Marktlibertäre Zukunftsvisionen
Während Science-Fiction lange Zeit oft mit progressiven Utopien assoziiert wurde – mit Zukunftsentwürfen, in denen Gleichheit, Kooperation oder der ökologische Umbau der Erde im Mittelpunkt standen, setzen sich in der Gegenwart immer stärker marktlibertäre Zukunftsvisionen durch. Denn die Erde wird nicht mehr als Ort gedacht, den es zu erhalten gilt, sondern als ein durch menschliches Fehlverhalten bereits verlorener Planet. Die Zukunft, die Elon Musk, Peter Thiel oder Jeff Bezos imaginieren, ist nicht eine postkapitalistische Gesellschaft – sondern eine Zukunft, in der jene, die es sich leisten können, sich dem Kollaps entziehen.
Die Tech-Milliardäre inszenieren sich dabei selbst gerne als Erben einer langen Linie von Visionären – als rational planende Pioniere, die das nächste Kapitel Menschheitsgeschichte aufschlagen. Dieses Narrativ knüpft nicht nur unmittelbar an Science-Fiction-Ideen an, sondern auch an die frühen Verflechtungen zwischen realer Raumfahrt und populärer Kultur.
Ein Nazi, inspiriert von Fiktion
Denn bereits die ersten Schritte in Richtung All waren von fiktionalen Bildern inspiriert. Einer der ersten, der das professionell nutzte, war Wernher von Braun(öffnet im neuen Fenster). Die erste echte Rakete, die der Berliner Maschinenbaustudent und spätere SS-Sturmbannführer und Chef des Raketenprogramms der Nationalsozialisten baute, war eine Requisite, und zwar für Fritz Langs Verfilmung von Thea von Harbous Buch Frau im Mond. Das ist der erste Film, in dem ein Mensch überhaupt einen Fuß auf den Mond setzt, und nach Metropolis der zweite bedeutende Weltraum-Entdeckerfilm der 20er Jahre.
Hier seine Finger im Spiel gehabt zu haben, machte es Wernher von Braun später leicht zu behaupten, ihm sei es letztlich immer nur um Raumfahrt gegangen. Er sei unpolitisch, ein Ingenieur gewesen, beauftragt, einen Krieg zu gewinnen. Seine Behauptung, von den Tausenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die nach seinen Bauplänen im Akkord die V2-Rakete für das Deutsche Reich zusammenbauen mussten, nichts gewusst zu haben, konnte später widerlegt werden.
Pauschal in den USA amnestiert, stieg Wernher von Braun auf zur Lichtgestalt der amerikanischen Raumfahrt. Als Leiter der Nasa-Raketenprogramme hatte er maßgebenden Anteil an der ersten echten Mondlandung.
"Helfen Sie uns Technikern der Raumfahrt", so schrieb Wernher von Braun Anfang der 1950er Jahre in einem Brief an den frisch gegründeten Science Fiction Club Deutschland, "die populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen über die Zukunft, Weltraumfahrt von offensichtlichem Unsinn zu reinigen. Wenn Ihnen dieses gelingt, können Sie einen wertvollen Beitrag für die Verwirklichung des Fluges zu anderen Himmelskörpern leisten. Mit bestem Gruß, Ihr Wernher von Braun." Ein Aufruf zur ideologischen Zusammenarbeit mit klar verteilten Rollen: Die Autoren und Fans als Vorarbeiter der Zukunft, die Ingenieure als ihre Vollstrecker.
Ethik spielt keine Rolle
Bezos und andere Raumfahrtadvokaten der Gegenwart verehren Wernher von Braun. Inklusive der Tatsache, dass dessen technischer Tunnelblick ihn unempfindlich gemacht hat für ethische Maßstäbe und die Folgen der Technologie. "Er wäre ziemlich enttäuscht, dass wir noch nicht weiter im All sind", behauptete Jeff Bezos bei einem Nasa-Event vor einigen Jahren als getreuer Wernher-von-Braun-Fanboy. Bezos und Musk sind ausschließlich auf die technische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit ihrer Projekte fokussiert.
So absurd es scheinbar klingt, aber mit diesem Mindset beginnen die superreichen Tech-Milliardäre unsere Vorstellungen von Zukunft zu prägen. Es sind ihre Entwürfe, und – wichtiger noch – ihre Umsetzungs- und Verwirklichungsstrategien, die bereits in unserer Gegenwart aus Visionen Pläne werden lassen und so zentrale und existenzielle Fragen dominieren, die jahrzehntelang ausschließlich (und glücklicherweise) im Zentrum eines literarischen Genres standen.
Jeff Bezos setzte sich einen Cowboyhut auf, als er 2021 nach dem ersten suborbitalen Flug aus seinem eigenen kleinen Raumschiff stieg, vor die Kameras trat und sagte: "Das ist der Weg. Wir bauen eine Straße ins All, damit künftige Generationen dort ihre Zukunft bauen können."
- Science Fiction trifft Realität: Der Held als Autokrat
- Fortschrittsglaube und technologischer Größenwahn
- Eine Zukunft ohne Mangel dank Technologie – für manche
- Marktlibertäre Zukunftsvisionen
- Unendliche Freiheit im Weltraum
- Eine Gesellschaft ohne politische Regulierung auf dem Mars
- Grenzenlose Expansion als Zukunftsziel
- Techmilliardäre stehen hinter Donald Trump
- Anzeige Hier geht es zu Die Geschichte der Raumfahrt bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



