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Serien und Filme: Das goldene Streaming-Zeitalter verliert an Glanz

Wer meint, dass alles besser war, als es nur Netflix (oder gar kein Streaming) gab, irrt. Aber ganz so golden, wie es mal war, ist das Streaming-Zeitalter auch nicht mehr.
/ Peter Osteried
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Disney+ ist einer der eher neueren Streaminganbieter in einem Markt, der nach wie vor wächst. (Bild: Getty Images)
Disney+ ist einer der eher neueren Streaminganbieter in einem Markt, der nach wie vor wächst. Bild: Getty Images

Als Netflix vor einigen Jahren an den Start ging, war der Anbieter der einzige Streamingdienst weit und breit. Gefühlt gab es hier alles – weil Netflix Eigenproduktionen hatte, aber auch bei den großen Filmstudios in rauen Mengen lizenzieren konnte. Manche sehnen sich nach diesen Zeiten zurück, denn mit der Zeit kamen immer mehr Anbieter dazu und die großen Studios lizenzierten ihre Filme und Serien nicht mehr, sondern boten sie im eigenen Streamingabo an.

Dass früher alles besser war, stimmt aber schon deswegen nicht, weil es realistisch betrachtet bei Netflix nie alles gab. Schon zur Anfangszeit veränderte sich der Abokatalog ständig, neue Inhalte kamen dazu, andere verschwanden. Der Katalog umfasste nie mehr als 10.000 Filme oder 5.000 Serien.

Verteilt über alle Streamingabos in Deutschland gibt es knapp 110.000 Filme und knapp 20.000 Serien. Dass es auch hier nicht alles gibt, dazu später mehr – aber eine so große Auswahl hatte Netflix selbst in den Anfangstagen nicht.

Alles ist teuer, aber man kann auch schnell wechseln

Heute gibt es Netflix, Prime Video, Paramount+, Disney+, Wow, Apple TV+ und weitere kleinere, lokale Anbieter. Klar: Würde man weiterhin das gefühlte (!) Alles an Streamingangeboten haben wollen, wäre das teuer. Allerdings muss man nicht jeden Dienst nutzen und hat die Möglichkeit, schnell zu wechseln. Man kann in der Regel monatlich ein- und aussteigen, je nachdem, ob gerade etwas geboten ist, das man sehen will.

Wer heute auf die Streaminganbieter schimpft und dabei noch in die Zeit vor Netflix bis in die Zeit des linearen Fernsehens zurückgeht, vergisst zweierlei: Das lineare Fernsehen war schon damals wegen der zahlreichen Werbespots vielfach unguckbar und man bekam nur das zu sehen, was vorab von den Programmmachern ausgewählt wurde. In den 70er und 80er Jahren wurden Serien häufig gar nicht komplett ausgestrahlt.

Früher mussten Filmfans vor allem eins: warten

Also kaufte oder lieh man sich Heimkinomedien. Bis sie nach dem Kinostart verfügbar waren, verging aber viel Zeit. Und: Ein paar Filme zu kaufen, kostete mehr als heute die monatlichen Abogebühren der großen Streamingdienste zusammen. Dann war oft auch noch die Qualität mau. Falsches Filmformat, mieses Bild. Erst die DVD sorgte dafür, dass man im großen Stil das eigene Programm gestalten konnte, wenn man das nötige Kleingeld hatte.

Als Streaming kam, war das – und das ist keine Übertreibung – eine Befreiung. Erstmals konnte man sich das Programm so zusammenstellen, wie man es wollte.

Das führt uns zurück zum gefühlten Alles. Denn mit den Streamern kam auch die Erwartung, dass man nun wirklich jeden Film und jede Serie sehen kann, den man sich wünscht. Diese Erwartung wird aber auch mit den vielen neuen Anbietern nicht erfüllt.

Alte Filme und Serien finden bei den Streamern kaum statt

Alte Filme und Serien finden bei den Streamern zum Beispiel kaum statt – bis auf einige der absoluten Klassiker der 1970er bis 1990er, Filme, von denen praktisch jeder schonmal gehört hat. Einige namhafte Serien fehlen allerdings auch da: MacGyver, Familienbande, Sabrina – Total verhext, Ein Colt für alle Fälle. Filme aus den 1920ern bis 1960ern sind fast gar nicht zu finden.

Auch wenn man beispielsweise das Gesamtwerk von Harrison Ford(öffnet im neuen Fenster) sehen möchte, gibt es eklatante Lücken. Nicht viele, aber es gibt sie.

