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Silk Road: Der Broker aus dem Deep Web

15 Monate nach dem Ende des Onlineschwarzmarkts Silk Road beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Betreiber. Eine zentrale Frage: Hat das FBI illegal Server gehackt?
/ Eike Kühl (Zeit Online)
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Google+-Bild von Ross Ulbricht (Bild: Google+)
Google+-Bild von Ross Ulbricht Bild: Google+

Unter dem Namen Silk Road Reloaded ist der bekannteste Drogenumschlagplatz im Netz seit vergangener Woche wieder online(öffnet im neuen Fenster) . Es ist die dritte Version der Seite und zumindest eins scheint sicher: Ross Ulbricht hat mit dieser Silk Road nichts zu tun. Seit 15 Monaten sitzt der 30-Jährige in Haft. Am Dienstag beginnt in New York der Prozess. Die Staatsanwaltschaft möchte beweisen, dass Ulbricht unter dem Decknamen Dread Pirate Roberts der Betreiber der ersten Silk Road war. Ulbricht werden unter anderem Verschwörung zum Drogenhandel, Geldwäsche, Hacking und Identitätsdiebstahl vorgeworfen. Bei einer Verurteilung droht ihm eine jahrzehntelange Haftstrafe.

Es ist der wichtigste Prozess gegen einen Marktplatz aus dem sogenannten Deep Web, das nicht über klassische Suchmaschinen zu finden ist. Zum Deep Web gehört auch das Darknet(öffnet im neuen Fenster) , das nur über anonymisierte Peer-to-Peer-Netzwerke wie Tor erreichbar ist. Es gilt als ein ebenso anarchischer wie libertärer Ort, an dem illegale Marktplätze, Pornografie und politische Dissidenten aufeinandertreffen. Der Prozess gegen Ross Ulbricht könnte die Zukunft des Darknet und seiner Angebote verändern. Er könnte auch klären, welche Möglichkeiten den Behörden bei der Ermittlung erlaubt sind.

Silk Road war nicht der erste Marktplatz im Darknet, aber einer der erfolgreichsten. Im Februar 2011 gegründet entwickelt sich die Silk Road schnell zu einer der beliebtesten Adressen für alles Verbotene: Drogen, gefälschte Papiere, schmutzige Dienstleistungen. Untersagt sind Kinderpornografie, gestohlene Kreditkarten und Massenvernichtungswaffen. Für den Rest gibt es Vorschaubilder und Bewertungen, ähnlich wie bei eBay. Bezahlt wird per Bitcoin, die Pakete kommen per Post zu den Käufern, zum Teil auch aus Bayern(öffnet im neuen Fenster) .

Erstmals im Mainstream taucht das Deep Web auf, als der US-Journalist Adrian Chen im Juni 2011 einen Artikel über die Silk Road veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) . Zu diesem Zeitpunkt beginnen auch die Behörden zu ermitteln. Ein Jahr später setzt der Marktplatz einer Studie zufolge allein mit Drogen zwei Millionen US-Dollar pro Monat um(öffnet im neuen Fenster) . Für jede erfolgreiche Transaktion erhält der unbekannte Betreiber einen kleinen Anteil, der sich im Laufe weniger Monate auf mehrere Millionen summiert. Die Käufer jedenfalls sind zufrieden: 96 Prozent der Transaktionen bewerten sie mit fünf von fünf Sternen.

Der Aufstieg der Silk Road endet abrupt im Oktober 2013: In einer Bibliothek in San Francisco nimmt das FBI den mutmaßlichen Betreiber fest, wenig später ist die Seite offline: Ross Ulbricht, ein Physik- und Ingenieurswissenschaftler aus Texas soll hinter dem Alias Dread Pirate Roberts stecken. Wenig später beschlagnahmt das FBI Bitcoins im Wert von 28,5 Millionen US-Dollar, die angeblich Ulbricht gehörten. Der streitet alles ab. Seit seiner Verhaftung plädiert er auf nicht schuldig.

Dread Pirate hinterließ Spuren

Doch die Beweislage gegen ihn scheint überwältigend. Hinweise auf die Identität des Dread Pirate Roberts finden die Ermittler bereits in den Anfangstagen der Seite. In Bitcoin- und Drogen-Foren weist er andere Nutzer darauf hin(öffnet im neuen Fenster) , wie man im Tor-Netzwerk zur Silk Road gelangt. In einem dieser Beiträge taucht Ulbrichts Gmail-Adresse auf. Die gleiche Adresse ist mit einem Konto auf der Programmiererwebsite Stack Overflow verbunden. Dort fragt Ulbricht – zunächst unter seinem echten Namen – wie man sich in der Programmiersprache PHP mit dem Tor-Netzwerk verbindet.

Sollte Ulbricht hinter Dread Pirate Roberts stecken, ist er teilweise sehr unvorsichtig. Er verbindet seine Social-Media-Konten mit der gleichen Mailadresse wie seine Profile in Foren. Als überzeugter Neoliberaler schreibt er offen auf Plattformen wie LinkedIn über eine Wirtschaft, die staatliche Kontrollen umgehen würde. Er gibt anderen mutmaßlichen Silk-Road-Nutzern in Chats seine Zeitzone preis. Und obwohl er einen VPN-Dienst nutzt, um seinen Standort zu verschleiern, nutzt er ihn vom gleichen Café aus, in dem er ohne VPN seine privaten E-Mails abruft.

