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Acht Tipps für dystopische und utopische Bücher aus Ost und West

Wir empfehlen jeweils zwei pro Feld des Rasters Utopie/Dystopie und Ost/West. Alle gelten als einflussreiche Werke ihres Stils und gemeinsam beherbergen sie sämtliche Kernideen des Genres: ferne Welten, unglaubliche Technologien, alternative Gesellschaftsmodelle und tiefgründige Fragen zwischen der Action.

Ost-Dystopie

Jewgeni Samjatin – Wir

Samjatins 1920 fertiggestellter Roman ist offiziell das erste Buch, das in der Sowjetunion verboten wurde. Es gilt als Wegbereiter und Inspiration für Orwells 1984, Huxleys Brave New World und die Werke von Ayn Rand. Der Klassiker handelt von einem totalitären Überwachungsstaat, in dem Menschen nur als Ziffern existieren.

Protagonist D-503 ist Raketenkonstrukteur und anfangs noch stolz darauf, eine perfekte Nummer im Kollektiv zu sein. Dann verliebt er sich in Nummer I-330 und wehrt sich zum ersten Mal gegen die absoluten Regeln des "Einzigen Staates" . Bald darauf werden ihm Liebe und Freiheit zum Verhängnis – denn sie sind längst nicht die überholten Konzepte, für die er sie gehalten hatte.

Boris und Arkady Strugatzky – Das Experiment

Wie Wir handelt auch Das Experiment von einem linientreuen Techniker, der in einer von der Außenwelt abgeschotteten Stadt lebt. Andrej ist freiwillig dort, um dem Experiment zu dienen – denn das soll angeblich die kommunistische Gesellschaft perfektionieren. Egal was passiert, heißt die Maxime, es sei zu akzeptieren, denn: Das Experiment ist das Experiment.

So kommen zunehmend skurrile Umstände zustande, die Andrej immer mehr herausfordern. Er bekämpft Paviane, spielt im Roten Haus Schach mit einem Stalin-Verschnitt und muss schließlich im Norden nach Antistadt suchen. Verworren und brillant zugleich, wurde dieses bedeutende Werk erst 1989 veröffentlicht – 20 Jahre, nachdem die Brüder es begonnen hatten.

Ost-Utopie

Sergej Snegow – Menschen wie Götter

Selbst bei Star Wars gibt es keine Einhörner und Drachen im Weltraum. In Snegows epischer Weltraumoper schon. Dank fortgeschrittener Technologie erforscht die Menschheit längst die Sterne. Im Zentrum der Gesellschaft steht das Wir und auf der Erde arbeiten Menschen nur noch, wenn sie wollen.

Dann entdeckt Raumschiffkapitän Eli die Spuren einer überlegenen Gesellschaft. So beginnt ein dreiteiliges, intergalaktisches Epos. Menschen treffen Angehörige anderer Rassen, verlieben sich sogar in sie, gründen (seltsam patriarchische) Familien und stellen sich Fragen über Themen vom gemeinsamen Alltag bis zum Sinn und der Ordnung des Kosmos. Das alles aus einer Perspektive, die heute naiv wirken mag – und gleichzeitig einen heilsamen Optimismus bietet.

Iwan Jefremow – Andromedanebel (Das Mädchen aus dem All)

Sicher eines der wichtigsten, einflussreichsten und am meisten verkauften Werke der sowjetischen Science-Fiction. Auch weil Jefremow als einer der ersten eine sozialistische Zukunft beschreibt, die nur langsam und mühevoll erkämpft werden konnte. Statt auf Technik und Wissenschaft konzentriert er sich auf das Leben der fernen Zukunft und das Miteinander unter raumfahrenden kommunistischen Völkern.

Die Geschichte entwickelt sich langsam und webt erst nach und nach die Erzählstränge zusammen. Ihre Welt scheint aus heutiger Sicht genauso erstrebenswert wie eh und je. Und obwohl die Figuren eher eindimensional sind, ist die Zukunft, die Jefremow schuf, immer noch wegweisend. Etwas unhandlich für unsere untrainierte Aufmerksamkeitsspanne – aber ein echter Meilenstein.

