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Der Club der letzten Fünf

Golem: Ihre Frau und Sie sind zwei der wenigen Sci-Fi-Autoren aus der DDR, die nach der Wende weiter veröffentlicht haben. War diese Einstellung ein Teil davon?

Steinmüller: Das mit dem "Weitergeschrieben" ist eine relative Aussage. Wir haben in den 90er- und noch in den Nullerjahren erstmal relativ wenig publiziert. Inzwischen sind Angela und ich 40 Prozent der überlebenden DDR-Science-Fiction-Autoren. Die anderen drei sind Erik Simon, Carsten Kuschel, und Rolf Krohn.

Golem: Treffen Sie sich manchmal? Ich stelle mir das gerade vor: Der Club der letzten fünf.

Steinmüller: Nein, aber Erik Simon sehen wir regelmäßig. Unser jüngstes gemeinsames Buch ist Eskapaden. Was ich hier lautstark empfehlen möchte, weil es viel zu wenig wahrgenommen wird. (lacht) In Eskapaden sind sehr unterschiedliche Texte. Es sind Hommagen an Autoren, kleine Texte, futurologische Skizzen, eher experimentelle Texte. Es sind wirklich Eskapaden in dem Sinne, dass wir die Grenzen der Science-Fiction in verschiedene Richtungen überschritten haben. Insofern nicht gerade marktkonform.

Golem: Was ja auch ein Teil der Literatur ist.

Steinmüller: Ja. Aber das wird zu wenig gemacht. Es gibt schon Experimente in dieser Richtung und die sind natürlich oft sehr produktiv. Und manches Mal gehen sie eben schief. Wir haben auch schon formal experimentiert und Schiffbruch erlitten.

Golem: Was ist da passiert?

Steinmüller: Wir haben eine Erzählung geschrieben, Abschied von Melchizedek und haben dazu die Struktur an Bierce' An Occurrance at Owl Creek angepasst. Da wird alles aus der Sicht eines Sterbenden geschildert. Der hängt sozusagen am Strick und malt sich, während er runterstürzt, aus, wie es weitergeht mit ihm. Aber wir haben diesen Rahmen wahnsinnig überdehnt. Ich meine, das ist gedruckt worden, aber es überzeugt uns selbst nicht mehr. Das passiert ab und zu. Aber so ein bisschen experimentieren muss man. Das macht einfach Spaß. Und man kann auch wieder Grenzen rausschieben.

Golem: Ich möchte nochmal auf die Figur des Traummeisters zurückkommen. Die Bewohner Miscaras unterwerfen sich ihm nämlich gerne und wollen, dass er für sie träumt. Wie passt das für Sie zu der zunehmenden Beliebtheit von Autokraten? Ich weiß, es ging Ihnen damals mehr um die Meinungsmache der Fernsehmogule. Wie sehen Sie das heute?

Steinmüller: Ja, das war für uns einerseits eine Reflexion auf die Medienwirklichkeit der DDR, was da alles vorgegeben wird. Und natürlich auch eine Reminiszenz, dass, wenn man versucht, Verhältnisse zu überwinden, sich dann auch immer eine Möglichkeit öffnet hin zu diktatorischem oder autokratischem Verhalten.

Golem: Und heute?

Steinmüller: Heute ist es natürlich so, dass wir diese Unzufriedenheit mit der Demokratie haben, während die Vorzüge von Demokratie als selbstverständlich wahrgenommen werden. Dass man Meinungsfreiheit hat, dass man sich auf das Rechtssystem verlassen kann. Wenn ich sagen würde, so frei ist die Meinung gar nicht, dann kriege ich vielleicht einen Shitstorm. Aber was ist ein Shitstorm dagegen, in den Gulag geschickt zu werden? Wenn man einfach alles für normal hält, dann läuft man bald irgendwelchen Rattenfängern hinterher, die das Fundament zerstören wollen.


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