Science-Fiction-Literatur: Wo die Utopien wachsen
Bis vor Kurzem war ich sehr stolz auf diese Idee: Ist es nicht seltsam, dachte ich, dass Science-Fiction-Klassiker aus dem kapitalistischen Westen meistens Dystopien sind, während sozialistische Autoren eher Utopien erträumten? Was, wenn uns das einen tieferen Einblick in die Welten auf beiden Seiten der Mauer erlaubt? Was, wenn es um mehr geht als Zensur und Ideologie?
Vier Experten haben mich aufgeklärt – außerdem gibt es später im Text acht Ost-West-Utopie-Dystopie-Buchtipps.
Komplexe Ursprünge
"Das mag rein statistisch vielleicht stimmen" , sagt Karlheinz Steinmüller über die Idee, dass die westlich-kapitalistische Science Fiction eher dystopisch und die östlich-sozialistische eher utopisch war. Seine Frau Angela und er sind bekannte Science-Fiction-Autoren.
Aber, sagt Steinmüller, das Problem an der Idee "beginnt bereits mit der Grundgesamtheit" . Schon Jules Verne müsse man zum Beispiel eher westlich-kapitalistisch einordnen. Und bei ihm finde man genügend Utopisches – ähnlich wie bei H.G. Wells. Deren Werke stellten sich auch andere Gesellschaften vor und nicht nur Rettung durch Fortschritt und Technik – so wie es dem Westen oft nachgesagt wird.
Dieser Fokus sei erst im späteren 20. Jahrhundert entstanden, sagt auch Professor Greg Claeys, ein Experte der Ideengeschichte der Dystopie.
Science-Fiction in zwei Systemen
Wie wäre es daher, erst nach dem Zweiten Weltkrieg anzusetzen, obwohl es schon davor kapitalistische wie sozialistische Utopien gab? Die wissenschaftliche Fantastik entstand zum Beispiel 1949 quasi mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Hier habe die Richtlinie gegolten, sagt Steinmüller, dass der Sozialismus in der Zukunft gesiegt haben würde.
"So wenig, wie man die kapitalistische Science-Fiction ohne den Markt denken kann" , erklärt er, "kann man die realsozialistische ohne Zensur denken."
Das könnte erklären, warum der Osten vermehrt Utopien produzierte. Autoren hätten sich weitestgehend selbst zensiert, wären in ferne Welten ausgewichen oder hätten "die Katastrophe in kapitalistische Reststaaten verlegt" , sagt Steinmüller.
Im Osten viel Neues
Mit Verweis auf Steinmüller sagt Chiara Viceconti, dass sich die wissenschaftliche Fantastik immer deutlich gegenüber der militaristischen Science-Fiction eines Krieg der Sterne abgegrenzt habe. Dennoch würde die Doktorandin der Germanist und Slawistik an der Sapienza-Universität in Rom "nicht ganz zustimmen" , dass sich der Osten durch Utopien und der Westen durch Dystopien auszeichnete.
Werke aus dem Ostblock seien zwar "größtenteils utopisch" , sagt Viceconti, aber ab den 1960er Jahren seien auch im Osten vermehrt Anti-Utopien entstanden – "als Ausdruck der Enttäuschung vieler Autor:innen über das sozialistische System" .
Auch im Westen hätten sich Dystopien erst etwa um diese Zeit gemehrt, vor allem durch die Umweltkrisen der 1970er Jahre, sagt Claeys.
Zurück aus der Zukunft
Daher sucht Viceconti die Unterschiede in der Science-Fiction aus Ost und West weiter in der Vergangenheit. Denn während sich die angloamerikanische Science-Fiction aus der Gothic Fiction entwickelt habe – eine literarische Epoche des 18. Jahrhunderts -, wurzele die russisch-sowjetische Science-Fiction im Utopismus und der Groteske. Ein Beispiel für Ersteres ist etwa Mary Shelley, die zwar als von der Gothik Fiction inspiriert gilt, aber auch als frühe Science-Fiction-Autorin.
Erst später habe die politische Situation der jeweiligen Länder dem Genre auf beiden Seiten der Mauer "eine spezifische Ausrichtung" verliehen, sagt Viceconti. Sie sieht die markantesten Unterschiede zwischen Ost und West stattdessen "in der Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen" .
Aufzählungen wichtiger Frauen der Science-Fiction verwiesen oft auf amerikanische Werke der 70er und 80er Jahre, sagt Viceconti. Dabei seien Frauen im Ostblock aus ideologischen Gründen schon früh als Autorinnen und Hauptfiguren zu finden. Im Gegensatz zur Thematik der Unterdrückung oder rein weiblichen Welten der westlichen Feministinnen habe sozialistische Science-Fiction Frauen als gleichberechtigt dargestellt.
