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Autor Karlheinz Steinmüller: Warum Science-Fiction Hoffnung braucht

Eine der letzten Ikonen der DDR-Sci-Fi spricht im Interview über Selbstzensur, Autokraten und die Frage, wie wir gemeinsam eine gute Zukunft schaffen.
/ Tim Reinboth
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Karlheinz Steinmüller auf der Penta-Con (Bild: Mike Krüger via Wikimedia Commons)
Karlheinz Steinmüller auf der Penta-Con Bild: Mike Krüger via Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0

Im Jahr 1989, kurz vor dem Mauerfall, erkoren ostdeutsche Leserinnen und Leser Angela und Karlheinz Steinmüllers Roman Andymon: Eine Weltraum-Utopie zur beliebtesten Erzählung der DDR-Science-Fiction. Dreißig Jahre später wählte eine Jury bei Tor-Online(öffnet im neuen Fenster) die Geschichte zu einem der 100 besten Sci-Fi-Bücher aller Zeiten: eine von nur sechs Geschichten deutscher Autoren.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Stimmen der DDR-Science-Fiction publizierten Steinmüllers nach der Wende weiter. Sie gewannen mehrere Preise, unter anderem einen Deutschen Fantasy Preis(öffnet im neuen Fenster) für die Verbreitung der fantastischen Literatur in zwei verschiedenen Gesellschaftssystemen sowie ihre Zukunftsperspektiven.

Angela und Karlheinz Steinmüller sind die lebenden Ikonen der DDR-Sci-Fi, ihre Erzählungen die herausragende Darstellung der menschlichen Entwicklung im Kosmos. In unserem Gespräch erzählt Karlheinz Steinmüller über Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Was wir aus der wissenschaftlichen Fantastik lernen können. Und warum er um jeden Preis an einem positiven Menschenbild festhalten möchte.

Golem: In Ihrem Buch Vorgriff auf das Lichte Morgen schreiben Sie an einer Stelle, dass Zukunft wieder groß in Mode sei und dass es sich daher besonders lohnen würde, auf eine ähnliche Epoche in der DDR-Geschichte zurückzuschauen. Was meinten Sie damit?

Karlheinz Steinmüller: Es gibt ja verschiedene Epochen in der DDR-Geschichte. Und die Zukunftsorientierung war immer unterschiedlich stark. Aber die 50er Jahre wurden von vielen Anhängern des Systems als Aufbruchsjahre begriffen. Es wurden große Zukunftsvisionen entwickelt. Oft rein technologische, weil die Staatsführung sich gehütet hat, zu konkrete Aussagen zu machen. Außer, dass bis zum Jahr 2000 der Sieg des Sozialismus zu erwarten sei.

Golem: Das war wirklich so definiert?

Steinmüller: Das war das Besondere: dass es tatsächlich ein klares Zukunftsbild gab, an dem sich die Autoren orientiert haben. Ein guter Bekannter und einer der besten Kenner der deutschen Science-Fiction überhaupt, Hans Frey, hat gesagt, die DDR-Science-Fiction gleiche einem gepflegten Mischwald und die bundesdeutsche einem dampfenden Dschungel. (lacht)

Golem: Was hat er gemeint?

Steinmüller: Gepflegter Mischwald bedeutet, dass die Verlage nicht alles haben wachsen lassen, was die Autoren an Samen gelegt haben. Da kann man schon daraus lernen, dass Zukunftsbilder für eine Gesellschaft wichtig sind. Und man kann daraus lernen, dass auch eine Erosion von Zukunftsbildern auf Prozesse in der Gesellschaft hindeutet. Denn der Niedergang der DDR ist auch an ihrer Science-Fiction abzulesen. Die wurde in den 80er-Jahren nicht bloß breiter, sondern kritischer, vielfältiger, hintergründiger, mit Ausflügen in Binnenutopien, die als Gegenmodelle funktionierten.

