SF6: Das Super-Treibhausgas aus Bad Wimpfen

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Dass etwas mit den offiziellen Statistiken über die Emissionen von SF6 nicht stimmen kann, war bekannt. Schon 2010 warnten Wissenschaftler in einer Studie(öffnet im neuen Fenster) , dass die gemessenen Emissionen des stärksten bekannten Treibhausgases nicht mit dem übereinstimmten, was Länder in ihren Klimaberichten an die UN angaben.
Diese Diskrepanz zwischen Messungen und gemeldeten Emissionen von SF6 wurde seither immer wieder bestätigt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität gelang es nun(öffnet im neuen Fenster) , eine Quelle für bislang unbekannte SF6-Emissionen aufzuspüren. Eine Fabrik des Chemiekonzerns Solvay im schwäbischen Bad Wimpfen stößt demnach gigantische Mengen an SF6 aus.
Eine Tonne SF6 heizt die Erde über 100 Jahre gerechnet etwa 25.000-mal so stark(öffnet im neuen Fenster) auf wie eine Tonne Kohlendioxid. SF6 ist damit das stärkste bekannte Treibhausgas. Doch aufgrund vorteilhafter Eigenschaften kam es in der Vergangenheit in verschiedensten Produkten und Industrien zum Einsatz: SF6 reagiert kaum mit anderen Materialien, es brennt nicht und ist nicht giftig.
Nike-Sportschuhe und elektrische Schaltanlagen
Lange Zeit nutzte etwa der Sportartikelhersteller Nike das Gas in seinen Schuhen der Air-Serie. Dabei war lange bekannt, dass SF6 das Klima schädigt. Im Jahr 1992 wurde das Gas in Nike-Turnschuhen in der Zeitschrift der Stiftung Warentest thematisiert, Nike wurde nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) dadurch erstmals auf die Problematik aufmerksam.
"Aus Umweltsicht ist das Gas Schwefelhexafluorid als problematisch zu beurteilen" , hieß es von der Stiftung Warentest in der August-Ausgabe 1992. "Zwar hat es keine ozonschichtzerstörende Wirkung wie die berühmtberüchtigten FCKW, doch SF6 trägt zum Treibhauseffekt bei. Es ist chemisch so stabil, daß es irgendwann aus den Schuhsohlen entweichen und auch dann noch sehr 'langlebig' sein wird."
Es sollte danach noch 14 Jahre dauern, bis Nike 2006 die Nutzung von SF6 endgültig beendete.
SF6 wurde lange Zeit auch in schallisolierten Fenstern eingesetzt. Eine ganze Weile ging man davon aus, dass alte Fenster die wichtigste Emissionsquelle für SF6 in Deutschland seien. Doch das ist nun überholt.
Heute findet sich kein SF6 mehr in Turnschuhen oder Fenstern, und zumindest in der Europäischen Union wäre das auch nicht mehr erlaubt. Die EU schränkte in der sogenannten F-Gas-Verordnung die Nutzung von SF6 und anderen starken Treibhausgasen stark ein.
SF6 in elektrischen Schaltanlagen
Eine wichtige Rolle spielt SF6 jedoch weiterhin in elektrischen Schaltanlagen . Das Gas dient dort als Isolator und verhindert die Bildung von elektrischen Lichtbögen zwischen Schaltelementen. SF6 in Schaltanlagen zu ersetzen ist nicht trivial, insbesondere bei hohen Spannungen galt es lange als unverzichtbar.
Die Nutzung von SF6 wird teilweise von Windkraftgegnern als Argument gegen Windenergie genutzt. Allerdings sind diese Argumente wenig schlüssig. Zwar ist es korrekt, dass in den Schaltanlagen, die Windkraftanlagen mit dem Stromnetz verbinden, SF6 genutzt wird. Das gilt allerdings für andere Formen der Stromerzeugung genauso.
Die Bedeutung von SF6 in der Stromnetzinfrastruktur ist ein wichtiger Grund, warum SF6 im Gegensatz zu manch anderen gefährlichen Treibhausgasen bislang nicht vollständig verboten wurde. Selbst aus Sicht des Klimaschutzes ist das nachvollziehbar, schließlich ist die Elektrifizierung von fossil betriebenen Prozessen eine wichtige Option, um Emissionen zu reduzieren.
Auch im Stromnetz auf dem Rückzug
Doch auch im Stromnetz ist SF6 inzwischen auf dem Rückzug. Eine seit 2024 gültige Regulierung der EU sieht vor, dass SF6-Schaltanlagen langfristig verschwinden sollen. Zuvor hatten auch Teile der Industrie sich dafür ausgesprochen.
2023 etwa veröffentlichten mehrere Hersteller von elektrischem Equipment einen offenen Brief an das EU-Parlament(öffnet im neuen Fenster) , in dem sie sich für ein Ende von SF6-Schaltanlagen aussprachen. Zu den Unterzeichnern gehörten namhafte Unternehmen wie Siemens, Toshiba und Mitsubishi Electric.
Doch bis SF6-Schaltanlagen ganz verschwinden, wird es noch einige Zeit dauern, und auch danach wird existierendes Equipment zunächst weiter genutzt werden. Es bleibt daher wichtig, Leckagen von SF6 und Emissionen zu minimieren.



