Serienfinale Stranger Things: Rundum überzeugend
Das war es nun – nach neun Jahren ist Schluss, und das nach nur fünf Staffeln. Stranger Things endete groß, dem Phänomen, das es darstellt, angemessen. Wer dachte, dass das Zuschauerinteresse nach mehr als drei Jahren Pause zwischen Staffel 4 und 5 weg sein könnte, irrte: Der Ansturm der Zuschauer zwang Netflix in die Knie. Am Premierentag gab es Probleme, die neuen Folgen zu sehen, beim großen Finale passierte das noch einmal.
Die finale Staffel kam in drei Teilen, jeder mit eigenem Höhepunkt und einer guten Entwicklung. Allerdings brachte das Ende des zweiten Teils auch einen Shitstorm homophober Seite mit sich. Elon Musk und Co. (öffnet im neuen Fenster) witterten eine woke Agenda, als Will sein Coming-out hatte – wobei sie einfach ignorierten, dass dies schon in der ersten Staffel angedeutet wurde und es im Lauf der Jahre immer wieder Hinweise auf Wills sexuelle Orientierung gab. Ganz zu schweigen davon, dass es sich schon in der Serienpräsentation fand, mit der die Duffer-Brüder die Show einst Netflix vorgestellt hatten.
Die ersten beiden Teile der fünften Staffel, in denen auch erklärt wird, was das Upside Down, jene andere Seite der Welt, wirklich ist, haben es in sich. Die Folgen sind länger als üblich, anders als bei der vierten Staffel aber ohne Füllstoff. Was hier erzählt wird, ist wichtig. Und das mehr als zweistündige Finale polarisierte(öffnet im neuen Fenster).
Das ist nichts Neues: Das Ende einer hochpopulären Serie wird meist kritisiert – das war bei Dexter so oder auch bei Game of Thrones. Manche hätten sich zum Beispiel mehr Action gewünscht. Dabei gibt es sie, und zwar eine Menge. Auch der von manchen kritisierte Epilog kann sich befriedigend anfühlen, weil die Serie nicht nur mit einem Action-Highlight endet, und danach ist dann alles gut.
Wie alles anfing
Die letzte Staffel schließt auch den Kreis zum Anfang, der ersten Staffel, die von den Duffer-Brüdern entwickelt wurde. Diese kam 2016 heraus und war der erfolgreichste Neustart im Programm des Streamingdienstes Netflix.
Mit ein Grund war anfänglich sicher das 1980er-Jahre-Setting. Die Geschichte: Zu dieser Zeit verschwindet ein Kind in einer Kleinstadt namens Hawkins, während eine Kreatur ihr Unwesen treibt. Zudem gibt es Experimente mit Menschen, die besondere Gaben haben, so auch mit dem Mädchen Eleven, das schließlich flieht und sich mit einer Gruppe von Jungs anfreundet. Gemeinsam versuchen sie, den verschwundenen Jungen zu finden.
Inspiriert von Spielberg und King
Bereits in der ersten Staffel konnte man sehen, wovon sich die Duffers inspirieren ließen. Die Serie verbeugt sich vor Steven Spielberg und Stephen King. Elemente aus Geschichten wie Die Goonies, Der Nebel, Stand By Me und Feuerteufel sind hier enthalten, werden aber frisch und spannend variiert.
Die erste Staffel bestand aus acht Folgen, die zweite aus neun. Netflix erkannte schnell, welch tolles Format man hier an der Hand hatte – übrigens als einziges Network. Andere hatten das Projekt abgelehnt, da man glaubte, eine solche Serie mit Kindern in den Hauptrollen könne nicht funktionieren. Jede Staffel endete mit einigen offenen Fragen für weitere Staffeln. Es gab aber schon von Anfang an eine klare Idee, was in einer fünften und letzten Staffel passieren sollte.
Pure Nostalgie
Stranger Things gewann mit dem nostalgischen Ambiente viele Sympathien, aber im Grunde ist es nicht wirklich relevant, dass die Show in den Achtzigern spielt. Sie profitiert nur insofern davon, als der Erzählstil der Zeit angepasst wurde. Das heißt: Auch die Inszenierung erinnert an die Filme jenes Jahrzehnts.
Die Figuren sind interessant und ihre Entwicklung überraschte mitunter. Für ältere Zuschauer ist sie eine nostalgische Reise in die eigene Kindheit, für ein jüngeres Publikum eine sehr coole Mystery-Serie, die es schaffte, eine Vielzahl unterschiedlicher Genre-Topoi zu vereinen, ohne darüber zu stolpern.
Vor allem war die Geschichte packend. Dabei hielt die dritte Staffel, auf die die Zuschauer zwei Jahre warten mussten, das Niveau ihrer Vorgänger und stellt zugleich eine deutliche Weiterentwicklung dar. Nicht nur, weil die Kids nun in der Pubertät waren und andere Dinge wichtiger wurden, als Dungeons & Dragons zu spielen, sondern auch, weil die erwachsenen Figuren – hier vor allem die von Winona Ryder und David Harbour – eine Entwicklung durchmachten.
