Seekabel: Riskanter Kabelsalat

Fast der gesamte Datenverkehr des Internets fließt durch Glasfaserkabel auf dem Meeresboden. Google, Meta, Amazon und Microsoft verlegen viele Seekabel - ein Problem für die Sicherheit des Internets.

Eine Analyse von Gerd Mischler veröffentlicht am
Arbeiter von Orange Marine am 1. März 2016 im südfranzösischen La Seyne-sur-Mer bei der Installation des Seekabels SEA-ME-WE 5, das Singapur mit Frankreich verbindet
Arbeiter von Orange Marine am 1. März 2016 im südfranzösischen La Seyne-sur-Mer bei der Installation des Seekabels SEA-ME-WE 5, das Singapur mit Frankreich verbindet (Bild: Boris Horvat/AFP via Getty Images)

Wenn während der Lektüre dieses Artikels das Bild einfriert oder der Browser versucht, die Seite neu zu laden, liegt das unter Umständen nicht am Router. Schuld an der schlechten Verbindung könnte auch der russische Präsident Wladimir Putin sein. "Russland nimmt weiterhin kritische Infrastruktur einschließlich auf dem Meeresboden verlegter Internetkabel ins Visier", heißt es im aktuellen Sicherheitsbericht des Koordinators der US-Geheimdienste (PDF).

Die Leitungen bauen immer öfter Konzerne wie Google und Meta. Sie achten dabei allerdings kaum darauf, die Kabel vor Angriffen, etwa durch sogenannte Schurkenstaaten oder Terroristen zu schützen.

Im Juni 2014 wurde bereits bekannt, dass der britische Geheimdienst GCHQ sich über Tempora Zugang zu Daten aus dem Seekabel TAT-14 verschafft hat, das die Telekom mitbetreibt. Über das Seekabel, das Nordamerika mit Europa verbindet, läuft ein großer Teil der deutschen Überseekommunikation.

Dabei hat die Nato die Risiken für die Lebensadern des Internets schon im Blick, seit das russische Aufklärungsschiff im Januar 2015 Seekabel vor der Küste der Vereinigten Staaten ortete. Mit von ihm ermittelten Geodaten könnten mit Spezialrobotern ausgestattete U-Boote die Leitungen auffinden und sie durchtrennen.

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Der heutige britische Finanzminister Rishi Sunak erarbeitete nach dem Vorfall einen Bericht für den Londoner Think Tank Policy Exchange (PDF). In seinem Vorwort stellt der britische Admiral James Stavridis fest, westliche Staaten hätten es zugelassen, dass "lebenswichtige Infrastruktur immer leichter verletzt werden kann". Seine Warnung kommt nicht von ungefähr. Die Mitgliedsstaaten der Nato haben bis heute kaum Fregatten, die U-Boote aufspüren und verfolgen können. Auch eigene U-Boote, die Seekabel reparieren könnten, hat das Bündnis nicht.

Sabotage von Internetkabeln ist aus Nato-Sicht "militärische Aggression"

Ende 2020 forderte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg die Mitgliedsstaaten des Bündnisses daher auf, Einsätze ihrer Marine zum Schutz der Internetkabel vorzubereiten. Die USA, Großbritannien und Frankreich investierten daraufhin in neue Ausrüstung für ihre Überwachungsschiffe, Unterwasserdrohnen und am Meeresboden installierte Sonarsysteme.

Die Nato selbst richtete eine neue Kommandostelle für den Atlantik in Norfolk im US-Bundesstaat Virginia ein. Sie soll unter anderem die zwischen Europa und Nordamerika verlegten Seekabel überwachen. Zudem setzte Mike Pompeo, US-Außenminister in der Regierung Donald Trumps, Unterwasserleitungen auf die Liste gefährdeter Technologien.

Als schließlich am 7. Januar 2022, kurz vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine, eine der beiden Glasfaserleitungen zwischen Norwegen und dem Svalbard-Archipel beschädigt wurde, befürchteten Militärs und Sicherheitsberater, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr geworden seien .

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Bislang ließ sich zwar nicht beweisen, dass russische U-Boote den Ausfall herbeiführten. Dennoch erklärte der Chef der britischen Verteidigungskräfte, Admiral Sir Tony Radakin, dem Kreml in einem Interview mit der Tageszeitung Times, dass die Nato jeden Versuch, Seekabel zu beschädigen, als eine gegen das Verteidigungsbündnis gerichtete "militärische Aggression" betrachte.

Immerhin hatten die britische und die irische Marine russische U-Boote in den Wochen vor dem Zwischenfall immer wieder auch in der Nähe der Unterwasserkabel geortet, die von den britischen Inseln und Irland aus durch den Nordatlantik in die USA führen.

98 Prozent des weltweiten Internet-Traffics fließen durch Seekabel

Angriffspunkte für Sabotageakte ergeben sich nicht nur im Atlantik. Immerhin verlaufen auch durch den Pazifik, den Indischen Ozean und das Mittelmeer Seekabel. Durch sie fließen laut Google Cloud 98 Prozent des weltweiten Internet-Traffics. Jeden Tag werden Finanztransaktionen im Wert von zehn Billionen US-Dollar über die Leitungen abgewickelt. Auch diplomatische, militärische sowie Regierungskommunikation wird über die Leitungen übertragen, da so gut wie kein westlicher Staat über eigene Leitungen verfügt.

Als Ergebnis des rasanten Wachstums von Streaming- und Software-as-a-Service-Diensten sowie des Cloud-Computings fließen auch immer mehr private und Unternehmensdaten durch Seekabel. Das Marktforschungsunternehmen Telegeography geht davon aus, dass der Datenverkehr zwischen Rechenzentren jedes Jahr stärker zunimmt als der Datenverbrauch pro Kopf. Dieser steigt Meta zufolge um 20 bis 30 Prozent jährlich .

Um diesen Traffic zu bewältigen, werden zusätzlich zu den derzeit betriebenen 475 Seekabeln (PDF) bis 2025 mindestens 45 weitere Leitungen verlegt.

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Hyperscaler übernehmen Weltmarkt für Bau von Seekabeln 
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derdiedas 03. Mai 2022 / Themenstart

Russland ist ein Schurkenstaat - das war auch schon vor der Ukraine klar. Aber jetzt...

Kilpikonna 29. Apr 2022 / Themenstart

Lass das aber nicht deinen Provider hören - wenn der dir die schöne Glasfaserleitung...

Haukeeee 28. Apr 2022 / Themenstart

Billiganbieter bzw. Kunden die Sparen wollen legen die Kabel auf dem Boden ab...

nightmar17 27. Apr 2022 / Themenstart

Seit wann gehören internationale Gewässer der NATO?

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