Grenzenlose Expansion als Zukunftsziel
Die USA werden zu einem Flickenteppich aus Gated Communitys, religiösen Enklaven und privatisierten Stadtstaaten. Eine Zukunft, in der nicht der Mensch das Maß der Dinge ist, sondern die grenzenlose Expansion und Verwertung von Ressourcen durch Technologie und Kapital. Nur gibt es in Snow Crash noch den klassischen Antihelden Hiro, ein Hacker und Schwertkämpfer, der dieses System bekämpft.
Interessant ist, dass Stephenson seine durch diesen Helden erkennbare kritische Grundhaltung später aufgibt. Warum wohl? Ende der Neunziger trifft er Amazon-Gründer Jeff Bezos auf einer Dinner Party. Die beiden langweilen die anderen Gäste mit Gesprächen über Raketen und werden später gute Freude.
Stephenson soll einer der ersten gewesen sein, dem Bezos seinen Traum vom Raumfahrtunternehmen anvertraute – und Stephenson wird bald darauf erster und einziger offizieller Mitarbeiter von Blue Operations, dem Vorläufer von Blue Origin, damals eher Think Tank. Heute ist die Firma Raketenproduzent und Raumschiffentwickler.
Stephenson schreibt hauptberuflich weiter dystopische Romane und arbeitet doch an der Verwirklichung dieser Welt, während sich Jeff Bezos über Blue Origin als Retter der Menschheit inszeniert. Eine Figur, die in Stephensons Roman Snow Crash noch Teil des Problems gewesen wäre, wird in seinem 2021 erschienenen Buch Termination Shock nun zum Teil der Lösung erklärt.
Blanker Fortschrittsglaube Hand in Hand mit Kapital
Als Leserin reibt man sich die Augen: Das Ausgangsszenario bleibt vergleichbar: technologischer Fortschritt begleitet von sozialer Ungleichheit. Doch in Termination Shock gibt es wieder echte Helden. So wie der Milliardär T.R. Schmidt, der plant, mit seiner Firma die globale Erwärmung aufzuhalten, indem er per Raketen Schwefeldioxidpartikel in die Stratosphäre schießen lässt. Was einerseits wie ein Abziehbild unserer Realität und schwer nach seinem neuen Kumpel Bezos klingt, liest sich andererseits aber auch als Reflexion auf die Frage, ob derlei Technologien die Erde retten können oder unvorhergesehene, möglicherweise gefährliche Folgen mit sich bringen könnten.
Wenn es dann tatsächlich um die Verwirklichung seiner Fantasien geht, scheint Stephenson bereit zu sein, seine Skepsis gegenüber der Macht von großen Technologieunternehmen aufzugeben. Zurück bleibt der blanke Fortschrittsglaube, der nun Hand in Hand geht mit dem Kapital. Ein Denken, dass sehr gut zu seinem Freund Jeff Bezos passt, der sich natürlich als Unternehmer und nicht als Warner sieht: als realistischen Visionär im Dienst der Menschheit.
Ziel ist nicht die Rettung der Erde, sondern das Geschäft
Die Vorstellung, mit irdischen Ressourcen besser und nachhaltiger umzugehen, hält Bezos für Quatsch "Wir werden die Erde nicht retten, indem wir aufhören, Energie zu nutzen", sagte er 2019 bei einem Blue Origin Talk und wollte uns davon überzeugen, dass die Zukunft der Menschheit nicht im Verzicht, sondern in grenzenloser Expansion bestehe.
Mehr noch, Bezos kritisierte ziemlich scharf alle Ansätze, die Einsparungen oder Restriktionen zugunsten der Umwelt oder des Klimaschutzes fordern. Für ihn sind die Folgen der Klimaschutzmaßnahmen gleichbedeutend mit wirtschaftlicher und technologischer Stagnation.
Wer diesen Weg mitgeht, investiert nicht in die Rettung der Erde, sondern in ein Geschäftsmodell: Je häufiger wir klimatische und ökologische Kipppunkte überschreiten, desto öfter werden uns diese Unternehmer ihre dystopischen Zukunftsversprechen und utopischen Lösungen präsentieren.
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