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Im Osten viel Neues

Mit Verweis auf Steinmüller sagt Chiara Viceconti, dass sich die wissenschaftliche Fantastik immer deutlich gegenüber der militaristischen Science-Fiction eines Krieg der Sterne abgegrenzt habe. Dennoch würde die Doktorandin der Germanist und Slawistik an der Sapienza-Universität in Rom "nicht ganz zustimmen" , dass sich der Osten durch Utopien und der Westen durch Dystopien auszeichnete.

Werke aus dem Ostblock seien zwar "größtenteils utopisch" , sagt Viceconti, aber ab den 1960er Jahren seien auch im Osten vermehrt Anti-Utopien entstanden – "als Ausdruck der Enttäuschung vieler Autor:innen über das sozialistische System" .

Auch im Westen hätten sich Dystopien erst etwa um diese Zeit gemehrt, vor allem durch die Umweltkrisen der 1970er Jahre, sagt Claeys.

Zurück aus der Zukunft

Daher sucht Viceconti die Unterschiede in der Science-Fiction aus Ost und West weiter in der Vergangenheit. Denn während sich die angloamerikanische Science-Fiction aus der Gothic Fiction entwickelt habe – eine literarische Epoche des 18. Jahrhunderts -, wurzele die russisch-sowjetische Science-Fiction im Utopismus und der Groteske. Ein Beispiel für Ersteres ist etwa Mary Shelley, die zwar als von der Gothik Fiction inspiriert gilt, aber auch als frühe Science-Fiction-Autorin.

Erst später habe die politische Situation der jeweiligen Länder dem Genre auf beiden Seiten der Mauer "eine spezifische Ausrichtung" verliehen, sagt Viceconti. Sie sieht die markantesten Unterschiede zwischen Ost und West stattdessen "in der Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen" .

Aufzählungen wichtiger Frauen der Science-Fiction verwiesen oft auf amerikanische Werke der 70er und 80er Jahre, sagt Viceconti. Dabei seien Frauen im Ostblock aus ideologischen Gründen schon früh als Autorinnen und Hauptfiguren zu finden. Im Gegensatz zur Thematik der Unterdrückung oder rein weiblichen Welten der westlichen Feministinnen habe sozialistische Science-Fiction Frauen als gleichberechtigt dargestellt.

Sprache und Action

Steinmüller selbst bemerkt "eine sprachliche Differenz" . Die östlich-sozialistische Science-Fiction habe sich dadurch ausgezeichnet, dass ihr der Einfluss der amerikanischen Leitkultur anfangs weitgehend fehlte. Er habe sich auch später viel schwächer ausgedrückt als im Westen: "In der Ost-Science-Fiction würde man keinen Raumschiffkapitän mit Sir ansprechen."

Doch wenn es um die Beliebtheit in Sachen Verkaufszahlen geht, "dann triumphiert in beiden Systemen eine actionreiche Handlung" , sagt Steinmüller. Und die lasse sich leichter vor dem Hintergrund einer Dystopie erzählen.

Das erlebe er seit dem Jahr 2000 verstärkt, sagt Claeys. Ab 2010 spiegele sich der Trend zur Dystopie dann auch in einer allgemeinen Stimmung der Hoffnungslosigkeit und Angst.

Eine neue Hoffnung

Abgesehen von boomender Science-Fiction aus China habe östlich-sozialistische Science-Fiction bis dahin längst ihr Ende gefunden, sagt Tom von der Otherland Science Fiction & Fantasy Buchhandlung in Berlin. Obwohl er "ganz grob über den Daumen" sagen würde: "Im Westen ging es um die Rakete, im Osten ging es um die Menschen in der Rakete."

Inzwischen seien die "technologischen Heilsversprechen" der Science-Fiction aber "in einem Gleichgewicht mit den gesellschaftlichen Fragen" , sagt er. Eine neue Generation von Autoren und Lesern habe sowieso "andere Fragen an die Zukunft" . Ihnen gehe es um Klima, Identität oder das Leben nach dem Untergang .

So haben Science-Fiction in Ost und West zu neuen gemeinsamen Themen gefunden – genauso wie sich die Science Fiction der DDR und BRD einst beide aus den Zukunftsromanen der Weimarer Republik entwickelten. Doch obwohl sich Utopien und Dystopien aus aller Welt heute mit neuen Themen auseinandersetzen, tun sie das immer noch auf der Basis mancher Klassiker. Und actionreiche Handlungen verkaufen sich noch immer am besten.


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