Sprache und Action
Steinmüller selbst bemerkt "eine sprachliche Differenz" . Die östlich-sozialistische Science-Fiction habe sich dadurch ausgezeichnet, dass ihr der Einfluss der amerikanischen Leitkultur anfangs weitgehend fehlte. Er habe sich auch später viel schwächer ausgedrückt als im Westen: "In der Ost-Science-Fiction würde man keinen Raumschiffkapitän mit Sir ansprechen."
Doch wenn es um die Beliebtheit in Sachen Verkaufszahlen geht, "dann triumphiert in beiden Systemen eine actionreiche Handlung" , sagt Steinmüller. Und die lasse sich leichter vor dem Hintergrund einer Dystopie erzählen.
Das erlebe er seit dem Jahr 2000 verstärkt, sagt Claeys. Ab 2010 spiegele sich der Trend zur Dystopie dann auch in einer allgemeinen Stimmung der Hoffnungslosigkeit und Angst.
Eine neue Hoffnung
Abgesehen von boomender Science-Fiction aus China habe östlich-sozialistische Science-Fiction bis dahin längst ihr Ende gefunden, sagt Tom von der Otherland Science Fiction & Fantasy Buchhandlung in Berlin. Obwohl er "ganz grob über den Daumen" sagen würde: "Im Westen ging es um die Rakete, im Osten ging es um die Menschen in der Rakete."
Inzwischen seien die "technologischen Heilsversprechen" der Science-Fiction aber "in einem Gleichgewicht mit den gesellschaftlichen Fragen" , sagt er. Eine neue Generation von Autoren und Lesern habe sowieso "andere Fragen an die Zukunft" . Ihnen gehe es um Klima, Identität oder das Leben nach dem Untergang .
So haben Science-Fiction in Ost und West zu neuen gemeinsamen Themen gefunden – genauso wie sich die Science Fiction der DDR und BRD einst beide aus den Zukunftsromanen der Weimarer Republik entwickelten. Doch obwohl sich Utopien und Dystopien aus aller Welt heute mit neuen Themen auseinandersetzen, tun sie das immer noch auf der Basis mancher Klassiker. Und actionreiche Handlungen verkaufen sich noch immer am besten.
Acht Tipps für dystopische und utopische Bücher aus Ost und West
Wir empfehlen jeweils zwei pro Feld des Rasters Utopie/Dystopie und Ost/West. Alle gelten als einflussreiche Werke ihres Stils und gemeinsam beherbergen sie sämtliche Kernideen des Genres: ferne Welten, unglaubliche Technologien, alternative Gesellschaftsmodelle und tiefgründige Fragen zwischen der Action.
Ost-Dystopie
Jewgeni Samjatin – Wir
Samjatins 1920 fertiggestellter Roman ist offiziell das erste Buch, das in der Sowjetunion verboten wurde. Es gilt als Wegbereiter und Inspiration für Orwells 1984, Huxleys Brave New World und die Werke von Ayn Rand. Der Klassiker handelt von einem totalitären Überwachungsstaat, in dem Menschen nur als Ziffern existieren.
Protagonist D-503 ist Raketenkonstrukteur und anfangs noch stolz darauf, eine perfekte Nummer im Kollektiv zu sein. Dann verliebt er sich in Nummer I-330 und wehrt sich zum ersten Mal gegen die absoluten Regeln des "Einzigen Staates" . Bald darauf werden ihm Liebe und Freiheit zum Verhängnis – denn sie sind längst nicht die überholten Konzepte, für die er sie gehalten hatte.
Boris und Arkady Strugatzky – Das Experiment
Wie Wir handelt auch Das Experiment von einem linientreuen Techniker, der in einer von der Außenwelt abgeschotteten Stadt lebt. Andrej ist freiwillig dort, um dem Experiment zu dienen – denn das soll angeblich die kommunistische Gesellschaft perfektionieren. Egal was passiert, heißt die Maxime, es sei zu akzeptieren, denn: Das Experiment ist das Experiment.
So kommen zunehmend skurrile Umstände zustande, die Andrej immer mehr herausfordern. Er bekämpft Paviane, spielt im Roten Haus Schach mit einem Stalin-Verschnitt und muss schließlich im Norden nach Antistadt suchen. Verworren und brillant zugleich, wurde dieses bedeutende Werk erst 1989 veröffentlicht – 20 Jahre, nachdem die Brüder es begonnen hatten.
Ost-Utopie
Sergej Snegow – Menschen wie Götter
Selbst bei Star Wars gibt es keine Einhörner und Drachen im Weltraum. In Snegows epischer Weltraumoper schon. Dank fortgeschrittener Technologie erforscht die Menschheit längst die Sterne. Im Zentrum der Gesellschaft steht das Wir und auf der Erde arbeiten Menschen nur noch, wenn sie wollen.
Dann entdeckt Raumschiffkapitän Eli die Spuren einer überlegenen Gesellschaft. So beginnt ein dreiteiliges, intergalaktisches Epos. Menschen treffen Angehörige anderer Rassen, verlieben sich sogar in sie, gründen (seltsam patriarchische) Familien und stellen sich Fragen über Themen vom gemeinsamen Alltag bis zum Sinn und der Ordnung des Kosmos. Das alles aus einer Perspektive, die heute naiv wirken mag – und gleichzeitig einen heilsamen Optimismus bietet.
