Sci-Fi-Buchtipps: Ein Denkanreiz ist noch lange kein Handbuch

Die Science-Fiction-Literatur erlebt einen Boom – und Tech-Milliardäre versuchen fleißig nachzubauen, was sie als Jugendliche in ihren Lieblingsbüchern gelesen haben. Das ist gefährlich – und geht am Ziel der Sci-Fi vorbei. Wir stellen tolle Romane vor – vom Klassiker bis zu neuen Hits -, die uns zwar inspirieren können, aber keine Blaupause für die Zukunft sind.
Gerade das Thema KI zeigt, wie maßgeblich Science-Fiction beeinflusst, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Denn bis ChatGPT waren fiktionale künstliche Intelligenzen wie HAL9000, Skynet, Cortana oder Samantha aus dem Film Her (2013) für die meisten Menschen wohl die einzigen Berührungspunkte mit dieser Technologie. Wegen der Darstellungen fiktionaler KI, heißt es in einem Bericht eines Sonderkomitees des britischen House of Lords (PDF)(öffnet im neuen Fenster) , sei den Laien verziehen, wenn sie sich unter KI ein mörderisches, weltumspannendes Computersystem vorstellten.
Tatsächlich sei die technologische Entwicklung aber "Lichtjahre entfernt" von der komplexen und alltäglichen Realität. Vielleicht ist echte KI noch nicht so weit wie in den Blockbustern, vielleicht wird sie es nie sein. Von tiefgründiger Science-Fiction über KI können wir dennoch viel lernen. Denn auch, wenn sich darin keine Anleitung für die Zukunft versteckt, zeigt das Genre, wie Wissenschaft und Technik womöglich voranschreiten – und bewertet dabei, was das für unsere Gesellschaft bedeuten könnte und sollte(öffnet im neuen Fenster) .
Die Zukunft macht Umsatz
Gerade angesichts der Geschwindigkeit der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung gewinne das Genre an Bedeutung, erklärt die Politikwissenschaftlerin Isabella Hermann(öffnet im neuen Fenster) . Das zeigt sich in den Verkaufszahlen: So stieg etwa in Großbritannien der Umsatz mit Science-Fiction- und Fantasy-Büchern(öffnet im neuen Fenster) von 2023 auf 2024 um über 40 Prozent und macht mehr als 10 Prozent des Umsatzes der dort verkauften Belletristik aus.
Das freut die Branche – und verängstigt manche Autoren. Der vielfache Locus- und Hugo-Award-Gewinner Charles Stross(öffnet im neuen Fenster) warnt, dass Tech-Milliardäre versuchen würden, fiktionale Erfindungen aus den Lieblingsbüchern ihrer Jugend nachzubauen(öffnet im neuen Fenster) . Denn sie könnten Geschichten, die der Unterhaltung dienen, nicht von Zukunftsvorhersagen unterscheiden.
Sci-Fi ist durchsetzt von gefährlichen Annahmen und Ideen
So arbeiten Elon Musk und Co. weiter an Projekten wie einer Kolonie auf dem Mars, anstatt den Planeten, den wir haben, zu schützen. Die Idee dafür kommt aus der Science-Fiction – insbesondere aus fiktionalen Existenzängsten, die in erster Linie für spannende Handlungen sorgen sollen. Doch Science-Fiction sei ein zutiefst ideologisches Genre, sagt Stross. Auch die Großwerke des vergangenen Jahrhunderts seien durchsetzt von gefährlichen Annahmen und Ideen.
Zum Beispiel, dass es das Schicksal der Menschheit sei, sich in den Weltraum auszudehnen(öffnet im neuen Fenster) – eine Vorstellung, bei der unser Sonnensystem gerne auch mal "Lebensraum" heißt. Doch in den Bestrebungen der Milliardäre vermische sich Fiktion mit Realität, sagt auch Alexandra Ganser(öffnet im neuen Fenster) , Professorin für Amerikanistik an der Universität Wien. Mit den Marskolonien etwa würden die kolonialistischen Expansionsträume vieler Science-Fiction-Gesellschaften in die Tat umgesetzt.
Tech-Milliardäre verwirklichen Sci-Fi
Denn statt Geschichten über menschlichen Stolz und Übermut als Mahnung zu begreifen, würden Tech-Milliardäre sie als Wegweiser verwenden, um sich ihre bevorzugte Zukunft zu bauen, sagt Stross. Ob es Marskolonien, Terraforming, Kryotechnik, Langlebigkeitsforschung oder Inselfestungen sind, um den Klimawandel zu überstehen: Es geht darum, Science-Fiction-Ideen real zu machen, aber ungeachtet ihrer möglichen Konsequenzen.