Sci-Fi-Geschichten als ein Stück Freiheit

Golem: Was hat es für Sie bedeutet, in dieser Ära Science-Fiction zu schreiben?

Steinmüller: Es war für uns ein Stück Freiheit. Man muss sehen, dass die Freiräume größer geworden sind. In den 50er Jahren konnte man für einen Witz, den man in der Kneipe erzählt hat, für Jahre ins Gefängnis kommen. In den 70er Jahren ist man dafür vielleicht mal vor den Chef zitiert worden. In den 80er Jahren haben die höherrangigen Parteimitglieder sich selbst untereinander politische Witze erzählt. Also haben Angela und ich immer gesagt, wir probieren das einfach. Was ist das Schlimmste, das uns passieren kann? Dass sie uns in den Westen abschieben. Das war das Damoklesschwert, das über uns hing. Aber richtig scharf war das nicht.

Golem: Wie war es, unter diesen Umständen zu schreiben?

Steinmüller: Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten das zu schreiben gewagt, was wir gut unterbringen konnten. Auch eine Biografie über Charles Darwin. Da haben wir geschrieben, dass sich in der Sowjetunion der wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko gegen die Vererbungslehre gewendet und damit die Entwicklung der Genetik für Jahre aufgehalten hat. Unser Lektor hatte da zuerst Bedenken, wir haben ihn überzeugt, er sagte, er nimmt es wieder rein. Dann haben wir den Umbruch des Buchs gesehen. Da stand der Satz nicht mehr drin. Also haben wir wieder protestiert und wir haben den Satz wieder reinbekommen.

Golem: Das heißt, zu Ihrer Zeit gab es einen gewissen Spielraum?

Steinmüller: Es gab Möglichkeiten. Man musste es eben auf die eigenen Schultern nehmen. Manche haben diesen Spielraum auch gar nicht ausgenutzt. Denen hat es genügt, Abenteuer zu schreiben. Und das war auch in Ordnung. Andere hatten das Pech, dass irgendjemand gesagt hat, das Buch darf nicht erscheinen.

Golem: In Vorgriff auf das Lichte Morgen schreiben Sie, dass sich in der DDR daraus ein sehr geübtes Publikum ergeben hat.

Steinmüller: Also, wir haben immer gerne Lesungen gemacht. Weil wir da in Kontakt mit den Lesern standen. Und oft genug haben sie in unseren Erzählungen Dinge entdeckt, die wir vielleicht eher unbewusst reingeschrieben hatten. Wir haben dann später immer gesagt, all das Wesentliche geschieht zwischen den Zeilen.

Golem: Erinnern Sie sich an ein Beispiel?

Steinmüller: (überlegt) Wir haben eine Erzählung geschrieben, technologisch weit fortgeschritten, wo die Menschen Erweiterungen für ihr Gehirn bekommen. Eine Gehirnschnittstelle. Da konnte man sich ein Modul für eine Sprache aufstecken, für die Arbeit und Ähnliches. Und in gewissem Sinne verhält man sich dann nach dem Modul. Die Leser haben sofort gesagt: Ja, das war ganz klar! Wir sind ja alle nur Hampelmänner und werden dann an Strippen geführt. Sie haben das so interpretiert, also ginge es uns um die Abhängigkeit des Menschen, nicht bloß von der Technik, sondern von dem System, in dem sie leben.

Golem: Und das hatten Sie gar nicht gemeint?

Steinmüller: Nein, nicht bewusst. Ich kann die Leser zu DDR-Zeiten da wirklich loben. Sie haben gelesen und haben versucht, dem etwas zu entnehmen. Und wenn da eine Andeutung drin war, dann ist die Andeutung angekommen. Wobei: Wenn der Effekt war "Jetzt haben die sich was getraut", hatte man sich eigentlich nicht genug getraut. Denn das hatte man ja durchbekommen. (lacht)

''Also, passt mal auf: Das Wort Bürokratie können wir nicht verwenden''

Golem: Wenn Sie anderswo über diese Zeit schreiben, erwähnen Sie oft die Selbstzensur.