Die Serie wird größer
Auf die vierte Staffel von Stranger Things mussten Zuschauer fast drei Jahre lang warten, noch dazu wurde sie von Netflix stückchenweise gezeigt. Bemerkenswert im Vergleich zu den vorherigen Staffeln ist die Länge der Episoden. Nur eine geht unter 70 Minuten, der Rest dauert sogar deutlich länger und die letzte Episode hat Filmlänge. Man bekommt also mehr Stranger Things denn je zu sehen.
In ihr geschehen in Hawkins wieder Morde unter übernatürlichem Einfluss, die Öffentlichkeit glaubt jedoch eher an Satanisten. Ein Jugendlicher gerät unter Mordverdacht, die jugendlichen Protagonisten wissen es aber besser – ein neues Tor muss sich geöffnet haben, und es liegt an ihnen, die Bedrohung für Hawkins und die Welt abzuwehren.
Elfie ist derweil in Kalifornien, wird in ihrer neuen Umgebung gehänselt und hat keinerlei Kräfte mehr. Aber die braucht sie, da alles darauf hindeutet, dass sie die letzte Chance ist, die Welt vor dem Upside Down zu retten.
Der Anfang dieser Staffel ist wohl bewusst etwas ruhiger gehalten. Vor allem wird den Zuschauern gezeigt, wo die Figuren, die man zuletzt vor drei Jahren sah (in der Serie ist jedoch nur etwa ein Jahr vergangen), gerade stehen. Die Duffer-Brüder lassen sich die Zeit, die Welt von Stranger Things neu zu ordnen.
Das merkt man auch in den kommenden Folgen, bei denen sich mehr als einmal das Gefühl einstellt, dass man die Folgen auch durchaus hätte komprimieren können. Es gibt ganze Plots, die im Grunde überflüssig sind oder anders hätten verteilt werden können. Alles, was mit Eddie Munson zu tun hat, hätte man auch auf eine der Hauptfiguren legen können.
Die Zersplitterung der Geschichte ist auch deshalb so spürbar, weil die Hauptfiguren nun in sehr vielen Grüppchen unterwegs sind, so dass man zeitweise fünf verschiedenen Handlungsbögen folgt, die oft nur einen peripheren Bezug zueinander zu haben scheinen. Dass dem nicht so ist, offenbart sich spätestens in der siebten Folge.
Stranger Things hätte auch mit Staffel 3 enden können
Ein wenig wirkt die vierte Staffel wie ein nachgefasster Gedanke. Denn: Stranger Things hatte mit dem Finale der dritten Staffel einen guten Abschluss, der auch als Serienende funktioniert hätte. Darum wirkt die Staffel über weite Strecken etwas uneins mit der Vorgeschichte, erst am Ende findet sie zu alter Stärke zurück.
Schließlich wird jedoch alles klar: Die Geschichte findet in all ihren Details zueinander, untermalt von Philip Glass' Pruit Igoe und Prophecies. Einmal mehr nutzen die Duffer-Brüder optische und akustische Elemente, die die Zuschauer mit anderen Filmen in Verbindung bringen.
Die Duffer-Brüder hatten von Anfang an einen Plan
Die Länge der Episoden ist nicht immer von Vorteil, einige Szenen werden aber gerade dadurch zu eigenen kleinen Meisterwerken. Der Erzählrhythmus der vierten Staffel ist langsamer, aber die siebte Folge kommt wie ein Donnerschlag. Die Dramatik spitzt sich ebenso wie die Spannung zu, da diesmal alles anders wird. Für Hawkins, für die Kids, für jeden.
Die Duffers hatten von Anfang an einen Plan und eine Geschichte, die vier Staffeln umfassen sollte. Sie erwies sich jedoch als zu groß, weswegen die Serie schließlich auf fünf Staffeln erweitert wurde.
Die fünfte Staffel sollte eigentlich schneller kommen als die vierte, zumal in die vierte die Covid-19-Pandemie gefallen war, inklusive einer halbjährigen Zwangspause. Aber da konnte noch keiner etwas vom Autoren- und Schauspielerstreik des Jahres 2023 ahnen.
Die fünfte Staffel ließ also mehr als drei Jahre auf sich warten – und fand jetzt ihr Ende. Dabei haben es die Duffer-Brüder geschafft, ein Finale zu schaffen, das im Kontext der Serie mehr als überzeugend ist.
Es gibt Verlust, aber auch ein Gefühl der Hoffnung, vor allem aber ist das Ende stimmig und derart gestaltet, dass man kaum erahnen kann, welche Form von Spin-off es geben könnte. Die Duffer-Brüder sprachen schon davon, dass es noch Möglichkeiten innerhalb des Universums gibt – aber die Geschichten der Hauptfiguren sind erzählt(öffnet im neuen Fenster).
Es wird hier keine Spin-offs geben. Sehen wird man sie nur noch in einem Animations-Spin-off, das letztes Jahr angekündigt wurde.
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