Die größten Hinweise aber finden die Ermittler nach der Verhaftung auf Ulbrichts Laptop. Angeblich sei er zu der Zeit in das Backend der Silk Road eingeloggt gewesen. Zwischen den Dokumenten und Chatlogs gibt es zudem Hinweise, dass Dread Pirate Roberts mehrere Auftragsmorde gegen frühere Silk-Road-Mitstreiter(öffnet im neuen Fenster) und Verkäufer geordert habe, wobei allerdings keiner tatsächlich stattfand. Einer davon soll gegen einen Undercover-Ermittler gerichtet gewesen sein. Der fälschte seinen Tod gemeinsam mit der Polizei, um eine Reaktion hervorzurufen. Dread Pirate Roberts schreibt, "ein wenig erschüttert" zu sein, aber trotzdem davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Überraschenderweise sind die mutmaßlichen Auftragsmorde aber nicht mehr Teil der offiziellen Anklage(öffnet im neuen Fenster) . Zwar haben die Richter erlaubt, die entsprechenden Dokumente mit in den Prozess aufzunehmen, doch dass die scheinbar schwerwiegendsten Straftaten unter den Tisch gefallen sind, lässt viele Fragen offen: Waren die Beweise doch nicht so stichfest? Oder möchten die Behörden die Identität möglicher Opfer und Informanten nicht preisgeben?

Wie kam das FBI der Silk Road auf die Schliche?

Die Website Daily Dot hat im Dezember eine Liste des kompletten Beweismaterials veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) . Die Jury in New York muss im zunächst für vier Wochen angesetzten Prozess entscheiden, was sie daraus macht. So übermächtig die Beweise scheinen – leicht wird der Prozess nicht. Ulbrichts Anwalt ist Joshua Dratel(öffnet im neuen Fenster) , der in der Vergangenheit Insassen von Guantanamo und Angehörige von Terroristen verteidigt hat. Finanzielle Unterstützung bekommt Ulbricht von Bitcoin-Investor Roger Ver, zudem konnte er bereits über 300.000 US-Dollar über Spenden einnehmen(öffnet im neuen Fenster) .

Schon in den Wochen vor dem Prozess versuchten Ulbricht und sein Team, die Screenshots aus Chats und Foren aus der Beweissammlung zu entfernen. Sie seien zu leicht zu fälschen. Zudem soll die Jury sämtliche Dokumente schriftlich ausgehändigt und nicht vorgelesen bekommen. Damit möchte man vermeiden, dass etwa eine falsche Intonation die Meinung der Jury beeinflusst.

Die entscheidende Frage der Verteidigung aber betrifft, welche Maßnahmen das FBI ergriffen hat, um die Silk-Road-Server zu enttarnen. Es ist ein zentraler Punkt, denn erst danach konnten sie die mutmaßliche Verbindung zwischen Dread Pirate Roberts und Ross Ulbricht überhaupt herstellen. Sollte das FBI bei dieser Ermittlung unrechtmäßig gehandelt haben, würde die gesamte Anklage zusammenfallen.

Tatsächlich ist unklar, wie das FBI Zugriff bekam. Offiziell soll ein Captcha(öffnet im neuen Fenster) aus dem offenen Internet die IP-Adresse des Servers dahinter verraten haben. Anschließend konnte man den Standort auf ein Serverzentrum in Island festlegen. Die Experten bezweifeln das(öffnet im neuen Fenster) . "Die Captcha-Geschichte ist voller Lücken" , heißt es im Blog(öffnet im neuen Fenster) des Sicherheitsexperten Brian Krebs.

Ein Prozess über Anonymität und Überwachung

Ulbrichts Anwälte argumentieren, das FBI hätte unrechtmäßig gehandelt, indem es sich ohne Durchsuchungsbefehl Zugang zu den Servern beschafft hätte und darüber hinaus die elektronischen Aktivitäten ihres Mandanten überwacht hätte. Im Oktober wies das Gericht die Einwände mit einer zweifelhaften Begründung zurück(öffnet im neuen Fenster) : Ulbricht hätte nicht zugegeben, dass der Server ihm gehört, weshalb es auch kein Eingriff in seine Privatsphäre sei. Aber wie sollte Ulbricht das zugeben, ohne sich selbst zu belasten?

Das FBI selbst schweigt über das genaue Vorgehen. Auch das sorgt für Kritik – und Unbehagen. Seit im vergangenen November weitere Onlineschwarzmärkte hochgenommen wurden(öffnet im neuen Fenster) , gibt es Fragen über die Sicherheit des Tor-Netzwerks. Hat das FBI oder gar die NSA etwa eine Schwachstelle im mutmaßlich sicheren Netzwerk entdeckt? Die Tor-Entwickler bestreiten das. Doch die Zweifel bleiben.

Am Ende geht es in dem anstehenden Prozess um mehr als die Silk Road. Selbst wenn Ross Ulbricht als Dread Pirate Roberts verurteilt wird, könnte es Folgen für die Zukunft des gesamten Deep Webs haben: Nicht nur für illegale Schwarzmärkte, sondern auch für legale Angebote, für politische Flüchtlinge und Whistleblower. Deren Anonymität steht auf dem Spiel, wenn sich Behörden und Geheimdienste in einem rechtsfreien Raum bewegen können.


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