nicht geschnitten, sie möchte ihre Zeit mit Spielen verbringen.

Von Schnittprogrammen habe sie außerdem (noch) keine Ahnung, sagt sie dazu im Gespräch mit Golem.de. "Laut der Playstation-Statistik habe ich dieses Jahr 77 verschiedene Spiele gespielt,"sagt sie. Und dass sie "natürlich keine Spitzengamerin mehr werde, aber auf meinem Level bin ich zufrieden".

Das geht damit los, dass sie keinerlei Ehrgeiz verspürt, die angegebene Mindestspielzeit eines Games zu unterbieten: "Für Alan Wake habe ich zum Beispiel 51 Stunden gebraucht,"berichtet sie. "Einen guten Orientierungssinn hatte ich nämlich noch nie, und nun sollte ich in dem Spiel durch einen dunklen Wald laufen und etwas suchen – ungefähr 30 Stunden lang habe ich mich nur verlaufen."

Begonnen hatte Gabi Heus Leben als Gamerin mit einer niederschmetternden Diagnose. Bei ihr wurde die unheilbare Krankheit COPD, chronisch obstruktives Lungensyndrom, festgestellt. "Ich weiß also, woran ich sterben werde,"sagt sie heute dazu.

Damals ging es ihr gesundheitlich sehr schlecht, "mein Sohn hat mir buchstäblich das Leben gerettet, jeden Tag kam er vorbei und ist mit mir rausgegangen. Am Anfang habe ich nur drei Minuten geschafft – heute verbringe ich eine Stunde täglich auf dem Rudergerät und meine Lungenwerte sind nicht nur stabil, sondern haben sich sogar etwas verbessert." Das Spielen ist inzwischen Therapie geworden: Keine Atemnot, der Kopf ist voll auf das Spiel konzentriert, "und das tut so gut,"wie sie betont.

Als erstes Spiel ein Shooter

2017 nahm der Sohn sie dann mit in einen Star-Wars-Film, "der war richtig toll und ich bin nach Hause gegangen und hab mir überlegt, dass es ja vielleicht schön wäre, wenn es ein Spiel dazu geben würde. Irgendwie fand ich aber keine, bis mein Sohn mir sagte, dass sie Battlefront heißen".

Und aber auch, dass "auf meiner alten Kiste nichts mehr laufen würde."Gabi Heu bekam schließlich seine alte Playstation 4 und war damit zunächst völlig überfordert. "Wir haben dann gemeinsam einen Shooter gespielt, er bei sich zu Hause, ich bei mir, und im Prinzip war ich permanent tot."

Erst spät zum Spielen gekommen

Ihr wurde dann geraten, Videos von Streamern anzusehen, um zu gucken, wie das alles gemacht werde. "Hat gut geklappt,"lacht sie rückblickend, "ich war dann davon überzeugt, dass ich das auch kann, kam ins Spiel und war wieder nach ungefähr zwei Sekunden zum ersten Mal tot".

Rückschläge gebe es immer wieder, sagt sie und erzählt von Last of Us 2, wo es ihr eine Stunde lang nicht gelang, den Rattenking zu besiegen. "Ich hab wirklich geheult vor Wut,"sagt sie.

Oder von Cynthia aus Alan Wake, die in einem Bosskampf besiegt werden musste. "Zwei Stunden hab ich das probiert, und es hat nicht geklappt." So was könne man natürlich niemandem zum Anschauen zumuten, "deswegen veröffentliche ich solche Videos auch nicht. Aber ich schreibe zu allen Videos, die auf meinem Youtube-Kanal erscheinen, immer auch einen Text, in dem ich unter anderem Schwierigkeiten thematisiere". Cynthia zu besiegen, gelang schließlich – mit viel Üben.

"Es gibt Millionen Gamer und alle wollen damit Geld verdienen,"hat Gabi festgestellt, "aber das ist natürlich ein völlig irrationaler Wunsch, denn alleine um monetarisiert zu werden, muss man diverse Kriterien erfüllen".

Große Abrufzahlen haben ihre Videos nicht, aber darum gehe es ihr ja auch gar nicht, sondern darum, Spaß zu haben. Vieles könne sie nun krankheitsbedingt nicht mehr tun, sagt sie.

