Sci-Fi-Buchtipps: Genug Dystopien!

Es müssen nicht immer Alien-Invasionen, Roboteraufstände oder Zombieapokalypsen sein: Statt dystopischer Geschichten bietet die Science-Fiction heute zahlreiche Alternativen, die Hoffnung machen, dass die Katastrophen, vor denen wir uns fürchten, nicht unausweichlich sind. Wir stellen das Genre vor und empfehlen Geschichten, die davon erzählen, wie die Menschheit im Himmel wie auf Erden eine bessere Zukunft erschaffen kann.
Prototypisch für diese Art der Science-Fiction ist die Serie Star Trek. Auch die Politikwissenschaftlerin Isabell Hermann wurde durch sie geprägt. Wenn sie nach der Schule Star Trek: The Next Generation schaute, beeindruckten sie nicht so sehr der Warp Drive oder das Beamen, sondern das konsequente Eintreten von Kapitän Jean-Luc Picard für humanistische Werte, die postkapitalistische Gesellschaft und die neuen Arten des Zusammenlebens, denen die Crew der U.S.S. Enterprise immer wieder begegnet. Heute beschäftigt sie sich daher vorrangig mit Science-Fiction.
Die technischen und sozialen Innovationen früherer Science-Fiction werden in neueren Sci-Fi-Strömungen wie Solarpunk(öffnet im neuen Fenster) , Climate Fiction(öffnet im neuen Fenster) , Queer Science Fiction(öffnet im neuen Fenster) und Hope Punk(öffnet im neuen Fenster) zusammengedacht. Und Visionen wie diese, sagt Hermann, stellten zentrale Fragen für das Verständnis unserer technisierten Gegenwart.
Sie gäben vor, "was vorstellbar ist" , und beeinflussten dadurch, welche Zukunft wir für realistisch oder wünschenswert hielten – etwa die Welt als Ort des offenen Austausches, des Respekts unserer Unterschiede und der Anerkennung verschiedener Werte.
Was ist so schön, dass wir es nicht verlieren wollen?
So erstreckt sich der Einfluss von Science-Fiction weit über die Literatur und Unterhaltung hinaus. Stadtplanerin Carolin Pätsch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen in Berlin sagt, das Genre helfe ihr, die Leitbilder zukünftiger Städte(öffnet im neuen Fenster) zu kommunizieren – weil die Darstellung von nachhaltigen, gesunden und fairen Metropolen, wie wir sie auf Star Treks Sol III sehen, es uns leichter machten, uns diese Orte vorzustellen.
Science-Fiction helfe außerdem, die Gegenwart besser zu verstehen, sagt Charlotte Krafft, Mitglied der Berliner Literaturgruppe Rich Kids of Literature(öffnet im neuen Fenster) . Die fiktive Zukunft einer Sci-Fi-Welt mache es leichter, über unsere heutige Welt nachzudenken: über die Missstände, die Entwicklungsmöglichkeiten und das, was zu schön sei, um es aufzugeben.
Kinder müssen utopisches Denken lernen
Doch diese Fähigkeit müsse geübt werden, sagt die Professorin Fátima Vieira(öffnet im neuen Fenster) . Die Utopieforscherin an der Universität Porto fordert daher eine "Institutionalisierung der Utopie" . Kinder müssten das utopische Denken schon in der Schule üben, um zu lernen, prospektiv zu denken und alternative Lösungen für gegenwärtige Probleme zu entwickeln.
Viera sieht die Schule als Widerstandsnest gegen das, was wir ständig in den Nachrichten sehen: den globalen Trend zu mehr autoritären Regimen(öffnet im neuen Fenster) , die Zunahme bewaffneter Konflikte(öffnet im neuen Fenster) weltweit, mögliche Bedrohungen durch künstliche Intelligenz(öffnet im neuen Fenster) und ein aus dem Gleichgewicht geratenes Klima(öffnet im neuen Fenster) , das zu immer mehr Naturkatastrophen(öffnet im neuen Fenster) führt.
Die folgenden Werke inspirieren dazu, Technik wie KI statt als Bedrohung als Ausgangspunkt für alternative Formen des Zusammenlebens zu sehen, mit Empathie, sozialer Verantwortung und Diversität. Manche blicken kritisch auf die Gegenwart, andere visionär in die Zukunft – und wieder andere sollen einfach gute Geschichten sein, die uns eine Zeit lang unterhalten und mal etwas anderes als die immer gleichen Dystopien bieten.
Dementsprechend gemischt sind die Titel, die wir im Folgenden empfehlen. Der große Gegensatz zwischen ihnen sind die unterschiedlichen Stile und Ansätze der 1970er und 2020er Jahre, aus denen bis auf drei alle Tipps stammen. Manchen mag der geerdete, sozialwissenschaftliche Blick der Klassiker gefallen, anderen die quirlige Gegenwart.
Sehr verschiedene Sci-Fi-Romane, die Hoffnung machen
Fangen wir an mit einigen Klassikern.
