Scoober: Lieferando überwacht seine Fahrer sekundengenau

Der Essenslieferdienst Lieferando überwacht seine Fahrer sekundengenau mit der App Scoober. Das berichtet der BR (Bayrische Rundfunk)(öffnet im neuen Fenster) unter Berufung auf personalisierte Fahrerdaten, die Lieferando durch das neue Auskunftsrechts der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) herausgeben musste. Erfasst wird, wann ein Rider Bestellungen erhält, abholt und ausliefert.
In Abständen von 15 bis 20 Sekunden wird der genaue Standort der Fahrer weitergegeben. Die Daten reichen teilweise bis ins Jahr 2018 zurück. Der Vorsitzende des Lieferando-Deutschland-Gesamtbetriebsrates Semih Yalcin sagte dem BR: "Aus unserer Sicht liegt hier totale Überwachung vor. Wir halten es für völlig unverhältnismäßig." Die angestellten Rider würden nicht genügend über die Funktionsweisen der App aufgeklärt.
"Die Fahrerinnen und Fahrer, die bei jedem Wetter unterwegs sind, arbeiten zu Niedriglöhnen und teils am Rand der Belastungsgrenze" , sagte Jens Löbel, Geschäftsführer der NGG-Region Thüringen im März 2021(öffnet im neuen Fenster) . Die Gewerkschaft kritisiert insbesondere den "Anreiz zur Akkordarbeit" . Um über den Einstiegsverdienst von nur zehn Euro pro Stunde hinauszukommen, müssten die Beschäftigten möglichst viele Bestellungen in möglichst kurzer Zeit ausliefern. Ab der 25. Bestellung zahle Lieferando einen Zuschlag von 25 Cent pro Order, ab dem 100. Auftrag gebe es einen Euro mehr. "Dieses System führt zu großem Stress bei den Fahrern, denen jede rote Ampel wertvolle Zeit kostet. Um schnell voranzukommen, setzen sie häufig ihre Gesundheit aufs Spiel" , erklärte Löbel.
30 Prozent von der Essensrechnung gehen an Lieferando
Außerdem werde der Arbeitsschutz nach Beobachtung der NGG nicht ernst genug genommen. Die von Lieferando gestellten E-Bikes seien häufig nicht richtig gewartet und nur bedingt verkehrssicher. "Und wer mit dem eigenen Fahrrad unterwegs ist, muss für die Reparaturen meist selbst aufkommen" , kritisierte Löbel. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz des niederländischen Mutterkonzerns Just Eat Takeaway nach Unternehmensangaben um 54 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro.
Lieferando hat im März 2021 die Liefergebühren in zahlreichen deutschen Städten nahezu verdoppelt . Kunden müssen 2,90 Euro pro Bestellung zahlen und nicht mehr wie bisher 1,50 Euro, wenn ihr Essen von Lieferando-Fahrern geliefert wird. Zu den Lieferkosten für Besteller kommen noch Gebühren für Restaurants hinzu, die bei Auslieferung durch eigene Fahrer bei 13 Prozent liegen, bei Auslieferung durch Lieferando-Fahrer bei 30 Prozent.
Bei den Bestellungen verzeichnet Lieferando weiterhin gute Zahlen. Nachdem die Zahl der Bestellungen im ersten Halbjahr 2020 auf 49 Millionen gestiegen war, betrug sie 2021 bereits im ersten Quartal 39 Millionen.
Unternehmenssprecher Oliver Klug sagte Golem.de: "Die Fahrer-App entspricht den geltenden Datenschutzbestimmungen und die ermittelten Daten – wie Zeiten und Orte – sind unerlässlich, damit der Lieferservice ordnungsgemäß funktioniert. Zum Beispiel, um Fahrern Bestellungen zuzuweisen, und für die Food-Tracker-Funktion, mit der Restaurants und Konsumenten den Status ihrer Bestellung prüfen können." Die Daten würden nicht für unerlaubte Leistungs- oder Verhaltenskontrolle genutzt und Lieferando informiere seine Fahrer, wie und zu welchem Zweck die Daten genutzt werden.