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Science-Fiction: Die wahre Schöpferin des Schreckens vom Amazonas

Bud Westmore reklamierte den Ruhm für sich, das ikonische Aussehen des Schreckens vom Amazonas entworfen zu haben – zu Unrecht.
/ Peter Osteried
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Milicent Patrick gestaltet den Kopf des Kiemenmenschen aus Der Schrecken vom Amazonas. (Bild: Universal Pictures)
Milicent Patrick gestaltet den Kopf des Kiemenmenschen aus Der Schrecken vom Amazonas. Bild: Universal Pictures

Der Name Milicent Patrick(öffnet im neuen Fenster) ist bei Fans der Science-Fiction aus den 1950ern seit einigen Jahren zumindest teilweise bekannt. Patrick entwarf das Design des Kiemenmenschen in dem schwarz-weißen Sci-Fi-Klassiker Der Schrecken vom Amazonas(öffnet im neuen Fenster) (1954). Ihr Beitrag wurde allerdings marginalisiert – bis vor drei Jahren das Buch The Lady of the Black Lagoon von Mallory O'Meara erschien, die Patricks Anteil an einem der größten Sci-Fi-Filme würdigte.

Die 1915 geborene Milicent Patrick war zunächst Schauspielerin. Sie spielte in mehr als 20 Filmen und Serien mit, aber meist in sehr kleinen Rollen. Zudem war sie als Kostümbildnerin, Charakterdesignerin und Illustratorin an Filmen beteiligt. Auch hier wurde sie kaum irgendwo namentlich genannt.

Zeichnerin bei Disney

Patricks richtiger Name war Mildred Elizabeth Fulvia di Rossi. Sie war die Tochter von Camille Charles Rossi, einem Architekten und Ingenieur, der den Bau des Schlosses von William Randolph Hearst in San Simeon, Kalifornien, leitete. Sie war vielseitig begabt, drängte sich aber nicht ins Rampenlicht.

Ihre Jugend verbrachte sie in San Simeon und in Südamerika und begleitete ihren Vater bei verschiedenen Bauaufträgen. Musikalisch begabt hatte sie schon frühzeitig Ambitionen, Konzertpianistin zu werden, studierte stattdessen aber Kunst mit einem Stipendium, nachdem sie im Alter von 14 Jahren die High School abgeschlossen hatte.

Mildred besuchte das Chouinard Institute in Kalifornien und wurde in den späten 1940er Jahren von Disney eingestellt, um an Zeichentrickfilmen zu arbeiten. Sie war die erste Künstlerin, die das Studio beschäftigte.

Die Schöne und der Kiemenmensch

Anfang 1954 ging sie auf Tournee, um für den im März erscheinenden 3-D-Film Der Schrecken vom Amazonas zu werben. Bei der Entwicklung des Aussehens des Kiemenmenschen übernahm sie eine Schlüsselfunktion.

Bud Westmore beginnt Milicent Patrick kleinzureden

Noch bevor Patrick ihre Tournee begann, schickte der Leiter der Maskenbildnerabteilung, George Hamilton "Bud" Westmore, ein Memo an die Universal-Firmenleitung, in dem er sich gegen die Absicht des Studios wandte, sie als "Die Schöne, die das Biest erschuf" anzupreisen.

Er behauptete, die Kreatur sei vollständig das Produkt seiner Bemühungen(öffnet im neuen Fenster) . Im Februar, während die Tournee in vollem Gange war, bemühte sich Westmore um Ausschnitte aus Patricks zahlreichen Zeitungsinterviews, in denen sie teilweise als alleinige Schöpferin des Ungeheuers genannt wurde. Westmore oder die anderen Mitarbeiter der Maskenbildnerabteilung wurden nicht erwähnt. Er machte in seinen Beschwerden an die Universal-Führungskräfte deutlich, dass er nicht die Absicht habe, Patricks Dienste als Zeichnerin erneut in Anspruch zu nehmen.

In der Korrespondenz zwischen den Führungskräften Clark Ramsey und Charles Simonelli vom 1. März 1954 stellte Ramsey fest, dass Westmore sich in dieser Angelegenheit kindisch verhalte und Patrick alles getan habe, um Westmore während ihrer Interviews Anerkennung zu zollen(öffnet im neuen Fenster) .

Tatsächlich ist es Westmore aber gelungen, über Jahrzehnte als alleiniger Schöpfer des Kiemenmenschen zu gelten. Die zeitgenössischen Artikel der 1950er waren längst vergessen, als Jack Arnolds Film zusammen mit seinem restlichen Sci-Fi-Werk viele Jahre später von einem jungen Publikum neu entdeckt wurde.

Als in den 1980er Jahren Artikel über die klassischen Sci-Fi-Filme geschrieben wurden, dachte niemand mehr an Patrick. Jack Arnold(öffnet im neuen Fenster) stand im Fokus, Ricou Browning, der im Kostüm steckte – aber eben auch Bud Westmore.

Der Metaluna-Mutant

Dabei hatte Patricks Karriere gut begonnen, sie war innerhalb weniger Jahre an etlichen großen Sci-Fi-Filmen beteiligt. Der erste war Gefahr aus dem Weltall(öffnet im neuen Fenster) (1953) von Jack Arnold, bei dem sie das Design des Außerirdischen entwarf. Dann folgte Abbott & Costello treffen Dr. Jekyll und Mr. Hyde(öffnet im neuen Fenster) (1953) und zuletzt der Klassiker Metaluna 4 antwortet nicht(öffnet im neuen Fenster) (1955). Hier war sie maßgeblich am Design des Metaluna-Mutanten beteiligt – noch ein ikonisches Kreaturendesign der 1950er.

Nachdem sie Bud Westmore erzürnt und der dafür gesorgt hatte, dass sie bei Universal keine Jobs mehr erhielt, zog sie sich aus dem Filmgeschäft zurück. Nur ein paar kleinere Rollen spielte sie noch. Sie zeichnete Porträts und war mehrmals verheiratet, hatte aber nie Kinder. Am 24. Februar 1998 verstarb sie in Los Angeles im Alter von 82 Jahren.

Ihr Beitrag für die Science-Fiction der 1950er Jahre wurde lange nicht anerkannt, mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden – wenn auch nicht bei Universal, wo man keine Schritte unternahm, die erste Monsterdesignerin des Studios in irgendeiner Weise zu würdigen.

Lange war Milicent Patrick praktisch vergessen, nun aber ist ihr Platz in den Annalen der Filmgeschichte gesichert – als die Schönheit, die das Monster zum Leben erweckte.


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