Steinmüller: Ja. Das ist auch etwas, womit wir immer kämpfen mussten oder mit uns selbst diskutiert haben. Wie weit dürfen wir gehen?

Golem: Und was war Ihr Eindruck?

Steinmüller: Es war ganz klar, dass es bestimmte Dinge gab, die man nicht machen konnte. In einem Roman haben wir von Bürokratie geschrieben. Da hat unser Lektor gesagt: "Also passt mal auf: Das Wort Bürokratie können wir nicht verwenden. In der DDR gibt es keine Bürokratie."

Golem: Was haben Sie gemacht?

Steinmüller: Wir haben dann das Wort Bürokratie vermieden, haben aber die bürokratischen Verhältnisse umso deutlicher geschildert. Am Ende war das sogar ein literarischer Gewinn. Aber das ist eigentlich nicht Selbstzensur. Selbstzensur ist, wenn man etwas von vornherein nicht als Thema aufgreift. Das ist für mich immer die schlimmere Art Einschränkung.

Golem: Warum?

Steinmüller: Wenn jemand mir von außen sagt, das darfst du nicht schreiben: Na gut, dann darf man es eben nicht schreiben. Was soll's. Oder man muss die Konsequenzen tragen. Aber es gibt auch Grenzen dessen, was man sich vorstellen kann. Und die weiter rauszuschieben, das ist eine wertvolle Aufgabe. Dazu kann Literatur dienen.

Hoffnungsvolle Erzählungen

Golem: Ist Science-Fiction dafür vielleicht besonders geeignet?

Steinmüller: Nun, in der Science-Fiction waren wir in der Lage, dass wir Themen auf fremde Planeten oder ins Irgendwo verlagern konnten. Wenn da eine führende Partei aufgetreten wäre, hätten bei den Lektoren schon noch die Alarmklingeln angeschlagen. Aber so direkt hätten Angela und ich uns die DDR gar nicht vorgenommen.

Golem: Sie hatten eine andere Absicht?

Steinmüller: Für uns galt eher das Prinzip, wir wollen Dinge schreiben, die modellhaft sind. Die also kritisch zur eigenen Gegenwart sind. Die aber auch auf andere gesellschaftliche Verhältnisse, andere Staaten, andere Zeiten übertragen werden können.

Golem: Ich würde sagen, Sie haben dennoch recht hoffnungsvolle Erzählungen geschrieben. Ihr erster Roman Andymon zum Beispiel. Eine Weltraum-Utopie.

Steinmüller: Andymon haben wir 1980/81 geschrieben. Das war eine Zeit, die ich mit der Gegenwart vergleiche: eine global angespannte politische Situation. Wir hatten keinen Krieg vor der Haustür wie heute. Aber wir haben die Spannungen gefühlt. Es gab Hochrüstung. Dazu kommt, dass damals die Umweltprobleme massiv zugenommen haben. Der Klimawandel war 1980 schon hinreichend wissenschaftlich abgesichert. Das hieß, die dystopische Zukunftsvision war für uns immer eine reale Möglichkeit. Aber literarisch war sie nie attraktiv.

Golem: Warum das?

Steinmüller: Wenn alles den Bach runtergeht, na gut, dann hat man Action, Spannung. Aber philosophisch, inhaltlich? Da ist Aufbau etwas viel Spannenderes. Wir haben das bei Andymon dynamische Utopie genannt, weil sich da viele unterschiedliche Wege entwickeln können. Wenn wir eine neue Welt aufbauen wollen und eine neue Gesellschaft, dann steht das Ergebnis nicht von vornherein fest. Sondern Menschen müssen aus ihrem praktischen Handeln heraus den Weg in die bessere Zukunft finden. Das war unser Gegenentwurf.

