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Utopie als das Träumen der Vielen

Golem: So ähnlich ist es auch in Ihrer Erzählung Der Traummeister, oder? Da gibt es die Frage, ob etwas unser eigener Traum ist oder ob unsere Träume irgendwo von oben kommen.

Steinmüller: Das ist auch so eine Idee, die einerseits Metapher, andererseits modellhaft übertragbar ist: Welche Rolle Träumen hat. Und dass eine Utopie letztlich das Träumen der Vielen sein muss.

Golem: Denn beim Traummeister ist das am Anfang nicht so.

Steinmüller: Beim Traummeister haben wir in einer pseudomittelalterlichen Stadt einen Traumturm, in dem der Traummeister seine Träume aussendet, Nacht für Nacht, die alle Bürger der Stadt träumen. Und der Rat der Stadt hat eine "Richtschnur für Lothrechtes Träumen", in der genau steht, was geträumt werden soll. Aber unser Traummeister hält sich natürlich nicht dran. Und er schafft es mit seinen Träumen, etwas in Bewegung zu setzen, so dass all das gesellschaftlich Unterbewusste aufbricht. Alles das, was in der Stadt verdrängt worden ist, wie in der DDR die Verbrechen der Stalinzeit – das bricht heraus. Und das führt zu einem totalen Wandel, einer Revolution.

Golem: Das konnte so erscheinen?

Steinmüller: Als das Buch im Verlag lag, das war 1988, hat ein verdienter Lektor gesagt: "Das ist ja gut und schön und wie sich das verändert. Aber am Ende des Buches muss doch stehen, dass es darauf kommt, dass die Menschen in der Stadt alle die richtigen Träume träumen." Dabei war unsere Botschaft gerade, dass am Ende jeder seinen eigenen Traum träumt und nicht einen Traum, den irgendwer für richtig empfunden hat. Unsere Überzeugung war immer, dass die Menschen befähigt werden müssen, ihre eigenen Träume zu träumen und nach ihren eigenen Träumen zu leben. Nur dann kann sich eine gute Gesellschaft ergeben. Das ist eine Frage des Menschenbildes.

Golem: Fordert Sie die Gegenwart da gerade heraus?

Steinmüller: Wir haben eben nie das Experiment gemacht, dass sich Menschen wirklich frei von Zwängen, von alten gesellschaftlichen Lasten und der Bürde der Vergangenheit entwickeln können. Das haben wir in Andymon versucht: dass die Menschen zu einem toleranten Miteinander finden und jeder seinen eigenen Weg gehen darf. Das war eine Gegenposition zu William Goldings Der Herr der Fliegen. Wo die Kinder auf der Insel untereinander zu ihren schlimmsten Feinden werden.

Golem: Ich habe mich bei Golding auch immer gewundert: Warum sollten die Kinder sich so verhalten?

Steinmüller: Das ist das negative Menschenbild. Und wir haben eben das positive Menschenbild, dass man dann Differenzen akzeptiert, tolerant ist und solidarisch Gemeinsames aufbaut. Das möchte ich auch nicht aufgeben. Sonst ist es auch nicht so schlimm, wenn die Menschheit bald untergeht.


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