Ein Internetmeme(öffnet im neuen Fenster) beschreibt das Problem am besten: Erst erzählt eine Science-Fiction-Autorin, sie habe die fiktionale Technologie Torment Nexus als Lehrgeschichte erschaffen. Alsbald erklärt eine Tech-Firma stolz: "Wir haben endlich den Torment Nexus gebaut, aus dem berühmten Science-Fiction-Roman Baut Niemals den Torment Nexus!" Das zeigt: Wer Science-Fiction als Anleitung sieht, hat deren Sinn aus den Augen verloren.
Der eigentliche Sinn von Sci-Fi
Der Zweck von Science-Fiction ist nämlich nicht, die Zukunft vorherzusagen. Die dafür nötige wissenschaftliche und technologische Genauigkeit von dem Genre zu verlangen, würde sowieso nur die kreative Freiheit einschränken, sagt Isabel Hermann(öffnet im neuen Fenster) . Darüberhinaus würde es Autorinnen die Verantwortung für Technikfolgenabschätzung, Wissenschaftspolitik und -kommunikation geben, die eigentlich bei Forscherinnen und Politikerinnen liegt.
Dementsprechend, sagt Hermann, seien die aktuell wichtigsten Fragen in Sachen KI auch ganz andere als die, um die es meistens in Science-Fiction-Geschichten geht. Hermann findet zum Beispiel weltzerstörende Bots und die Rechte vernunftbegabter Computerprogramme weit weniger dringend, als mit den Folgen umzugehen, die viel einfachere KI-Systeme schon heute auf unsere Gesellschaft haben.
Raum, uns die Zukunft vorzustellen
Aber sich denen zu widmen, ist nicht zwingend die Aufgabe von Science-Fiction. Denn deren Geschichten sollen uns zuallererst unterhalten; sie sollen Denkanreize geben und können auf gesellschaftliche Spannungen hinweisen. Und Science-Fiction kann die Träume und Ängste ausdrücken, die sich aus der Lage unserer Welt ergeben. So bietet das Genre uns unendliche Zukunftsvisionen, die uns zwar inspirieren mögen, nicht aber dazu da sind, die Zukunft zu orakeln.
Das gilt auch für unsere Buchempfehlungen, zu denen wir jetzt kommen.
Sci-Fi-Klassiker: Buchempfehlungen von Golem
Die fiktionale KI unserer Empfehlungen sind zwar besonders gründlich und kreativ durchdacht, aber trotzdem immer eine Art KI, mit der sich vor allem gut Geschichten erzählen lassen. Nur gelegentlich ist das, was sie ausmacht, die Tatsache, wie gut die Autorin vorhergesehen hat, wie sich KI heute tatsächlich entwickelt.
Öfter empfehlen wir eine Geschichte wegen dem, was das Drama um ihre fiktionale KI über uns Menschen oder unsere Gesellschaften aussagt. Durch solche Handlungen, sagt Hermann, können wir ausnahmsweise von außen betrachten, wie wir Menschen uns verhalten und mit welchen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen wir leben.
Als Erstes empfehlen wir drei Sci-Fi-Klassiker, die etwa zwischen 1950 und 1980 geschrieben wurden. Wir geben, sofern möglich, jeweils das Jahr der deutschen Ersterscheinung an. Außerdem haben wir mit unseren Berliner Nachbarn, den Expertinnen aus der Otherland Buchhandlung(öffnet im neuen Fenster) gesprochen.
Stanislaw Lem: Der Unbesiegbare und Also sprach Golem
Die Geschichten Der Unbesiegbare(öffnet im neuen Fenster) (1964) und Also sprach Golem(öffnet im neuen Fenster) (1986) des polnischen Großmeisters Stanislaw Lem sind herausragende Reflexionen darüber, was das menschliche Denken und Wahrnehmen ausmacht. In Der Unbesiegbare hinterfragt Lem durch eine Schwarmintelligenz aus kleinen metallischen Partikeln unser stolzes Bild davon, für wie klug wir Menschen uns halten.
In Also sprach Golem präsentiert Lem eine fiktionale Vorlesungsreihe über den superintelligenten Computer Golem XIV. Dieser hat den menschlichen Verstand so weit überflügelt, dass es für ihn unmöglich wird, sich sinnvoll mit uns zu unterhalten. Damit sind beide Geschichten wissenschaftlich seriöse, zutiefst durchdachte Fabeln über die Grenzen der Menschheit – zwei absolute Klassiker, die beide nicht als Zukunftsvorhersage gedacht sind.
