Literatur als interstellares Medium
Bei der Durchsicht des von einem Team um Carl Sagan kompilierten Datenmaterials lässt sich auf den ersten Blick feststellen: Die außerirdische Intelligenz, die diese Bildplatten einst auslesen wird, mag dabei zwar Supermärkte, Highways, Orchester, Museen, Flugzeuge, Walgesänge und Kurt Waldheim kennenlernen - aber (mit Ausnahme einer Illustration aus Newtons System of the World) keine Bücher.
Das Buch ist nicht weltraumtauglich. Eine Gutenberg-Galaxis im eigentlichen Wortsinn hat es nie gegeben, und als Marshall McLuhan 1962 diesen Ausdruck erfunden hat, tat er es in der Überzeugung, dass die gutenbergschen Sonden dort den Geist aufgeben müssen, wo die Satelliten ihren Dienst verrichten. Bücher gehören auf die Erde. Viel zu langsam, intransparent, schwerfällig, anfällig sind sie, um den interstellaren Raum zu durchqueren.
Vor diesem Hintergrund liest sich Nolans Inszenierung des papiernen Weltraumportals wie eine Provokation. Ganz gleich, was uns die Mediengeschichte erzählen mag: Das All, unsere Sehnsucht nach Selbstüberwindung und die Bücher - sie gehören zusammen. Lässt sich diese Annahme rechtfertigen? Die Voraussetzung dafür wäre, dass in den Büchern selbst so etwas wie ein außerirdisches Bewusstsein steckt, das uns konditioniert, umformt, an diesen ungleich größeren Handlungs- und Lebensraum anpasst. Eine Literatur, die sich das Weltall nicht nur - im Sinne eines Motivs oder einer Kulisse - vorzustellen vermag, sondern die sich selbst in der Tat als ein interstellares Medium entwirft.
Der außerirdische Literaturbetrieb
In der Tat gibt es eine reiche Tradition an Texten, die im Weltraum nicht bloß spielen, sondern im Weltraum agieren, also etwa ein außerirdisches Publikum (mit)adressieren und seinen Blickpunkt einnehmen oder sich auch bereits in ihrer Entstehung auf fremden Planeten verorten. Ausgehend von Keplers 1609 niedergeschriebenem Traum - dem Traum von einem Buch, in dem ein Dämon vom Mond zu Wort kommt -, lässt sich recht präzise das sukzessive Entstehen eines außerirdischen Literaturbetriebs beobachten.
In seiner ganzen Komplexität zeigt sich dieser Literaturbetrieb erstmals in Cyrano de Bergeracs posthum veröffentlichter Histoire comicque (1657), in der die Außerirdischen sowohl mit dem geisteswissenschaftlichen Buchmarkt der Erde bestens vertraut sind, Agrippa, Tritemius und Campanella lesen, als auch bereits konkrete Schreibaufträge für künftige häretische Schriften erteilen.
Die Geschichte dieser außerirdischen Leserschaft, deren Motive vielschichtig, bisweilen auch dubios sind und die ihre Gestalt immer wieder ändert, kann an anderer Stelle nachgelesen werden und reicht bis zu Georg Kleins Die Zukunft des Mars (2013), also bis in unsere Gegenwart. Man kann aus ihr das Entstehen neuer, galaktischer Erzählperspektiven, das Aufkommen der menschlichen Spezies als literarischem Subjekt, überhaupt: des nachmenschlichen Denkens erklären. (Wie es uns Nietzsche in Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn als ein im Kern extraterrestrisches Denken nahebringt.)
Das ist schon viel. Indessen werden wir aus dieser Geschichte nur bedingt lernen können, worin die mediale Macht der Bücher im All besteht und warum diese Macht in der Lage sein soll, uns in galaktische Wesen zu verwandeln.
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| Im Widerspruch zur Mediengeschichte | Vom Hitchhiker's Guide zur Encyclopaedia Galactica |










aha, muss wohl mal schnell zu OSX & Windows Konvertieren, Stereotypen sind dazu da...
Der sympathische Sheldon ist aber Physiker und kein Philosoph. Ich halte es für...
http://xkcd.com/1536/ Trifft es ganz gut ;)
Ja, der Einzige bin da.