"Ich hatte einmal Corona und viel Glück, dass es nicht auf die Lungen durchgeschlagen ist, wer weiß, was sonst passiert wäre. Aber noch einmal möchte ich das Risiko nicht eingehen, deswegen meide ich Menschenmengen, U-Bahnfahrten und alles andere, das mich in Gefahr bringen könnte."

"Brettspiele habe ich immer gehasst"

Dazu lebt sie sehr diszipliniert: täglich vor dem Frühstück eine Stunde rudern, kein Alkohol und seit der Diagnose auch keine Zigaretten mehr. "Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich um meine erste Zigarette den größten Bogen der Welt machen,"erklärt sie.

Hat sie immer schon gern gespielt? "Absolut nicht. Brettspiele habe ich sogar gehasst."

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, durfte sie etwa an Silvester nicht auf Partys gehen, sondern musste zu Hause bei der Familie bleiben. "Wir lebten in einer absolut spießigen Kleinstadt, in der jeder jeden kannte und entsprechend viel getratscht wurde." Jeden Silvesterabend mit der Familie Monopoly? "Ich habe es gehasst."

Gruppe der Silver Gamer wächst

Ende der 60er Jahre stand für Gabi dann fest, dass sie raus wollte aus der provinziellen Enge. "Wir waren auf Abschlussklassenfahrt in Berlin, übernachtet hatten wir in den Katakomben des Olympiastadions, wo es eine Art Jugendherberge gab,"erinnert sie sich.

"Abends durften wir allein raus, auf den Ku'damm, und für mich stand sofort fest, dass ich nach dem Ende meiner Lehre nach Berlin ziehen würde." Mit 20 war es soweit; da man damals aber erst mit 21 volljährig war, durfte Gabi weder Arbeits- noch Mietvertrag unterschreiben, das mussten die Eltern tun.

"Sie waren nicht begeistert und fragten immer wieder, ob ich wirklich in diesen Sündenpfuhl wollte – natürlich wollte ich das!" Am 20. März 1970 "kam ich mit zwei Koffern in Westberlin an und bin nie wieder weggegangen".

Laut dem Branchenverband Game liegt das Durchschnittsalter der hiesigen Gamer bei 37,9 Jahren(öffnet im neuen Fenster), Tendenz seit Jahren steigend. Mittlerweile machten die Silver Gamer rund ein Drittel der gesamten Spielerschaft in Deutschland aus.

Bob de Schutter, Associate Professor für Gamedesign an der Northeastern University, sagte in einem Interview mit der Zeitung seiner Universität(öffnet im neuen Fenster), er erkläre sich die wachsende Zahl älterer Spieler so: "Wenn man sich die Literatur über das Spielen ansieht, dann sind Spiele das, wodurch wir lernen." Und dann, wenn man 16 ist, solle man damit aufhören? "Hat man mit 30 das Gefühl, nun alles zu wissen? Oder findet man, wenn man 50 ist, dass die Welt aufgehört hat, sich zu drehen? Natürlich nicht. Deswegen sind Spiele für uns alle wichtig."

Ältere Erwachsene spielen nicht nur, sondern geben auch viel Geld für Computerspiele aus. Einer Studie der AARP (American Association of Retired Persons), einer Interessengruppe für Menschen über 50, zufolge kauften amerikanische Ü-50-Player in der ersten Hälfte des Jahres 2019 Games im Wert von 3,5 Milliarden US-Dollar.

Auch Ältere spielen nicht nur Gehirn-Jogging-Spiele

Insgesamt wurden mit Spielen 2019 35,4 Milliarden umgesetzt, Senioren und Seniorinnen machen also insgesamt noch keine wirklich finanziell attraktive Zielgruppe aus. Langsam kommen nun aber auch diejenigen, die als Kinder und Jugendliche an C-64, Amigas, PC und Nintendo das Daddeln entdeckten, in das Alter, in dem sie als "älter" bezeichnet werden. Die Gruppe der gameaffinen Senioren und Seniorinnen wird also in den nächsten Jahren mutmaßlich noch größer.

