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Hoffnungsvolle Erzählungen

Golem: Ist Science-Fiction dafür vielleicht besonders geeignet?

Steinmüller: Nun, in der Science-Fiction waren wir in der Lage, dass wir Themen auf fremde Planeten oder ins Irgendwo verlagern konnten. Wenn da eine führende Partei aufgetreten wäre, hätten bei den Lektoren schon noch die Alarmklingeln angeschlagen. Aber so direkt hätten Angela und ich uns die DDR gar nicht vorgenommen.

Golem: Sie hatten eine andere Absicht?

Steinmüller: Für uns galt eher das Prinzip, wir wollen Dinge schreiben, die modellhaft sind. Die also kritisch zur eigenen Gegenwart sind. Die aber auch auf andere gesellschaftliche Verhältnisse, andere Staaten, andere Zeiten übertragen werden können.

Golem: Ich würde sagen, Sie haben dennoch recht hoffnungsvolle Erzählungen geschrieben. Ihr erster Roman Andymon zum Beispiel. Eine Weltraum-Utopie.

Steinmüller: Andymon haben wir 1980/81 geschrieben. Das war eine Zeit, die ich mit der Gegenwart vergleiche: eine global angespannte politische Situation. Wir hatten keinen Krieg vor der Haustür wie heute. Aber wir haben die Spannungen gefühlt. Es gab Hochrüstung. Dazu kommt, dass damals die Umweltprobleme massiv zugenommen haben. Der Klimawandel war 1980 schon hinreichend wissenschaftlich abgesichert. Das hieß, die dystopische Zukunftsvision war für uns immer eine reale Möglichkeit. Aber literarisch war sie nie attraktiv.

Golem: Warum das?

Steinmüller: Wenn alles den Bach runtergeht, na gut, dann hat man Action, Spannung. Aber philosophisch, inhaltlich? Da ist Aufbau etwas viel Spannenderes. Wir haben das bei Andymon dynamische Utopie genannt, weil sich da viele unterschiedliche Wege entwickeln können. Wenn wir eine neue Welt aufbauen wollen und eine neue Gesellschaft, dann steht das Ergebnis nicht von vornherein fest. Sondern Menschen müssen aus ihrem praktischen Handeln heraus den Weg in die bessere Zukunft finden. Das war unser Gegenentwurf.

Golem: Mir scheint, das ließe sich gut auf heute übertragen.

Steinmüller: Sicher. Die Science-Fiction kann ein Übergang zu einem anderen Zukunftsdenken sein. Sie kann zur Future Literacy beitragen, das ist so ein Lieblingsbegriff heutzutage. Das zeigt uns einfach, dass es immer Unerwartetes und eben auch positiv überraschende Wendungen geben kann.

Golem: Es kann aber schwer sein, sie sich vorzustellen ...

Steinmüller: Ja, man kann sehr leicht negative Trends extrapolieren und über Leute, die sie zu stark extrapolieren, kann man sich lustig machen. Aber sich dann zu überlegen, wo eine massive positive Entwicklung einsetzen könnte, ist schwierig. Das hat Theresa Hannig in Pantopia gemacht. Oder Thore Hansen im Roman Die Reinsten. Da ist es aber die allgewaltige künstliche Intelligenz, die uns rettet. Viel wertvoller ist es für mich, wenn die Impulse von den Menschen kommen.


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