Signal-Messenger: "Du kannst eine gute App auch ohne Tracking entwickeln"

Von Datenschützern und Sicherheitsexperten empfohlene Tools haben oft den Ruf, kompliziert und nicht gerade nutzerfreundlich zu sein. Häufig nicht zu Unrecht. Bei dem Messenger Signal ist das anders: Er lässt sich trotz eines klaren Fokus auf Datenschutz und Sicherheit leicht bedienen und kann mit umfangreichen Features aufwarten. Entsprechend wird er auch bei weniger technikaffinen Menschen immer beliebter .
Wir sprechen mit Jun Harada, der bei Signal seit Mai 2020 für die Kommunikation und das Wachstum zuständig ist, über neue Features, den CEO-Wechsel und das ungewöhnliche Entwicklungs- und Finanzierungsmodell von Signal, welches sich an der Community orientiert, statt auf Tracker, Analytics und Investoren zu setzen.
Golem.de: Signal hat in den letzten Monaten und Jahren viele neue Nutzer hinzugewonnen und etliche Features veröffentlicht. Was entwickelt Signal zurzeit?
Jun Harada: Wir arbeiten derzeit vor allem an zwei neuen Features, die sich unsere Nutzer gewünscht haben: Das ist zum einen die Telefonnummern-Privacy und zum anderen eine Status-Funktion.
Bei dem Feature zur Telefonnummer-Privacy oder Privaten Telefonnummer geht es darum, dass die Signal-Nutzer nicht mehr zwangsweise ihre Telefonnummer mit anderen teilen müssen, wenn sie auf Signal mit anderen Nutzern in Kontakt treten wollen.
Die Nutzer können einen Benutzernamen wählen, unter dem sie erreichbar sind. Das ist ein Wunsch, der schon lange von der Community an uns herangetragen wurde und an dem wir schon seit einiger Zeit hart arbeiten. Es gibt regelmäßige Updates im Quellcode von Signal dazu.
Golem.de: Signal hat bereits im Juli 2020 die Signal-PIN eingeführt , mit der ein verschlüsseltes Adressbuch auf dem Server abgesichert wird. Die Technik wurde auch als Voraussetzung für Nutzernamen eingeführt, die im Unterschied zu Telefonnummern nicht im lokalen Adressbuch gespeichert werden sollen. Das ist eineinhalb Jahre her. Gibt es mittlerweile einen Termin für die Nutzernamen?
Harada: Nein, ein Termin steht leider noch nicht fest. Wir veröffentlichen neue Funktionen erst, wenn wir sicherstellen können, dass sie auf eine sichere Art und Weise funktionieren. Beispielsweise müssen wir uns bei der Privaten Telefonnummer sicher sein, dass die Telefonnummer nicht doch an irgendeiner Stelle durchsickert. Wir müssen uns also möglichst viele, ganz unterschiedliche Szenarien ansehen, um zu gewährleisten, dass es so wie erwartet funktioniert.
Der Ansatz von Signal ist, dass Privates auch wirklich privat bleiben soll. Wir wollen nicht schnell etwas veröffentlichen und dann Monate später feststellen, nachdem Millionen Menschen es nutzen, dass in einem bestimmten Fall doch die Telefonnummer angezeigt wird. Das wäre furchtbar für uns.
Golem.de: Wird man sich weiterhin mit einer Telefonnummer registrieren müssen, um einen Nutzernamen einrichten zu können?
Harada: Vorerst wird es nur um das Privathalten der Telefonnummer gehen. Das heißt, man muss sich weiterhin mit einer Telefonnummer registrieren, statt dieser kann jedoch ein Nutzername verwendet werden, um mit anderen Nutzern in Kontakt zu treten. Die Telefonnummer muss dafür nicht mehr weitergegeben oder bekannt sein, es reicht der Nutzername.
Nutzernamen statt Telefonnummer
In Zukunft könnte es auch die Möglichkeit geben, sich ganz ohne Telefonnummer zu registrieren, wenn das der Wunsch der Community ist. Beispielsweise über eine E-Mail-Adresse.
Golem.de: Können sich dann nicht auch Spammer viel leichter registrieren? Signal hat ja erst kürzlich die Spambekämpfung ausgebaut .
Harada: Wir kämpfen immer gegen Spam. Das ist ein Problem, das jeder große Internetdienst hat und je größer Signal wird, desto attraktiver wird es für Spammer – und Signal wächst jeden Tag. Spam scheint einfach zum Ökosystem des Internets dazuzugehören. Entsprechend müssen wir ständig noch robustere Funktionen zur Bekämpfung von Spam entwickeln.
Aber ja, die Registrierung mit einer Telefonnummer hat viele Vor- und Nachteile. Die Telefonnummer ist ein wirklich mächtiges Werkzeug und eine eindeutige Kennung. Mit einer E-Mail-Adresse könnten sich natürlich auch Spammer leichter Konten bei Signal erstellen. Auch dann werden wir Maßnahmen zur Spam-Bekämpfung einführen müssen.
Golem.de: Die Nutzernamen wünscht sich die Community schon sehr lange, wie kam es, dass an einer Status-Funktion gearbeitet wird?