Golem: Mir scheint, das ließe sich gut auf heute übertragen.

Steinmüller: Sicher. Die Science-Fiction kann ein Übergang zu einem anderen Zukunftsdenken sein. Sie kann zur Future Literacy beitragen, das ist so ein Lieblingsbegriff heutzutage. Das zeigt uns einfach, dass es immer Unerwartetes und eben auch positiv überraschende Wendungen geben kann.

Golem: Es kann aber schwer sein, sie sich vorzustellen ...

Steinmüller: Ja, man kann sehr leicht negative Trends extrapolieren und über Leute, die sie zu stark extrapolieren, kann man sich lustig machen. Aber sich dann zu überlegen, wo eine massive positive Entwicklung einsetzen könnte, ist schwierig. Das hat Theresa Hannig in Pantopia gemacht. Oder Thore Hansen im Roman Die Reinsten. Da ist es aber die allgewaltige künstliche Intelligenz, die uns rettet. Viel wertvoller ist es für mich, wenn die Impulse von den Menschen kommen.

Utopie als das Träumen der Vielen

Golem: So ähnlich ist es auch in Ihrer Erzählung Der Traummeister, oder? Da gibt es die Frage, ob etwas unser eigener Traum ist oder ob unsere Träume irgendwo von oben kommen.

Steinmüller: Das ist auch so eine Idee, die einerseits Metapher, andererseits modellhaft übertragbar ist: Welche Rolle Träumen hat. Und dass eine Utopie letztlich das Träumen der Vielen sein muss.

Golem: Denn beim Traummeister ist das am Anfang nicht so.

Steinmüller: Beim Traummeister haben wir in einer pseudomittelalterlichen Stadt einen Traumturm, in dem der Traummeister seine Träume aussendet, Nacht für Nacht, die alle Bürger der Stadt träumen. Und der Rat der Stadt hat eine "Richtschnur für Lothrechtes Träumen", in der genau steht, was geträumt werden soll. Aber unser Traummeister hält sich natürlich nicht dran. Und er schafft es mit seinen Träumen, etwas in Bewegung zu setzen, so dass all das gesellschaftlich Unterbewusste aufbricht. Alles das, was in der Stadt verdrängt worden ist, wie in der DDR die Verbrechen der Stalinzeit – das bricht heraus. Und das führt zu einem totalen Wandel, einer Revolution.

Golem: Das konnte so erscheinen?

Steinmüller: Als das Buch im Verlag lag, das war 1988, hat ein verdienter Lektor gesagt: "Das ist ja gut und schön und wie sich das verändert. Aber am Ende des Buches muss doch stehen, dass es darauf kommt, dass die Menschen in der Stadt alle die richtigen Träume träumen." Dabei war unsere Botschaft gerade, dass am Ende jeder seinen eigenen Traum träumt und nicht einen Traum, den irgendwer für richtig empfunden hat. Unsere Überzeugung war immer, dass die Menschen befähigt werden müssen, ihre eigenen Träume zu träumen und nach ihren eigenen Träumen zu leben. Nur dann kann sich eine gute Gesellschaft ergeben. Das ist eine Frage des Menschenbildes.

Golem: Fordert Sie die Gegenwart da gerade heraus?

Steinmüller: Wir haben eben nie das Experiment gemacht, dass sich Menschen wirklich frei von Zwängen, von alten gesellschaftlichen Lasten und der Bürde der Vergangenheit entwickeln können. Das haben wir in Andymon versucht: dass die Menschen zu einem toleranten Miteinander finden und jeder seinen eigenen Weg gehen darf. Das war eine Gegenposition zu William Goldings Der Herr der Fliegen. Wo die Kinder auf der Insel untereinander zu ihren schlimmsten Feinden werden.

Golem: Ich habe mich bei Golding auch immer gewundert: Warum sollten die Kinder sich so verhalten?