West-Dystopie

James Tiptree Jr. – Houston. Houston! Sämtliche Erzählungen

In der Titelgeschichte dieser herausragenden Sammlung wird ein irdisches Raumschiff nach einer Weltraumreise in die Zukunft geschleudert. Auf der Erde angekommen, macht die durchweg männliche Besatzung eine verstörende Entdeckung: Auf dem Planeten leben nur noch circa zwei Millionen Menschen – und zwar ausschließlich Frauen.

Schon Alice B. Sheldons Leben reicht als Material für ein Meisterwerk. Die Autorin hinter dem Pseudonym Tiptree Jr. lernte als Kind afrikanische Herrscher kennen, war eine der ersten Agentinnen der CIA, später Doktorin der Psychologie und vielfache Empfängerin der Hugo- und Nebula-Awards. Hier dreht sie die Logik der Science-Fiction um: Nicht Aliens sind das Fremde, sondern wir.

Suzette Haden Elgin – Amerika der Männer

Ein Titel, der heute nicht passender sein könnte. Im 23. Jahrhundert wurden Frauen jegliche Rechte entzogen. Selbst die Frauen der sogenannten Linguisten-Dynastie werden wie Haustiere gehalten. Doch sie haben eine besondere Aufgabe: Sie betreuen den Kontakt ihrer Kinder zu raumfahrenden Völkern – denn nur deren Gehirn ist formbar genug, um die fremden Sprachen zu lernen.

So erhalten sie eine Gelegenheit, sich zu widersetzen. Die Frauen erschaffen eine Geheimsprache und stellen bald ihre gesamte Welt infrage. Das von der Sapir-Whorf-Hypothese inspirierte Buch ist eine absolute Empfehlung für Fans von Der Report der Magd und mindestens genauso mitreißend wie das deutlich düstere Pendant von Margaret Atwood.

West-Utopie

Ian Banks – Bedenke Phlebas

In Banks' erstem Kultur-Roman von 1987 erleben wir den Krieg zwischen der utopischen Kultur und dem Idiraner-Imperium – aber nicht aus der Perspektive der besseren Welt. Stattdessen folgen wir einer Bande tollkühner Söldner, die immer dort auftaucht, wo das Ende naht: zum Beispiel, wenn Raumschiffe in den Tiefen des Alls verglühen oder Planeten zu Staub zermahlen werden.

Damit fordert Banks die üblichen Utopien heraus: Denn die Kultur mag eine perfekte Gesellschaft sein, aber heißt das, dass auch ihr Krieg gerecht ist? Kann eine Utopie sich überhaupt mit Gewalt verteidigen? Durch die Söldner erleben wir einen düsteren, actiongeladenen Blick auf die Schattenseiten der strahlendsten heilen Welt.

Joan Slonczewski – A Door Into Ocean (leider nie ins Deutsche übersetzt)

Auf dem entfernten Wassermond Shora lebt eine Gesellschaft der Frauen. Sie sind Pazifistinnen mit hochentwickelten biologischen Kenntnissen und pflanzen sich durch Parthenogenese fort – ohne jede männliche Beteiligung. Doch dann schickt eine benachbarte Zivilisation ihre Armee, um die Ozeanwelt auszubeuten.

Slonczewski fragte so schon vor Banks, was eine Utopie überdauern kann. In diesem Klassiker der feministischen Science-Fiction und des Worldbuildings erfinden die Sharerinnen Widerstandsformen jenseits von Waffen: biologisch, psychologisch, spirituell. Rein weibliche Metkayina lange vor Avatar. Solange Pazifismus als naiv gilt, bleiben sie inspirierend und herausfordernd. Und ein perfekter Kontrast zu einer gewaltvollen Zeit.

Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.


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