Eine Zukunft ohne Mangel dank Technologie – für manche
Zu Bezos Sci-Fi-Favoriten zählt die Culture-Reihe des schottischen Autors Iain M. Banks(öffnet im neuen Fenster). Mehrere Science-Fiction-Romane, die zwischen 1987 und 2012 entstanden sind und immer dieselbe Vision liefern: eine utopische sogenannte Post-Scarcity-Gesellschaft.
Eine Zivilisation also, in der jeglicher Mangel überwunden ist und alle materiellen Bedürfnisse befriedigt sind. Dank der richtigen Technologie und einer KI, die alles verwaltet: Produktion, Verteilung von Gütern und Dienstleistungen. Künstliche Intelligenzen managen alle wirtschaftlichen Prozesse, aber auch das gesellschaftliche Zusammenleben, kümmern sich um Gerechtigkeit und das Wohl der Gemeinschaft.
Probleme hat diese gelebte Utopie nur mit der Realität von weniger entwickelten, ergo problematischen Zivilisationen. Was macht man mit denen? Bei Iain M. Banks und auch bei der Star-Trek-Saga führt sie in ein Dilemma. Darf eine utopische Gesellschaft in andere Gesellschaften eingreifen – im Namen von Fortschritt, Freiheit oder Menschlichkeit? Oder macht sie sich dadurch zum technokratischen Imperium, das unter dem Vorwand moralischer Überlegenheit koloniale Praktiken wiederholt?
Die Aversion der Techmilliardäre gegen den Rechtsstaat
Bei Star Trek verbietet die sogenannte Oberste Direktive jegliche Einmischung – eine Anweisung, die aber ständig gebrochen wird, weil moralische Verantwortung eben nicht immer mit Nichteinmischung vereinbar sei. Bei Iain M. Banks übernimmt die Spezialeinheit Special Circumstances verdeckte Operationen, um Entwicklungen in anderen Gesellschaften zu steuern oder "Unheil abzuwenden".
In solchen Fiktionen zeigt sich die Aversion der Tech-Milliardäre gegenüber dem, was wir steuerfinanzierte demokratische Rechtsstaaten nennen. Staaten, so die Botschaft, können die existenziellen Probleme ihrer Bürger nicht lösen.
Der Weltraum ist analog zur vorherrschenden Meinung der Weltraumunternehmer wieder das, was einst fremde Kontinente für europäische Eroberer und amerikanische Siedler waren: leeres Terrain. Das Weltall ist in diesen Vorstellungen ein Ort jenseits irdischer Gesetzgebung, frei von Regulierung, offen für private Aneignung. Es geht um materielle, aber eben auch um zutiefst politische Fragen nach Zugriffsrechten, Eigentum und Kontrolle über Ressourcen.
Als Jeff Bezos 2021 den Schauspieler William Shatner, alias Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise, mit einer Raumkapsel in einer Blue Origin-Rakete mit dem sprechenden Namen New Shepard – neuer Hirte – ins All schickte, verschmolzen unternehmerische Zukunftsverheißung und Sci-Fi-Nostalgie zum perfekten Spektakel. Auch wenn die Kapsel nur kurz die Erdatmosphäre verließ, war William Shatner mit 90 Jahren der älteste Mensch im All.
Tech-Fantasien, aufgeladen mit Pathos
Die Inszenierung solcher Spektakel folgt einem vertrauten Muster: ein adoleszentes Branding, das Tech-Fantasien mit Pathos auflädt. Eine Inszenierung, die von den Bildern und Erzählungen lebt, die Science-Fiction seit Jahrzehnten liefert. Ein Genre, das uns eigentlich den Weltraum näherbringt, Bilder von Zukünften erschafft, die vertraut und gleichzeitig faszinierend fremd sind, nach Abenteuer riechen und die Vorstellung nähren, dass die Erkundung des Alls eine natürliche Fortsetzung der Menschheitsgeschichte ist.
Und viele der Visionen, die die Tech-Milliardäre antreiben, stammen aus einer bestimmten Art von Science-Fiction: libertären oder techno-oligarchischen Zukunftsentwürfen, die lange Zeit in der Popkultur nicht die Strahlkraft hatten, die sie heute besitzen. Heute lassen sich das Ende der Welt und die Flucht ins Weltall offenbar leichter vorstellen als das Ende des Kapitalismus.
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