Ursula K. Le Guin: Freie Geister (1974)
Eine Kolonie Auswanderer lebt auf dem Planeten Anarres in einer egalitären, anarchistischen Gesellschaft: Beinahe jegliche Arbeit erfüllt einen sozialen Zweck, Besitztum gibt es nicht, und Geld wurde durch gegenseitige Hilfe ersetzt. Doch der Physiker Shevek will seine Forschung verfolgen und reist dazu als erster Bewohner von Anarres zurück auf den ehemaligen Heimatplaneten.
Durch Sheveks Erfahrungen und seinen persönlichen Konflikt lässt uns Ursula K. Le Guin in Freie Geister(öffnet im neuen Fenster) meisterhaft Licht und Schatten beider Gesellschaften entdecken. Denn selbst auf Anarres gibt es Gier, Sexismus und Machtstrukturen. Doch Le Guin erzählt, was sein könnte, ohne zu verurteilen oder uns vorzuschreiben, welche Zukunft wir uns wünschen sollten.
Ernest Callenbach: Ökotopia (1975)
20 Jahre, nachdem Kalifornien, Oregon und Washington aus den USA ausgetreten sind, reist Reporter Will Weston als erster offizieller US-Besucher in deren unabhängiges Ökotopia. Er ist von der nachhaltigen Gesellschaft wechselweise beeindruckt und beunruhigt – bis er eine Frau trifft, die ihn letztendlich zu einer Entscheidung zwischen zwei Welten bringt.
Schon vor 50 Jahren beschrieb Ernest Callenbach mit Ökotopia(öffnet im neuen Fenster) eine Gesellschaft, die auf Basisdemokratie, erneuerbaren Energien und Umweltschutz beruht. Im Roman ist sie so imperfekt wie ambitioniert, und gerade das macht sie so besonders.
Denn es geht um eine alternative Gesellschaft, für die ihre Bewohner immer noch kämpfen müssen – was uns einlädt, zu fragen: Wofür würden wir kämpfen?
Tanith Lee: Biting the Sun (1976)
In der Stadt Four BEE leben die Jang in einer Gesellschaft ohne Grenzen: Sie können nach Belieben das Geschlecht wechseln. Der Tod ist ein temporäres Abenteuer mit anschließender Wiedergeburt in einem neuem Körper und jede erdenkliche Lust ist erlaubt. Doch gerade diese grenzenlose Freiheit wird zur Falle für eine junge Rebellin, die anderswo nach Erfüllung sucht.
So zeigt Tanith Lee uns in Biting the Sun(öffnet im neuen Fenster) eine Zukunft, die fragt, ob Glücklichsein aus mehr besteht als Genuss – und ob es manchmal die Grenzen sein könnten, die unserem Leben Sinn verleihen. Die Rebellion der Protagonistin führt sie jedenfalls ans Ende ihrer Welt – auf der Suche nach einem Leben mit Verantwortung und Konsequenzen, ohne die es vielleicht keine Utopie geben kann.
Angela und Karlheinz Steinmüller: Andymon (1982)
In dem Meisterwerk der DDR-Science-Fiction, Andymon(öffnet im neuen Fenster) , kennen die Menschen vorerst keine andere Heimat als das Raumschiff. Sie werden im All geboren und von Robotern betreut und erzogen, bis sie ihr neues Zuhause erreichen: den Planeten Andymon. Dieser muss erst durch Terraforming bewohnbar gemacht werden. Doch eine neue Gesellschaft zu erschaffen, erweist sich als noch schwieriger.
Während manche Gruppen eine Demokratie aufbauen wollen, versuchen andere, ein autoritäres System zu erschaffen. Wieder andere suchen auf einem Mond Zuflucht.
Angela und Karlheinz Steinmüller stellen in Frage, ob Utopie ohne Einigkeit möglich sei – oder ob eine bessere Welt doch vielfältige Träume brauche. Am Ende (Spoiler!) bleibt Hoffnung auf neue Reisen – wenn auch in unterschiedliche Zukünfte.
Marge Piercy: Woman on the Edge of Time (1976)
Connie Ramos lebt in Woman on the Edge of Time(öffnet im neuen Fenster) am Rande einer Gesellschaft, die alles andere ist als eine Utopie: Als Chicana in den 1970er Jahren in New York hat sie Kind und Mann verloren und wird in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort kontaktiert Luciente sie telepathisch aus dem Jahr 2137 – und zeigt ihr seine Welt, die Rassismus, Geschlechterungleichheit und Umweltzerstörung überwunden hat.
Doch auch die Bewohner dieser möglichen Zukunft stehen vor Herausforderungen. Außerdem haben sie Connie kontaktiert, weil ihre Entscheidungen beeinflussen könnten, ob die Welt, die sie zu lieben lernt, je so existieren wird. Marge Piercy betont in ihrer Geschichte die Macht jedes Einzelnen und regt an, nicht den Wunsch aufzugeben, unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen.
