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Science-Fiction-Literatur: Wo die Utopien wachsen

Die Zukunftsvisionen der Ost- und West- Science-Fiction waren vielseitiger als eine Geschichte von zwei Systemen.
/ Tim Reinboth
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Unser Autor ist der Frage nachgegangen, wie viel die Welt, die sich Science-Fiction-Autoren vorstellen, mit ihrer eigenen Umgebung zu tun hat. (Bild: RoonPalette / Pixabay)
Unser Autor ist der Frage nachgegangen, wie viel die Welt, die sich Science-Fiction-Autoren vorstellen, mit ihrer eigenen Umgebung zu tun hat. Bild: RoonPalette / Pixabay
Inhalt
  1. Science-Fiction-Literatur: Wo die Utopien wachsen
  2. Im Osten viel Neues
  3. Acht Tipps für dystopische und utopische Bücher aus Ost und West

Bis vor Kurzem war ich sehr stolz auf diese Idee: Ist es nicht seltsam, dachte ich, dass Science-Fiction-Klassiker aus dem kapitalistischen Westen meistens Dystopien sind, während sozialistische Autoren eher Utopien erträumten? Was, wenn uns das einen tieferen Einblick in die Welten auf beiden Seiten der Mauer erlaubt? Was, wenn es um mehr geht als Zensur und Ideologie?

Vier Experten haben mich aufgeklärt – außerdem gibt es später im Text acht Ost-West-Utopie-Dystopie-Buchtipps.

Komplexe Ursprünge

"Das mag rein statistisch vielleicht stimmen" , sagt Karlheinz Steinmüller über die Idee, dass die westlich-kapitalistische Science Fiction eher dystopisch und die östlich-sozialistische eher utopisch war. Seine Frau Angela und er sind bekannte Science-Fiction-Autoren.

Aber, sagt Steinmüller, das Problem an der Idee "beginnt bereits mit der Grundgesamtheit" . Schon Jules Verne müsse man zum Beispiel eher westlich-kapitalistisch einordnen. Und bei ihm finde man genügend Utopisches – ähnlich wie bei H.G. Wells. Deren Werke stellten sich auch andere Gesellschaften vor und nicht nur Rettung durch Fortschritt und Technik – so wie es dem Westen oft nachgesagt wird.

Dieser Fokus sei erst im späteren 20. Jahrhundert entstanden, sagt auch Professor Greg Claeys, ein Experte der Ideengeschichte der Dystopie.

Science-Fiction in zwei Systemen

Wie wäre es daher, erst nach dem Zweiten Weltkrieg anzusetzen, obwohl es schon davor kapitalistische wie sozialistische Utopien gab? Die wissenschaftliche Fantastik entstand zum Beispiel 1949 quasi mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Hier habe die Richtlinie gegolten, sagt Steinmüller, dass der Sozialismus in der Zukunft gesiegt haben würde.

"So wenig, wie man die kapitalistische Science-Fiction ohne den Markt denken kann" , erklärt er, "kann man die realsozialistische ohne Zensur denken."

Das könnte erklären, warum der Osten vermehrt Utopien produzierte. Autoren hätten sich weitestgehend selbst zensiert, wären in ferne Welten ausgewichen oder hätten "die Katastrophe in kapitalistische Reststaaten verlegt" , sagt Steinmüller.


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