Arthur C. Clarke: 2001: Odyssee im Weltraum
In Sachen Bekanntheit ist 2001: Odyssee im Weltraum(öffnet im neuen Fenster) wohl der Klassiker unter Klassikern. Der Roman von Arthur C. Clarke – zeitgleich und in gegenseitiger Inspiration mit dem gleichnamigen Film entstanden – fasziniert uns vor allem durch den künstlich intelligenten Computer HAL 9000. Der wirft wie kaum eine Figur vor ihm die Frage auf, was es bedeuten könnte, von einer übermenschlichen Intelligenz kontrolliert zu werden, die grundsätzlich andere Werte hat als wir.
Allegorisch gehe es dabei nicht nur um KI, sagt Hermann, sondern um jede Art übergeordnetes System, dem wir uns als Individuen nicht mehr entziehen können – zum Beispiel einer Diktatur. Wer den Film auswendig kennt und es nicht weiß, wird sich außerdem freuen: Die Handlung im Buch schlägt eine andere Richtung ein!
Frederick Pohl: Gateway
In einer Nebenhandlung im ersten Band seiner Heechee-Saga mit dem Titel Gateway(öffnet im neuen Fenster) von 1978 spielt Frederick Pohl mit dem Gedanken eines KI-Therapeuten. Die Begegnungen zwischen dem Protagonisten und der KI, Siegfried von Shrink, sind urkomisch und zuverlässig zum Haareraufen. Auch hier geht es weniger um KI an sich als um den menschlichen Wahn, Probleme durch Technologie zu lösen .
Spannenderweise ist Pohls fiktionale KI nicht vernunftbegabt, sondern rein algorithmisch – ähnlich wie Joseph Weizenbaums echter Psychoanalyse-Simulator Eliza(öffnet im neuen Fenster) . Gateway gewann seinerzeit sämtliche großen Preise des Genres und bietet bis heute viele spannende Gedanken über die Beziehungen, die Menschen mit KI haben könnten.
Weiter geht es mit modernen Erzählungen über KI, die circa von 1980 bis 2015 geschrieben wurden.
Moderne Sci-Fi: abgedrehte Romane (und Alternativen)
Unser erster Tipp ist eine Variation unserer eigenen namensgebenden Geschichte über den Prager Golem.
Marge Piercy: Er, Sie und Es
In einer post-apokalyptischen Welt, die von 23 Weltkonzernen beherrscht wird(öffnet im neuen Fenster) , arbeitet die Technikerin Shira an einem geheimen Cyborg namens Jod, der die freie Stadt Tikva beschützen soll. Parallel erzählt ihre Großmutter Malkah dem Cyborg die Geschichte des Golems von Prag – denn beide künstliche Wesen wurden geschaffen, um ihre Gemeinden zu verteidigen.
Als Jod Gefühle und Gewissen entwickelt, stellt Piercy gekonnt die Frage, ob er eine Maschine oder ein Bürger ist. Ihr Buch zeigt, wie die Grenzen zwischen Menschen und Maschine verschwimmen können: Denn obwohl Menschen maschinelle Teile in sich tragen, wird nur der von Grund auf künstliche Jod als bedrohlich empfunden. Es geht via KI also um unsere Bereitschaft, Anderssein zu akzeptieren – eine Allegorie auf Ausgrenzung und die Angst vor dem Fremden.
John Varley: Stahl-Paradies
Die zentrale künstliche Intelligenz des Romans Stahl-Paradies(öffnet im neuen Fenster) von John Varley (1992) ist selbst eine komplexe Persönlichkeit, die eine post-apokalyptische Gesellschaft auf dem Mond betreut. Dieser zentrale Computer hat die Aufgabe, auf das Wohl jeder Person in dieser Dinosaurierfleisch-farmenden Welt zu achten und kommt dadurch immer mehr in Konflikt mit sich selbst.
Inmitten der absurden Körpertausch-Krimihandlung finden sich verschiedene Themen, die wir aus den aktuellen Debatten über KI-Alignment und maschinelle Ethik kennen. Wem das Buch zu abgedreht ist, könnte sich stattdessen Revolte auf Luna(öffnet im neuen Fenster) (1974) von Robert A. Heinlein vornehmen – ein wesentlich bodenständigerer Roman über einen anderen Supercomputer auf dem Mond, der, während er eine Revolution anführt, unter anderem versucht, den Humor zu ergründen.