In der Spieleindustrie werde über ältere und alte Gamer allerdings hauptsächlich in Bezug auf Spiele gesprochen, die als positiv für die Gesundheit oder als Training für die kognitiven Fähigkeiten angesehen werden, kritisiert De Schuller. Tatsächlich spielt die Mehrheit der Silver Gamer die auch in anderen Altersstufen leicht zugänglichen Spiele wie die jeweils populären Handygames oder andere Casual Games.

Menschen wie Gabi Heu, die gern Action-Games spielen, werden von der Spieleindustrie dagegen weitgehend ignoriert. "Es ist aber nicht so, dass Ältere nicht auch an komplexeren Spielen interessiert sind,"sagt De Schuller. Vielmehr sei der Zugang für Senioren und Seniorinnen mit ihren spezifischen Gesundheitssschwierigkeiten oft schwerer als für Jüngere.

Für mehr Barrierefreiheit

Das berichtet auch Gabi Heu: "Ich habe Arthrose in der linken Hand, die ich zum Spielen immer bandagiere, denn wenn ich Schmerzen bekomme, muss ich aufhören." Wenn in einem Game sehr viel gelaufen werden müsse, sei die Bedienung des Controllers ziemlich schmerzhaft, sagt sie und wünscht sich mehr barrierefreie Spiele, "nicht nur für Ältere, sondern auch für alle, die in irgendeiner Form körperlich beeinträchtigt sind".

Heu spielt nicht nur viel, sondern informiert sich auch gründlich über die Entwicklungen in der Spielebranche. Und freut sich schon, dass "am 29. Februar der zweite Teil vom Remake von Final Fantasy 7 kommt."

Das 1997 erschienene alte Spiel hat sie auch schon mal ausprobiert, "aber das war in 2D, das ist einfach nicht meine Welt". Generell kann sie die alten Games, in denen statt mündlichen Dialogen Sprechblasen erscheinen, nicht gut spielen, "dazu bin ich zu kurzsichtig, ich kann sie einfach nicht lesen".

Bis auf die Sache mit der mangelnden Barrierefreiheit hat sie keine größeren Wünsche an die Game-Industrie. Aber sie hat ihre Lieblingsgenres ja auch schon gefunden, am liebsten mag sie Endzeitspiele.

Andere Senioren und Seniorinnen haben das noch nicht getan. Celia Pearce, Professorin für Gamedesign an der Northeastern, findet, dass die Industrie daran schuld ist: "Sie hat und befördert eine konstruierte Idee vom Spieler, die im Prinzip eine selbsterfüllende Prophezeiung ist. Gesagt wird, dass junge Männer Games spielen – dann werden eben Spiele für diese Gruppe gemacht – und man kann dreimal raten, wer diese Spiele dann spielt."

Das liegt wohl zu einem großen Teil daran, dass die Spielentwickler selbst eher jünger sind, lediglich 13 Prozent sind einer Erhebung der AARP zufolge älter als 45 Jahre. Das liege auch an den teils stressigen Arbeitsbedingungen, haben die Professoren von der Northeastern beobachtet. Wichtig sei aber nicht nur, Entwicklerteams zu haben, in denen alle Altersstufen miteinander an neuen Games arbeiteten, sondern auch ältere Gamer zum Beispiel zum Brainstorming einzuladen oder nach Erfahrungen zu fragen.

"Viel mehr ältere Leute sollten spielen,"findet Gabi, "man muss im Kopf fit bleiben und darf sich nicht hängenlassen, dafür sind Games, wenn man Spaß daran hat, sehr gut geeignet".

Spielen gegen Einsamkeitsgefühle

Spaß sei überhaupt ein wichtiger Faktor. Auch, um manchmal aufkommende Einsamkeitsgefühle zu überwinden, sei das Spielen gut geeignet, findet sie: "Ich habe meine beiden besten Freundinnen verloren, wir kannten uns viele Jahre,"sagt Gabi Heu.

Eine sei "zum AfD-Groupie geworden, das ist schade, aber ich will sicher niemanden mit Nazi-Gedanken um mich herum haben."Die andere, ebenfalls eine langjährige Freundin, "wurde plötzlich zum Verschwörungsfan, ich hab wirklich alles versucht, aber sie da rauszuholen, das hab ich nicht geschafft."


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