Sci-Fi-Thriller Paradise: Lebenszeit gegen Geld

Science-Fiction aus deutscher Produktion ist immer noch ungewöhnlich, Paradise(öffnet im neuen Fenster) ist allerdings ein Film, der es locker mit internationaler Konkurrenz aufnehmen kann. Es ist ein Sci-Fi-Thriller mit starker Prämisse und tollen Action-Einlagen - zudem ist er top besetzt, unter anderem mit Iris Berben und Kostja Ullmann.
Wenn das Leben verrinnt
Paradise beginnt mit einem Werbespot(öffnet im neuen Fenster) für Aeon. Die Firma hat eine Technik entwickelt, mit der man einem Menschen Lebenszeit abziehen und einem anderen Menschen geben kann - wenn beide kompatibel sind. Natürlich wird der Spender bezahlt. Oder zumindest damit entlohnt, was man in Flüchtlingslagern für gut bezahlt halten kann. Denn Lebenszeit ist letztlich unbezahlbar.
Max ist einer der Top-Leute, wenn es darum geht, neue Spender zu finden. Er weiß genau, wie er sie um den Finger wickeln muss, so dass sie gar bis zu 15 Jahre aufgeben.
Über die moralischen Konsequenzen macht er sich keine Gedanken. Er lebt mit seiner Frau Elena in einer sündhaft teuren Wohnung und führt offenbar ein gutes Leben. Aber dann brennt die Wohnung ab, die Versicherung bezahlt nicht und Elena muss einstehen - denn sie hat 40 Jahre ihrer Lebenszeit als Sicherheit verpfändet. Das will Max aber nicht hinnehmen und entwickelt einen Plan, um doch noch eine gemeinsame Zukunft mit seiner Frau haben zu können.
Starker Anfang
Paradise arbeitet mit einer faszinierenden Prämisse, die die Ungleichheit zwischen Arm und Reich noch einmal potenziert. Denn in der schönen neuen Welt von Paradise lässt sich das Sterben aussetzen - wenn man das nötige Kleingeld dafür hat. Auf der einen Seite gibt es also das eine Prozent, auf der anderen die Habenichtse, die letztlich nur noch ihre Jugend anbieten können.
Es gibt zwei große US-Produktionen, an die man sich erinnert fühlt: Michael Bays Die Insel(öffnet im neuen Fenster) und Andrew Niccols In Time(öffnet im neuen Fenster) . Und alle drei Filme haben das gleiche Problem: Die Grundidee ist ausgesprochen stark, das erste Drittel ist ein gedankenanregendes Sci-Fi-Konstrukt mit dystopischer Note - dann fühlten die Macher aber die Notwendigkeit, aus einem Drama einen Action-Thriller zu machen, da Studios so etwas wollen. Und das Publikum meist auch.
So wirkt auch Paradise ein wenig uneins, weil beide Handlungsebenen nicht gänzlich zueinander passen. Die Stärke der Prämisse trägt den Film dennoch. Anders gesagt: Paradise ist ein gut gemachter Action-Thriller mit tiefsinnigen Ansätzen, über die es nachzudenken lohnt - zumal der Film sich auch Gesellschaftskritik erlaubt, die auf unsere heutige Welt anwendbar ist.
Old-School
Der größte Unterschied zu einer großen Hollywood-Produktion ist der Umstand, dass das Älter- und Jüngerwerden hier noch ganz klassisch umgesetzt wird. So wird Max' Ehefrau Elena in der jungen Version von Marlene Tanczik und in der alten von Corinna Kirchhoff gespielt.
Das Casting war hier exzellent, in Hollywood hätte man das wohl technisch umgesetzt. Angesichts der Hochtechnologie im Film wirkt dieser klassische Weg fast anachronistisch, ist aber dennoch überzeugend.
Der Film ist mit Kostja Ullmann und Iris Berben sehr gut besetzt. Außerdem ist Lisa-Marie Koroll dabei, die zeigt, dass sie schauspielerisch noch mehr kann als bei Bibi & Tina.
Paradise sieht toll aus
Gedreht wurde der Film in Deutschland und Litauen. Man fand einige wirklich tolle Drehorte, etwa das alte, längst verlassene Hotel, in dem der Höhepunkt des Films spielt.
Überhaupt gelingt es mit minimalen Mitteln, das Flair der nahen Zukunft zu gestalten. Der Look von Paradise ist kinotauglich, auch wenn der Film "nur" bei Netflix läuft.
Ein paar Sprünge
Narrativ erlaubt sich der Film ein paar holprige Momente, sie reißen immer ein wenig aus der Geschichte heraus. Zudem lässt sich über die Motivation der Hauptfigur streiten. Es gibt den einen oder anderen Sinneswandel, bei dem man sich fragt, ob man ihn wirklich so haben würde.
Dieser Sci-Fi-Thriller zeigt, dass auch eine deutsche Produktion in einem Genre punkten kann, das hierzulande traditionell eher vernachlässigt wird. Vielleicht verhilft ein Film zu einem Umdenken bei den Produzenten - auch wenn Paradise sich nicht im Kino bewähren muss. Womöglich ist das Streaming auch die Zukunft des deutschen Genre-Films, wie gerade Netflix mit seinen Eigenproduktionen (Blood Red Sky oder Blood & Gold) in jüngster Zeit gezeigt hat.



