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Papa KI statt Papa Staat

Golem: Ich habe versucht, das mit den Autokraten unter dem Stichwort Weltbilder zu sehen. Also ob sie auf ihre Art unsere Träume für uns träumen, weil sie uns vorgeben: So soll die Welt sein. Da scheint es mir, dass es heute starke Ideologien gibt. Sie haben das vorher auch bei künstlicher Intelligenz erwähnt. Dass es diese Ideologie gibt, KI würde die Welt verändern. Ist das auch so etwas wie ein Traum, der uns eine Zukunftsvision vorgibt?

Steinmüller: Also man redet ja heute nicht mehr von Ideologien, sondern nur noch von Narrativen. Aber ich halte das mit der Technologie schon für eine Ideologie, den Techno-Solutionismus. Wir überlassen es der Technologie: Die Technologie ist objektiv, die kann unsere Probleme viel besser lösen. Die kennt die ganzen Fakten, die kann alles zusammenbringen. Das ist natürlich ein Narrativ der totalen Entlastung: "Ich brauche mich nicht drum zu kümmern. Ich überlasse das der KI, die wird es schon richten." So wie früher Papa Staat alles gerichtet hat. Und jetzt ist das Papa KI. Das ist eine infantile oder bestenfalls pubertäre Haltung.

Golem: Gleichzeitig gibt es eine Reaktion auf den Techno-Solutionismus, die Technologie zu dämonisieren. Das klappt genauso wenig, würde ich sagen. Was meinen Sie?

Steinmüller: Ich meine, wir haben die Technologie. Wir nutzen sie. Insofern ist Verteufelung der Technologie auch keine Lösung, sondern ein sinnvoller von Menschen kontrollierter Einsatz. Das ist auch das Schwierige und literarisch Ansprechendere. Bei einem Terminator, so actionmäßig, funktioniert das ganz wunderbar. Aber auf einer philosophischen Ebene kann man da nicht viel drüber diskutieren. Außer dass wir sagen, wir müssen Skynet verhindern und dürfen Palantir nicht anschaffen. Aber wenn es dann darum geht, wie man wirklich mit diesen Technologien umzugehen hat, bringt es nicht mal einen Hinweis.

Golem: Was wäre für Sie die Lektion daraus?

Steinmüller: Das heißt: Dämonisierung von Technologie ist erst einmal fruchtlos. Wie die meisten Dystopien. Es sind notwendige Warnungen. Aber daraus folgt noch nicht, was man besser machen kann.

Golem: Genau da habe ich die Intuition, dass Science-Fiction einen Weg bieten kann. Nicht nur abstrakt, sondern auch einen spürbaren Einfluss auf unser Leben und die Antwort auf die Frage: Wie könnte es anders sein?

Steinmüller: Das wäre, um es großspurig zu sagen, die vornehmste Aufgabe von Science-Fiction: zu zeigen, dass eine andere Zukunft möglich ist. Wir können etwas ändern. Und es heißt nicht nur, dass wir unser individuelles Leben ändern sollten. Das überlasse ich Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern.

Golem: Sondern?

Steinmüller: Dass wir gesellschaftlich Strukturen verändern müssen. Das ist aber eine ganz schwierige Aufgabe in einer hochentwickelten Industriegesellschaft. Da können Science-Fiction Autoren über kleine Binnenutopien, über Ansätze, Anregungen schon etwas beitragen. Aber man darf nicht erwarten, dass Autoren die Lösungen bieten, die sich die Gesellschaft als Ganzes erst erarbeiten muss.

Dieses Interview wurde bearbeitet und gekürzt.

Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.


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