Weit wichtiger: Vieles ist nicht frei verfügbar, also nicht im Abo enthalten. So kann man etwa die wirklich schräge Westernkomödie Ein Rabbi im Wilden Westen(öffnet im neuen Fenster) nur kaufen oder leihen.

Wer alles will, kommt nicht ohne physische Medien aus

Das ist ein Argument für physische Medien. Denn einmal gekauft, kann man sie so oft ansehen, wie man möchte – und wird nie wieder Zusatzkosten haben. Dafür hat man vielleicht bald ein Platzproblem in der Wohnung.

Ein anderer Punkt ist, dass Filme manchmal verändert werden. Das ist nicht oft der Fall, kommt aber vor, wie jüngst bei dem mit fünf Oscars ausgezeichneten Film French Connection(öffnet im neuen Fenster) .

Disney entfernte hier eine Szene, in der die von Gene Hackman gespielte Hauptfigur eine rassistische Beleidigung ausspricht. Der Grund für die Änderung erschließt sich nicht, weil diese Szene genau so gestaltet wurde – eben um zu zeigen, dass der Polizist ein Rassist ist.

Nun fehlt sie aber und die Filmfassung ohne die Szene wird wohl fortan die einzig offizielle Fassung bleiben – egal, wie Disney den Film noch vermarkten sollte. Nur wer eine alte DVD oder Blu-ray hat, wird die Szene noch kennen, denn dort bleibt der Film, wie er ist.

Es gibt noch andere solche Fälle – etwa den nackten Po von Daryl Hannah in Splash, der überdeckt wurde. Nachträglich verändert wurde auch bei Star Wars und E.T., bei den Streamingdiensten gibt es nur die neuen Fassungen. Es ist ärgerlich, wenn man durch dieses Gebaren als Nutzer des Streamingdiensts dessen willfährigem Handeln ausgesetzt ist.

Steuern sparen, Programme entfernen

Noch ärgerlicher ist allerdings, wenn Filme und Serien einfach aus dem Angebot verschwinden. Disney+ machte den Anfang, Dutzende Produktionen werden hier rausgenommen, darunter auch relativ junge Serien wie Willow.

Das ist typisches Konzerndenken, denn das Entfernen ganzer Serien und Filmen aus dem Angebot erlaubt hohe Steuerabschreibungen. Ob und wo diese Programme wieder auftauchen, ist kaum abzuschätzen. Vielleicht lizenziert sie Disney weiter, vielleicht auch nicht, legal sind sie derzeit jedoch nicht zu sehen.

Jüngst zog auch Paramount+ nach und gab bekannt, dass mehrere Serien nicht nur eingestellt sind, sondern auch aus dem Angebot des Streamingdienstes entfernt werden, unter anderem die Musical-Serie Grease: Rise of the Pink Ladies. Serien-Schöpferin Annabel Oakes(öffnet im neuen Fenster) bedauerte sehr, dass die Arbeit aller an der Serie Beteiligten praktisch im Limbo landete.

Es traf aber auch prestigeträchtigere Formate wie Star Trek: Prodigy. Die Animationsserie, die auf Kids abzielt, aber auch erwachsene Trekkies bestens unterhält, wurde eingestellt. Die noch bestellte zweite Staffel, die gerade in Produktion ist, wird noch abgeschlossen, aber wo sie laufen wird, ist unklar – bei Paramount+ jedenfalls nicht.

Damit brechen die Streamer ein Versprechen, das ganz am Anfang stand: dass der Dienst ein Archiv werde mit allem, was je von dieser Firma produziert wurde. Im Grunde sind aber nur noch die absoluten Kronjuwelen sicher.

Somit hat das goldene Streaming-Zeitalter etwas von seinem Glanz verloren. Als Archiv taugt es nicht mehr, als relativ günstige Möglichkeit, eine Vielzahl von neuen Serien und Filmen sehen zu können, aber schon.

Wer sichergehen will, einen bestimmten Film oder eine bestimmte Serie immer gucken zu können, muss weiterhin auch auf physische Medien zurückgreifen. Die Krux: Viele Eigenproduktionen wurden nie auf diese Art ausgewertet, es gibt also keine Discs zu kaufen, ein Umdenken findet gerade jetzt erst statt.

Was beim Streamingdienst weg ist, ist erstmal komplett und überall weg. Das ist das nicht so schöne Gesicht der schönen neuen Welt des Streamings.


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