Harada: Als wir Anfang 2021 ein massives Wachstum erlebten und Millionen und Abermillionen von Menschen zum ersten Mal Signal beitraten, bekamen wir ganz andere Arten von Feedback zu hören, als wir es normalerweise gewohnt sind.
Nutzerfeedback ist zentral für die Signal-Entwicklung
Dieses Feedback hilft uns und ist wichtig für uns, wenn wir unsere Entwicklungs-Roadmap festlegen. Das Feedback hat uns gezeigt, dass der Status eine sehr gefragte Funktion ist, sogar noch viel gefragter als die Nutzernamen. Also haben wir uns darangesetzt und geschaut, ob und wie wir eine solche Funktion realisieren können.
Golem.de: In ihrem Signal-Profil können die Nutzer bereits eine Info über sich hinterlegen. Das nutzen manche bereits für Statusinformationen. Wie wird sich die neue Status-Funktion davon unterscheiden?
Harada: Ja, es ist cool, wie die Nutzer alle möglichen Wege finden, Funktionen von Signal auf ihre eigene Art und Weise für sich zu nutzen. Die neue Status-Funktion soll robuster und flexibler sein. Bisher kann nur ein Icon festgelegt und ein Text dazugetippt werden. Hier soll es mehr Möglichkeiten geben.
Außerdem soll der Status mehr wie eine Push-Funktion werden und nicht wie das eher statische Profil. Und natürlich wird es auch wie alles andere bei Signal Ende-zu-Ende-verschlüsselt sein. Aber wie genau die Funktion aussehen wird und ob sie letztlich wirklich kommt, hängt immer davon ab, ob sie mit dem Privatsphäre- und Sicherheitsanspruch von Signal vereinbar ist.
Signal: "Wir sind kein Startup mit Venturekapital"
Golem.de: Warum ist Signal so auf das Feedback der Community angewiesen? Andere Apps bekommen das Feedback direkt aus ihren Apps.
Harada: Signal ist voll und ganz auf Privatsphäre ausgelegt und überwacht seine Nutzer nicht. Entsprechend werten wir die App-Nutzung auch nicht mit Trackern oder Analytics aus und wissen nicht, wie die Nutzer die App verwenden. Andere App-Entwickler könnten vielleicht sagen: Oh, schau mal, ungefähr 80 Prozent der Leute bleiben an diesem Bildschirm hängen!
So etwas sehen wir nicht. Im Gegenteil, der Ansatz von Signal ist die Datenvermeidung. Der Server soll wenig wie möglich über die Nutzer wissen . Er ist nur ein Relais, das die verschlüsselten Daten verteilt. Deshalb brauchen wir viel Feedback und viele Gespräche mit der Community, um zu verstehen, wie die Leute Signal nutzen und was ihnen daran gefällt, was ihnen nicht gefällt, welche Bugs auftreten.
Signal beweist: Es braucht kein Tracking
Viele Leute behaupten , man könne keine gute App entwickeln, ohne viele Daten zu haben. Signal beweist, dass es auch anders geht und das auch skaliert. Es ist möglich, eine hochmoderne Softwareanwendung für Millionen von Menschen zu entwickeln, ohne dass man ihre Daten braucht.
Golem.de: Auch rechtlich und bei der Finanzierung funktioniert Signal anders?
Harada: Ja viele denken bei einem modernen Messenger an ein Startup mit Venturekapital – das ist Signal aber überhaupt nicht. Hinter Signal steht eine gemeinnützige Stiftung, die im Jahr 2018 gegründet wurde. Die Stiftung kann zwar ähnlich wie ein Unternehmen agieren, ist aber nicht gewinnorientiert und muss sehr transparent sein. Wir werden jedes Jahr kontrolliert und all unsere Einnahmen und Ausgaben müssen offengelegt werden.
Golem.de: Und wie sieht es mit der Finanzierung aus? Kürzlich habt ihr Badges für Spender eingeführt.
Harada: Ja, mit den Badges wollten wir eine Möglichkeit für Leute schaffen, Signal zu unterstützten. Man kann direkt aus der App heraus spenden und erhält dann einen Signal-Unterstützer-Badge. Manche Nutzer erfahren erst über die Badges, dass Signal spendenfinanziert ist.
Signal und die Community
Signal ist also untrennbar mit der Community verbunden, im Grunde eine symbiotische Gemeinschaft. Deshalb ist die Foundation für uns so wichtig, weil sie genau dieses Modell in den Vordergrund stellt. Im Vorstand sitzen Signal-Gründer Moxie Marlinspike, der Interim-CEO und Whatsapp-Gründer Brian Acton und die Professorin Meredith Whittaker.
Golem.de: Moxie Marlinspike hat kürzlich den CEO-Posten für einen Nachfolger freigemacht. Gibt es bereits einen neuen CEO und wird Moxie Marlinspike Signal erhalten bleiben?
Harada: Im Moment gibt es mit Brian Acton einen Interim-CEO, aber das Signal-Team ist auf der Suche nach einer Person, die die CEO-Stelle langfristig ausfüllt. Auch Moxies Energie konzentriert sich gerade ganz darauf, einen Ersatz zu finden. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Moxie wird aber auf jeden Fall Signal für immer verbunden bleiben.