Steinmüller: Das ist das negative Menschenbild. Und wir haben eben das positive Menschenbild, dass man dann Differenzen akzeptiert, tolerant ist und solidarisch Gemeinsames aufbaut. Das möchte ich auch nicht aufgeben. Sonst ist es auch nicht so schlimm, wenn die Menschheit bald untergeht.

Der Club der letzten Fünf

Golem: Ihre Frau und Sie sind zwei der wenigen Sci-Fi-Autoren aus der DDR, die nach der Wende weiter veröffentlicht haben. War diese Einstellung ein Teil davon?

Steinmüller: Das mit dem "Weitergeschrieben" ist eine relative Aussage. Wir haben in den 90er- und noch in den Nullerjahren erstmal relativ wenig publiziert. Inzwischen sind Angela und ich 40 Prozent der überlebenden DDR-Science-Fiction-Autoren. Die anderen drei sind Erik Simon, Carsten Kuschel, und Rolf Krohn.

Golem: Treffen Sie sich manchmal? Ich stelle mir das gerade vor: Der Club der letzten fünf.

Steinmüller: Nein, aber Erik Simon sehen wir regelmäßig. Unser jüngstes gemeinsames Buch ist Eskapaden. Was ich hier lautstark empfehlen möchte, weil es viel zu wenig wahrgenommen wird. (lacht) In Eskapaden sind sehr unterschiedliche Texte. Es sind Hommagen an Autoren, kleine Texte, futurologische Skizzen, eher experimentelle Texte. Es sind wirklich Eskapaden in dem Sinne, dass wir die Grenzen der Science-Fiction in verschiedene Richtungen überschritten haben. Insofern nicht gerade marktkonform.

Golem: Was ja auch ein Teil der Literatur ist.

Steinmüller: Ja. Aber das wird zu wenig gemacht. Es gibt schon Experimente in dieser Richtung und die sind natürlich oft sehr produktiv. Und manches Mal gehen sie eben schief. Wir haben auch schon formal experimentiert und Schiffbruch erlitten.

Golem: Was ist da passiert?

Steinmüller: Wir haben eine Erzählung geschrieben, Abschied von Melchizedek und haben dazu die Struktur an Bierce' An Occurrance at Owl Creek angepasst. Da wird alles aus der Sicht eines Sterbenden geschildert. Der hängt sozusagen am Strick und malt sich, während er runterstürzt, aus, wie es weitergeht mit ihm. Aber wir haben diesen Rahmen wahnsinnig überdehnt. Ich meine, das ist gedruckt worden, aber es überzeugt uns selbst nicht mehr. Das passiert ab und zu. Aber so ein bisschen experimentieren muss man. Das macht einfach Spaß. Und man kann auch wieder Grenzen rausschieben.

Golem: Ich möchte nochmal auf die Figur des Traummeisters zurückkommen. Die Bewohner Miscaras unterwerfen sich ihm nämlich gerne und wollen, dass er für sie träumt. Wie passt das für Sie zu der zunehmenden Beliebtheit von Autokraten? Ich weiß, es ging Ihnen damals mehr um die Meinungsmache der Fernsehmogule. Wie sehen Sie das heute?

Steinmüller: Ja, das war für uns einerseits eine Reflexion auf die Medienwirklichkeit der DDR, was da alles vorgegeben wird. Und natürlich auch eine Reminiszenz, dass, wenn man versucht, Verhältnisse zu überwinden, sich dann auch immer eine Möglichkeit öffnet hin zu diktatorischem oder autokratischem Verhalten.

Golem: Und heute?

Steinmüller: Heute ist es natürlich so, dass wir diese Unzufriedenheit mit der Demokratie haben, während die Vorzüge von Demokratie als selbstverständlich wahrgenommen werden. Dass man Meinungsfreiheit hat, dass man sich auf das Rechtssystem verlassen kann. Wenn ich sagen würde, so frei ist die Meinung gar nicht, dann kriege ich vielleicht einen Shitstorm. Aber was ist ein Shitstorm dagegen, in den Gulag geschickt zu werden? Wenn man einfach alles für normal hält, dann läuft man bald irgendwelchen Rattenfängern hinterher, die das Fundament zerstören wollen.