Sci-Fi von heute, die optimistisch in die Zukunft blickt
Auch in der zeitgenössischen Science-Fiction-Literatur gibt es empfehlenswerte nicht-dystopische Romane.
Charlie Jane Anders: Alle Vögel unter dem Himmel (2017)
Inmitten einer Welt kurz vor dem Kollaps treffen sich Patricia und Laurence in Alle Vögel unter dem Himmel(öffnet im neuen Fenster) wieder – Kindheitsfreunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Patricia ist eine Hexe, die mit Vögeln spricht, Laurence ein technisches Genie, das Wurmlochgeneratoren baut. Während Superstürme und Erdbeben die Erde zerreißen, vertreten beide gegensätzliche Ansichten, wie die Welt zu retten sei.
Doch genau diese vermeintlichen Gegensätze – Magie und Technologie, Naturverbundenheit und Wissenschaft – könnten gemeinsam die Lösung darstellen. Denn Rettung muss nicht aus einer einzigen Quelle kommen, wenn sie stattdessen aus scheinbar unvereinbaren Welten sprießen kann. Das alles behandelt Anders warmherzig und optimistisch, obwohl die Welt am Abgrund steht.
Becky Chambers: Ein Psalm für die wild Schweifenden (2021)
Auf dem Mond Panga haben die Menschen die Klimakrise überwunden und leben im Einklang mit ihrer Umwelt. Dex zieht als Teemönch mit Fahrrad und Wohnanhänger durch die Lande und bietet therapeutische Gespräche an.
Doch dann tritt nach Jahrhunderten der Abwesenheit ein Roboter aus dem Wald – und stellt Dex eine vermeintlich simple Frage: " Was brauchen die Menschen? "
Diese Begegnung wird zum Ausgangspunkt einer Reise und einer ungewöhnlichen Freundschaft, mit der Chambers der heutigen Untergangsstimmung bewusst eine hoffnungsvolle Vision entgegenstellt. Ein Psalm für die wild Schweifenden(öffnet im neuen Fenster) fragt nicht, ob wir die Zukunft überleben, sondern was wir brauchen, um in ihr zu gedeihen. Es ist Hope Punk vom Feinsten!
Theresa Hannig: Pantopia
Patricia Jung und Henry Shevek wollten eigentlich nur ein Programm schreiben, das sich gut an der Börse macht. Doch durch einen Fehler im Code entsteht die erste starke künstliche Intelligenz – und die beiden können plötzlich das Schicksal der Welt lenken. Also gründen sie kurzerhand die Weltrepublik Pantopia(öffnet im neuen Fenster) , in der sie alle Welt willkommen heißen wollen.
Dadurch wird KI statt einer Katastrophe zu einem Symbol dafür, wie wir eine bessere Welt gestalten könnten. Denn weder die Superintelligenz noch deren Entwickler sind böse. So umschifft Hannig die Trope, dass KI einen gewaltsamen Umbruch einläute. Stattdessen lädt die Autorin ein, zu überlegen, wie ein Weg in eine schönere Zukunft aussehen könnte.
Aiki Mira: Proxi – Eine Endzeit-Utopie (2024)
Als ein Virusangriff die virtuelle Realität Proxi zerstört, verlieren alle Menschen, die dort weilten, Teile ihres Lebens und ihrer Identität für immer. Aber die Transfrau Monae, die E-Sportlerin Kawi und die biologisch verkörperte KI Dion wollen ihre verlorene Welt zurück. Also machen sie sich gemeinsame auf die Suche nach der versteckten Sicherheitskopie von Proxi.
Ihr Roadtrip durch eine von Klimakrise und Biohacking veränderte Landschaft wird zur Reise des Vertrauens, denn, ob sie wollen oder nicht, sind sie aufeinander angewiesen. Der Roman Proxi – eine Endzeit-Utopie (öffnet im neuen Fenster) gewann 2024 den Kurd-Laßwitz-Preis als bestes deutschsprachiges Science-Fiction-Buch.
Darin entsteht Hoffnung durch und nicht trotz einer Katastrophe. Und es ist eine eigene, neue, moderne Stimme, die eine Welt für alle schaffen will.
In welcher Welt würdet ihr gerne leben?
Die Liste unserer Leseempfehlungen ist nur eine Auswahl. Neben Piercy hätten wir weitere Autoren unser KI-Buchempfehlungen aufnehmen können, etwa Robert A. Heinleins 2086: Sturz in die Zukunft(öffnet im neuen Fenster) oder nochmal Greg Egans Diaspora(öffnet im neuen Fenster) . Oder Autoren, die schon dort fehlten: H.G. Wells, Peter F. Hamilton und natürlich Iain Banks.
In welcher Utopie würdet ihr am liebsten leben? In Banks' Kultur? In Callenbachs Ökotopia? In Charlotte Perkins Gilmans Herland(öffnet im neuen Fenster) oder der Blayzing World(öffnet im neuen Fenster) von Margaret Cavendish? Welche Zukunft möchtet ihr euch vorstellen? Welche Romane haben euch dabei geholfen?