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Science-Fiction-Film The Creator: "Die Dinger da unten haben mehr Herz als ihr!"

Gareth Edwards präsentiert seine philosophische Geschichte über Menschen und KI in Ultra-Widescreen. Es ist einer der besten Science-Fiction -Filme des Jahres.
/ Peter Osteried
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Gareth Edwards Film ist großer Sci-Fi-Bombast mit philosophischem Unterbau. (Bild: 20th Century Studios)
Gareth Edwards Film ist großer Sci-Fi-Bombast mit philosophischem Unterbau. Bild: 20th Century Studios

Mit The Creator kehrt Gareth Edwards zu seinen Wurzeln zurück und präsentiert Science-Fiction mit hohen Schauwerten und einem emotionalen und philosophischen Kern. Wie bei seinem Debütfilm Monsters(öffnet im neuen Fenster) (2010), bei Godzilla (2014) und Star Wars: Rogue One (2016) hat Edwards auch hier einen großen Effektfilm gemacht. Nebenbei zeigt er auch, wie toll es ist, im Kino einen großen Sci-Fi-Film zu sehen, der kein Remake, kein Reboot, keine Fortsetzung ist, sondern eine ganz originäre Geschichte erzählt. Der Kinostart von The Creator ist am 28. September.

Menschen gegen AI

Der Film beginnt mit einer Nachrichtensendung, die zeigt, wie die künstliche Intelligenz im Lauf der Jahre immer weiter entwickelt wurde. Diese Sendung endet mit einem Knall: einer Atombombe, die in Los Angeles hochgegangen ist.

Dieser Moment markiert den Beginn des Kriegs, da sich die Menschen von der künstlichen Intelligenz angegriffen fühlen – und sie nun aus dem Verkehr ziehen wollen. Sie fürchten die Technologie. Zumindest im Westen, während man in New Asia gelernt hat, zu koexistieren. Aber allen voran die Amerikaner wollen die künstliche Intelligenz auslöschen. Sie haben einen ultimativen Krieg ausgerufen, in dem es um nichts weniger als das Überleben geht.

Der Soldat Joshua (John David Washington) unterwandert eine Gruppe von AI-Kriegern. Seine Mission: den Schöpfer zu finden – dies ist sozusagen eine Master-KI. Doch die Mission geht schief, er verliert seine geliebte Frau und jedwede Lust am Leben. Fünf Jahre später wird er erneut rekrutiert. Er soll die ultimative Waffe stoppen, die von der AI entwickelt wurde. Das könnte ihm nicht egaler sein. Aber das Militär ködert ihn auch damit, dass seine Frau noch lebt.

Guerilla-Filmmaking

Die Entwicklung des Films begann im Jahr 2019. Gareth Edwards hatte die Idee für einen originären Science-Fiction-Film und lieferte in dem Jahr nicht nur ein paar Testaufnahmen ab, sondern ging auf Scouting für die Drehorte.

"Ich nahm eine Kamera(öffnet im neuen Fenster) und eine anamorphe Linse, wie sie in den 70ern benutzt wurde und besuchte Vietnam, Kambodscha, Japan, Indonesien, Thailand und Nepal. Der Plan war, die großartigsten Locations der Welt zu finden, weil es weit günstiger ist, dort vor Ort zu drehen, als entsprechende Sets zu errichten."

Die Inspiration für seinen Film ist klar: Apocalypse Now, aber auch Einflüsse durch Akira sind sichtbar.

Mitte Januar 2022 begannen die Dreharbeiten in Thailand. Ein Budget von knapp 90 Millionen US-Dollar stand Edwards zur Verfügung. Er wollte, dass das auch auf der Leinwand zu sehen ist, weswegen er sich für das ungewöhnliche Format von 2.76:1(öffnet im neuen Fenster) entschied – das ist eine Ultra-Wide-Aspect-Ratio, wie sie auch bei Ben Hur benutzt wurde.

Zwei Chefkameramänner waren für den Look verantwortlich. Greig Fraser war in die Pre-Production involviert, musste dann aber gehen, weil er Dune: Teil 2 drehte. An seine Stelle trat Oren Soffer. Man wählte die Sony FX3-Kamera(öffnet im neuen Fenster) , eine erstaunlich günstige Kamera für einen großen Film. Der Einstiegspreis liegt bei etwa 4.000 britischen Pfund.

Edwards ging trotz des hohen Budgets an den Film heran wie an seinen supergünstigen Erfolgsfilm Monsters. Heißt: Guerilla-Drehen mit einer kleinen Crew, die Nutzung von natürlichem Licht und limitierte Tonaufnahme.

Eine klare Botschaft

Die Geschichte von The Creator erscheint recht simpel, aber in der Simplizität liegt auch ihre Schönheit. Sie transportiert eine Botschaft, aber nicht mit dem Holzhammer, sondern einfach als Teil der DNA dieses Films: dass Menschlichkeit nichts mit Fleisch und Blut zu tun hat.

Vielleicht liegt das an einer Art europäischer Sensibilität, die der Brite Edwards hier einbringt, die derjenigen von Guy Ritchie in dem Kriegsfilm The Covenant(öffnet im neuen Fenster) nicht unähnlich ist. Es ist ein Blick auf Amerika und die Amerikaner, der im Land der Freien und der Heimat der Tapferen nicht unbedingt gut ankommt. Ritchies Film wurde ignoriert; der von Edwards ist subtiler, weil er die Zuschauer mit Sci-Fi-Bombast lockt.

The Creator zeigt die USA, er zeigt den Westen als von Angst zerfressen. Was die Menschen nicht kennen, lehnen sie ab. Und sie sprechen den Maschinen, die von Menschen geschaffen wurden, die Menschlichkeit ab. Für sie ist die AI in all ihren Permutationen – Robotern, aber auch Simulants, die das Gesicht echter Menschen tragen, nur maschinell. Ohne Seele, ohne Herz, ohne Emotion.

Als eine Einheit der Amerikaner ein Dorf überfällt, erinnert das nicht von ungefähr an den Vietnamkrieg. Sie suchen nicht nach versteckten Waffen, sondern nach dem Zugang zu einem Unterschlupf der künstlichen Intelligenz, und sind dafür bereit, zu töten. "Die Dinger da unten" , sagt eine Bäuerin, "haben mehr Herz als ihr" .

Genau darum geht es in The Creator: dass die Schöpfung den Schöpfer überflügelt. Wenn man Roboter sieht, die eine Katze streicheln, die mit größter emotionaler Wucht ein "Shit" raushauen, die sich um Menschen und damit auch um biologisches Leben sorgen, dann sind sie das Gegenstück zu den Soldaten, die den Krieg über sie gebracht haben.

Auch das ist eine der Stärken des Films: dass er gegen das typische Erzählkonstrukt anläuft. Man denke nur an Terminator, an Skynet. Hier geht es nicht um einen Kampf gegen Skynet, um eine AI, die die Menschen ausrotten will, sondern nur um die irrationale Angst des Menschen – weil Koexistenz im menschlichen Sprachschatz ein Fremdwort ist.

The Creator ist großes Kino, ein Sci-Fi-Film, der etwas zu sagen hat. Einer, den man auf der großen Leinwand sehen muss, weil die Bilder von solch enormer Wucht und Schönheit sind. Kurz: Endlich mal wieder ein Film, für den sich der Gang ins Kino auch lohnt.


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