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''Also, passt mal auf: Das Wort Bürokratie können wir nicht verwenden''

Golem: Wenn Sie anderswo über diese Zeit schreiben, erwähnen Sie oft die Selbstzensur.

Steinmüller: Ja. Das ist auch etwas, womit wir immer kämpfen mussten oder mit uns selbst diskutiert haben. Wie weit dürfen wir gehen?

Golem: Und was war Ihr Eindruck?

Steinmüller: Es war ganz klar, dass es bestimmte Dinge gab, die man nicht machen konnte. In einem Roman haben wir von Bürokratie geschrieben. Da hat unser Lektor gesagt: "Also passt mal auf: Das Wort Bürokratie können wir nicht verwenden. In der DDR gibt es keine Bürokratie."

Golem: Was haben Sie gemacht?

Steinmüller: Wir haben dann das Wort Bürokratie vermieden, haben aber die bürokratischen Verhältnisse umso deutlicher geschildert. Am Ende war das sogar ein literarischer Gewinn. Aber das ist eigentlich nicht Selbstzensur. Selbstzensur ist, wenn man etwas von vornherein nicht als Thema aufgreift. Das ist für mich immer die schlimmere Art Einschränkung.

Golem: Warum?

Steinmüller: Wenn jemand mir von außen sagt, das darfst du nicht schreiben: Na gut, dann darf man es eben nicht schreiben. Was soll's. Oder man muss die Konsequenzen tragen. Aber es gibt auch Grenzen dessen, was man sich vorstellen kann. Und die weiter rauszuschieben, das ist eine wertvolle Aufgabe. Dazu kann Literatur dienen.


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