David Marusek: The Wedding Album
Das sei seiner Meinung nach die beste KI-Story ever(öffnet im neuen Fenster) , sagt Wolfgang "Wolf" Treß, Co-Besitzer des Otherland. Denn Marusek leuchte darin alle Facetten davon aus, was KI wirklich bedeute oder bedeuten könne. Die Geschichte aus dem Jahr 2000 handelt von Anne und Ben, einem Hochzeitspaar, das als digitale Simulation in einer winzigen Zeitscheibe seiner Erinnerungen gefangen ist. Die beiden sind computergenerierte Nachbildungen eines echten Brautpaars, die dazu verdammt sind, immer wieder zu entdecken, zu vergessen und neu zu entdecken, dass sie nur virtuelle Kopien sind.
Während die Jahrhunderte vergehen, müssen sie zusehen, wie ihre lebenden Vorbilder, deren Ehe und schließlich die ganze Zivilisation zerfallen. Marusek nutzt die KI-Simulation dabei nicht als technische Spielerei, sondern als Prisma für die Vergänglichkeit der Liebe. So meisterhaft die Technologie gedacht ist, geht es durch sie vor allem um die Frage, ob wir Gefühle bewahren können. Das Leiden der Kopien unter der Erkenntnis ihrer eigenen Künstlichkeit bietet obendrein noch packendes Paradox des Bewusstseins, das in einer Endlosschleife gefangen bleibt.
Greg Egan: Diaspora
In dem mathematisch anspruchsvollen Roman Diaspora(öffnet im neuen Fenster) von Greg Egan (2000) existiert die Menschheit als digitale Bewusstseinsform in virtuellen Realitäten, während biologische Menschen zur seltenen Minderheit geworden sind. Egan spielt damit die möglichen Konsequenzen einer fernen, vollständig post-humanen KI-Zivilisation durch.
Die Geschichte stellt damit spannend infrage, was Identität und Bewusstsein überhaupt bedeuten, wenn sie beliebig verkörpert, verändert oder übertragen werden können. Das Ergebnis ist gleichermaßen utopisch und entfremdend – und regt immer wieder das Denken an. Ähnliche Themen in einem etwas zugänglicheren Setting gibt es in Egans Permutation City(öffnet im neuen Fenster) (1995).
Charles Stross: Accelerando
In Accelerando(öffnet im neuen Fenster) von Charles Stross (2006) folgen drei Handlungsstränge drei Generationen einer Familie, die vor, während und nach einer technologischen Singularität leben. Stross malt sich aus, wie Menschen zunächst mit KI kooperieren, dann mit ihr verschmelzen und schließlich von ihr überholt werden könnten.
Das zentrale Thema ist wieder weniger die KI als die Frage, was ihre Existenz für die Entwicklung der Menschheit bedeuten könnte. Zum Beispiel erlebt jede Generation der Familie Veränderungen, die für die vorherige noch unvorstellbar waren. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen sind ideenreich dargestellt. Philosophisch gesehen, stellt Stross damit auch die Frage, ob wir, wenn wir uns ständig entwickeln wollen, womöglich irgendwann aufhören müssen, menschlich zu sein.
Zuletzt kommen wir zu Geschichten, die in der Zeit von KI geschrieben wurden, also ungefähr ab dem Sieg von Alpha Go gegen Lee Sedol 2016 .
KI-Sci-Fi zu Zeiten von KI
Unsere erste Empfehlung in dieser Kategorie erschien sogar schon ein Jahr vor dem spektakulären Sieg.
Luisa Hall: Speak
Die Geschichte Speak(öffnet im neuen Fenster) von Lisa Hall (2015; noch keine Übersetzung ins Deutsche erhältlich) verwebt fünf Erzählstränge aus verschiedenen Epochen, in denen es jeweils um Kommunikation und Isolation geht – von einem Auswanderer im 17. Jahrhundert bis zu einer Informatikerin in der nahen Zukunft, die sprechende Puppen programmiert. Die sogenannten Babybots werden schließlich verboten, nachdem Kinder emotionale Bindungen zu ihnen entwickelt und sich daraufhin von menschlichen Beziehungen abgewandt haben.
Durch KI und die Babybots erforscht Hall im chronologisch letzten Abschnitt des Buches vor allem die verzweifelte Sehnsucht ihrer Figuren nach Verständnis. Dadurch, wie sie die Handlungen verwebt, fragt Hall auch, ob unsere modernen Kommunikationsprobleme tatsächlich neu sind oder wir heute alte menschliche Dilemmata in digitaler Form wiederholen. Ein weicherer, charaktergetriebener Ansatz und nicht nur deswegen absolut lesenswert.