Papa KI statt Papa Staat

Golem: Ich habe versucht, das mit den Autokraten unter dem Stichwort Weltbilder zu sehen. Also ob sie auf ihre Art unsere Träume für uns träumen, weil sie uns vorgeben: So soll die Welt sein. Da scheint es mir, dass es heute starke Ideologien gibt. Sie haben das vorher auch bei künstlicher Intelligenz erwähnt. Dass es diese Ideologie gibt, KI würde die Welt verändern. Ist das auch so etwas wie ein Traum, der uns eine Zukunftsvision vorgibt?

Steinmüller: Also man redet ja heute nicht mehr von Ideologien, sondern nur noch von Narrativen. Aber ich halte das mit der Technologie schon für eine Ideologie, den Techno-Solutionismus. Wir überlassen es der Technologie: Die Technologie ist objektiv, die kann unsere Probleme viel besser lösen. Die kennt die ganzen Fakten, die kann alles zusammenbringen. Das ist natürlich ein Narrativ der totalen Entlastung: "Ich brauche mich nicht drum zu kümmern. Ich überlasse das der KI, die wird es schon richten." So wie früher Papa Staat alles gerichtet hat. Und jetzt ist das Papa KI. Das ist eine infantile oder bestenfalls pubertäre Haltung.

Golem: Gleichzeitig gibt es eine Reaktion auf den Techno-Solutionismus, die Technologie zu dämonisieren. Das klappt genauso wenig, würde ich sagen. Was meinen Sie?

Steinmüller: Ich meine, wir haben die Technologie. Wir nutzen sie. Insofern ist Verteufelung der Technologie auch keine Lösung, sondern ein sinnvoller von Menschen kontrollierter Einsatz. Das ist auch das Schwierige und literarisch Ansprechendere. Bei einem Terminator, so actionmäßig, funktioniert das ganz wunderbar. Aber auf einer philosophischen Ebene kann man da nicht viel drüber diskutieren. Außer dass wir sagen, wir müssen Skynet verhindern und dürfen Palantir nicht anschaffen. Aber wenn es dann darum geht, wie man wirklich mit diesen Technologien umzugehen hat, bringt es nicht mal einen Hinweis.

Golem: Was wäre für Sie die Lektion daraus?

Steinmüller: Das heißt: Dämonisierung von Technologie ist erst einmal fruchtlos. Wie die meisten Dystopien. Es sind notwendige Warnungen. Aber daraus folgt noch nicht, was man besser machen kann.

Golem: Genau da habe ich die Intuition, dass Science-Fiction einen Weg bieten kann. Nicht nur abstrakt, sondern auch einen spürbaren Einfluss auf unser Leben und die Antwort auf die Frage: Wie könnte es anders sein?

Steinmüller: Das wäre, um es großspurig zu sagen, die vornehmste Aufgabe von Science-Fiction: zu zeigen, dass eine andere Zukunft möglich ist. Wir können etwas ändern. Und es heißt nicht nur, dass wir unser individuelles Leben ändern sollten. Das überlasse ich Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern.

Golem: Sondern?

Steinmüller: Dass wir gesellschaftlich Strukturen verändern müssen. Das ist aber eine ganz schwierige Aufgabe in einer hochentwickelten Industriegesellschaft. Da können Science-Fiction Autoren über kleine Binnenutopien, über Ansätze, Anregungen schon etwas beitragen. Aber man darf nicht erwarten, dass Autoren die Lösungen bieten, die sich die Gesellschaft als Ganzes erst erarbeiten muss.

Dieses Interview wurde bearbeitet und gekürzt.

Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.


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