Iwan Jefremow – Andromedanebel (Das Mädchen aus dem All)
Sicher eines der wichtigsten, einflussreichsten und am meisten verkauften Werke der sowjetischen Science-Fiction. Auch weil Jefremow als einer der ersten eine sozialistische Zukunft beschreibt, die nur langsam und mühevoll erkämpft werden konnte. Statt auf Technik und Wissenschaft konzentriert er sich auf das Leben der fernen Zukunft und das Miteinander unter raumfahrenden kommunistischen Völkern.
Die Geschichte entwickelt sich langsam und webt erst nach und nach die Erzählstränge zusammen. Ihre Welt scheint aus heutiger Sicht genauso erstrebenswert wie eh und je. Und obwohl die Figuren eher eindimensional sind, ist die Zukunft, die Jefremow schuf, immer noch wegweisend. Etwas unhandlich für unsere untrainierte Aufmerksamkeitsspanne – aber ein echter Meilenstein.
West-Dystopie
James Tiptree Jr. – Houston. Houston! Sämtliche Erzählungen
In der Titelgeschichte dieser herausragenden Sammlung wird ein irdisches Raumschiff nach einer Weltraumreise in die Zukunft geschleudert. Auf der Erde angekommen, macht die durchweg männliche Besatzung eine verstörende Entdeckung: Auf dem Planeten leben nur noch circa zwei Millionen Menschen – und zwar ausschließlich Frauen.
Schon Alice B. Sheldons Leben reicht als Material für ein Meisterwerk. Die Autorin hinter dem Pseudonym Tiptree Jr. lernte als Kind afrikanische Herrscher kennen, war eine der ersten Agentinnen der CIA, später Doktorin der Psychologie und vielfache Empfängerin der Hugo- und Nebula-Awards. Hier dreht sie die Logik der Science-Fiction um: Nicht Aliens sind das Fremde, sondern wir.
Suzette Haden Elgin – Amerika der Männer
Ein Titel, der heute nicht passender sein könnte. Im 23. Jahrhundert wurden Frauen jegliche Rechte entzogen. Selbst die Frauen der sogenannten Linguisten-Dynastie werden wie Haustiere gehalten. Doch sie haben eine besondere Aufgabe: Sie betreuen den Kontakt ihrer Kinder zu raumfahrenden Völkern – denn nur deren Gehirn ist formbar genug, um die fremden Sprachen zu lernen.
So erhalten sie eine Gelegenheit, sich zu widersetzen. Die Frauen erschaffen eine Geheimsprache und stellen bald ihre gesamte Welt infrage. Das von der Sapir-Whorf-Hypothese inspirierte Buch ist eine absolute Empfehlung für Fans von Der Report der Magd und mindestens genauso mitreißend wie das deutlich düstere Pendant von Margaret Atwood.
West-Utopie
Ian Banks – Bedenke Phlebas
In Banks' erstem Kultur-Roman von 1987 erleben wir den Krieg zwischen der utopischen Kultur und dem Idiraner-Imperium – aber nicht aus der Perspektive der besseren Welt. Stattdessen folgen wir einer Bande tollkühner Söldner, die immer dort auftaucht, wo das Ende naht: zum Beispiel, wenn Raumschiffe in den Tiefen des Alls verglühen oder Planeten zu Staub zermahlen werden.
Damit fordert Banks die üblichen Utopien heraus: Denn die Kultur mag eine perfekte Gesellschaft sein, aber heißt das, dass auch ihr Krieg gerecht ist? Kann eine Utopie sich überhaupt mit Gewalt verteidigen? Durch die Söldner erleben wir einen düsteren, actiongeladenen Blick auf die Schattenseiten der strahlendsten heilen Welt.
Joan Slonczewski – A Door Into Ocean (leider nie ins Deutsche übersetzt)
Auf dem entfernten Wassermond Shora lebt eine Gesellschaft der Frauen. Sie sind Pazifistinnen mit hochentwickelten biologischen Kenntnissen und pflanzen sich durch Parthenogenese fort – ohne jede männliche Beteiligung. Doch dann schickt eine benachbarte Zivilisation ihre Armee, um die Ozeanwelt auszubeuten.
Slonczewski fragte so schon vor Banks, was eine Utopie überdauern kann. In diesem Klassiker der feministischen Science-Fiction und des Worldbuildings erfinden die Sharerinnen Widerstandsformen jenseits von Waffen: biologisch, psychologisch, spirituell. Rein weibliche Metkayina lange vor Avatar. Solange Pazifismus als naiv gilt, bleiben sie inspirierend und herausfordernd. Und ein perfekter Kontrast zu einer gewaltvollen Zeit.
Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.