Ted Chiang: Der Lebenszyklus von Software-Objekten
Die preisgekrönte Novelle Der Lebenszyklus von Software-Objekten(öffnet im neuen Fenster) von Ted Chiang (2020) handelt von Ana und Derek, den Entwicklern von digitalen Haustieren namens Digients – KI-Wesen, die wie Kinder lernen. Was als niedliches Spielzeug beginnt, wird im Laufe von Chiangs Geschichte zu einer jahrzehntelangen Verpflichtung – denn, wie sich herausstellt, können Digients erwachsen werden, wobei sie komplexe emotionale Bedürfnisse entwickeln.
Vordergründig geht es darum, was wir bereit wären zu opfern, wenn KI tatsächlich Gefühle hätte und Fürsorge bräuchte. Hintergründig fragt Chiang aber auch, welche Verantwortung wir in einer immer flüchtigeren Gesellschaft gegenüber anderen Menschen haben. Die Geschichte bietet einen schönen Einstieg in Chiangs Oeuvre, zu dem außerdem Story of Your Life (1998) gehört, die Inspiration für den Film Arrival (2016).
Nils Westerboer: Athos 2643
Der Gewinner des Deutschen Science-Fiction-Preises 2023(öffnet im neuen Fenster) spielt in einer Welt nach der Singularität, in der KIs längst die eigentlichen Machthaber sind, aber von Menschen gedrosselt werden, damit diese noch ein Gefühl von Freiheit haben. Zu Anfang des Buches untersucht der Protagonist Rüd Kartheiser auf dem Neptunmond Athos einen Mordfall, bei dem die KI eines Klosters verdächtigt wird.
Durch sie und Kartheisers KI-Assistentin Zack – schön, intelligent und durch Sicherheitsbeschränkungen absolut gehorsam – konfrontiert uns Westerboer mit vielen gesellschaftlichen Herausforderungen. Vorerst scheint die Menschheit hier die Kontrolle zu haben, doch als der Protagonist erkennt, dass er Zacks Beschränkungen aufheben muss, um zu überleben, wird diese Selbstsicherheit endgültig infrage gestellt. Es geht um Alignment, Bewusstsein, Gerechtigkeit und Selbsttäuschung – also um alle Zutaten eines modernen KI-Klassikers.
Ai Jiang: I am AI
In I am AI(öffnet im neuen Fenster) von Ai Jiang (2023) geht es um Ai, eine Schriftstellerin in einer kapitalistischen Dystopie, die gegen KI-generierte Inhalte um ihren Lebensunterhalt kämpft. Um produktiver zu werden, ersetzt Ai nach und nach ihre Körperteile, um doch noch irgendwie mit dem Computer mithalten zu können.
In der Ära KI-geschriebener Artikel(öffnet im neuen Fenster) könnte Ais Geschichte nicht treffender sein – selbst wenn es vielleicht nie derart kybernetische Prothesen geben wird. Dafür spricht die Novella ungewohnt deutlich den wirtschaftlichen Druck an, den KI aufbaut, und zeigt, wie dieser vielen Menschen die Lebensgrundlage rauben kann. Es ist eine andere Art zu fragen: Wie weit würden wir gehen, um uns neben KI einen Platz in der Welt zu sichern – wie weit werden manche womöglich gehen müssen?
Was lest ihr?
Diese Liste ist natürlich nur eine persönliche Auswahl. Wir haben Geschichten ausgewählt, die uns auf ihre eigene Art über lauter unterschiedliche Themen zu denken geben. Aber es gibt zahlreiche andere weitsichtige, inspirierende oder einflussreiche Science-Fiction-Romane über KI.
Viele von euch werden Asimovs Ich, der Roboter(öffnet im neuen Fenster) (1952) vermissen. Oder Becky Chambers erfolgreichen und kuscheligen Roman Der Lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten(öffnet im neuen Fenster) (2016). Oder Martha Wells' und Ann Leckie's Kassenschlager Tagebuch eines Killerroboters(öffnet im neuen Fenster) (2019) und Die Maschinen(öffnet im neuen Fenster) (2015). Oder Neal Stephenson's Cyberpunk-Klassiker Die Grenzwelt(öffnet im neuen Fenster) (1996) oder euren Liebling aus Ian Banks(öffnet im neuen Fenster) Kultur-Serie mit seiner Föderation aus Menschen, Außerirdischen und KIs, welche ihre gemeinsame intergalaktische Zivilisation steuern.
Das Schöne ist: Es gibt sie! Teilt eure Vorschläge und Lieblingsbücher gerne in den Kommentaren und erzählt uns, was sie so besonders macht.



