Autor Karlheinz Steinmüller: Warum Science-Fiction Hoffnung braucht
Inhalt
Im Jahr 1989, kurz vor dem Mauerfall, erkoren ostdeutsche Leserinnen und Leser Angela und Karlheinz Steinmüllers Roman Andymon: Eine Weltraum-Utopie zur beliebtesten Erzählung der DDR-Science-Fiction. Dreißig Jahre später wählte eine Jury bei Tor-Online(öffnet im neuen Fenster) die Geschichte zu einem der 100 besten Sci-Fi-Bücher aller Zeiten: eine von nur sechs Geschichten deutscher Autoren.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Stimmen der DDR-Science-Fiction publizierten Steinmüllers nach der Wende weiter. Sie gewannen mehrere Preise, unter anderem einen Deutschen Fantasy Preis(öffnet im neuen Fenster) für die Verbreitung der fantastischen Literatur in zwei verschiedenen Gesellschaftssystemen sowie ihre Zukunftsperspektiven.
Angela und Karlheinz Steinmüller sind die lebenden Ikonen der DDR-Sci-Fi, ihre Erzählungen die herausragende Darstellung der menschlichen Entwicklung im Kosmos. In unserem Gespräch erzählt Karlheinz Steinmüller über Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Was wir aus der wissenschaftlichen Fantastik lernen können. Und warum er um jeden Preis an einem positiven Menschenbild festhalten möchte.
Golem: In Ihrem Buch Vorgriff auf das Lichte Morgen schreiben Sie an einer Stelle, dass Zukunft wieder groß in Mode sei und dass es sich daher besonders lohnen würde, auf eine ähnliche Epoche in der DDR-Geschichte zurückzuschauen. Was meinten Sie damit?
Karlheinz Steinmüller: Es gibt ja verschiedene Epochen in der DDR-Geschichte. Und die Zukunftsorientierung war immer unterschiedlich stark. Aber die 50er Jahre wurden von vielen Anhängern des Systems als Aufbruchsjahre begriffen. Es wurden große Zukunftsvisionen entwickelt. Oft rein technologische, weil die Staatsführung sich gehütet hat, zu konkrete Aussagen zu machen. Außer, dass bis zum Jahr 2000 der Sieg des Sozialismus zu erwarten sei.
Golem: Das war wirklich so definiert?
Steinmüller: Das war das Besondere: dass es tatsächlich ein klares Zukunftsbild gab, an dem sich die Autoren orientiert haben. Ein guter Bekannter und einer der besten Kenner der deutschen Science-Fiction überhaupt, Hans Frey, hat gesagt, die DDR-Science-Fiction gleiche einem gepflegten Mischwald und die bundesdeutsche einem dampfenden Dschungel. (lacht)
Golem: Was hat er gemeint?
Steinmüller: Gepflegter Mischwald bedeutet, dass die Verlage nicht alles haben wachsen lassen, was die Autoren an Samen gelegt haben. Da kann man schon daraus lernen, dass Zukunftsbilder für eine Gesellschaft wichtig sind. Und man kann daraus lernen, dass auch eine Erosion von Zukunftsbildern auf Prozesse in der Gesellschaft hindeutet. Denn der Niedergang der DDR ist auch an ihrer Science-Fiction abzulesen. Die wurde in den 80er-Jahren nicht bloß breiter, sondern kritischer, vielfältiger, hintergründiger, mit Ausflügen in Binnenutopien, die als Gegenmodelle funktionierten.