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Sci-Fi-Geschichten als ein Stück Freiheit

Golem: Was hat es für Sie bedeutet, in dieser Ära Science-Fiction zu schreiben?

Steinmüller: Es war für uns ein Stück Freiheit. Man muss sehen, dass die Freiräume größer geworden sind. In den 50er Jahren konnte man für einen Witz, den man in der Kneipe erzählt hat, für Jahre ins Gefängnis kommen. In den 70er Jahren ist man dafür vielleicht mal vor den Chef zitiert worden. In den 80er Jahren haben die höherrangigen Parteimitglieder sich selbst untereinander politische Witze erzählt. Also haben Angela und ich immer gesagt, wir probieren das einfach. Was ist das Schlimmste, das uns passieren kann? Dass sie uns in den Westen abschieben. Das war das Damoklesschwert, das über uns hing. Aber richtig scharf war das nicht.

Golem: Wie war es, unter diesen Umständen zu schreiben?

Steinmüller: Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten das zu schreiben gewagt, was wir gut unterbringen konnten. Auch eine Biografie über Charles Darwin. Da haben wir geschrieben, dass sich in der Sowjetunion der wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko gegen die Vererbungslehre gewendet und damit die Entwicklung der Genetik für Jahre aufgehalten hat. Unser Lektor hatte da zuerst Bedenken, wir haben ihn überzeugt, er sagte, er nimmt es wieder rein. Dann haben wir den Umbruch des Buchs gesehen. Da stand der Satz nicht mehr drin. Also haben wir wieder protestiert und wir haben den Satz wieder reinbekommen.

Golem: Das heißt, zu Ihrer Zeit gab es einen gewissen Spielraum?

Steinmüller: Es gab Möglichkeiten. Man musste es eben auf die eigenen Schultern nehmen. Manche haben diesen Spielraum auch gar nicht ausgenutzt. Denen hat es genügt, Abenteuer zu schreiben. Und das war auch in Ordnung. Andere hatten das Pech, dass irgendjemand gesagt hat, das Buch darf nicht erscheinen.

Golem: In Vorgriff auf das Lichte Morgen schreiben Sie, dass sich in der DDR daraus ein sehr geübtes Publikum ergeben hat.

Steinmüller: Also, wir haben immer gerne Lesungen gemacht. Weil wir da in Kontakt mit den Lesern standen. Und oft genug haben sie in unseren Erzählungen Dinge entdeckt, die wir vielleicht eher unbewusst reingeschrieben hatten. Wir haben dann später immer gesagt, all das Wesentliche geschieht zwischen den Zeilen.

Golem: Erinnern Sie sich an ein Beispiel?

Steinmüller: (überlegt) Wir haben eine Erzählung geschrieben, technologisch weit fortgeschritten, wo die Menschen Erweiterungen für ihr Gehirn bekommen. Eine Gehirnschnittstelle. Da konnte man sich ein Modul für eine Sprache aufstecken, für die Arbeit und Ähnliches. Und in gewissem Sinne verhält man sich dann nach dem Modul. Die Leser haben sofort gesagt: Ja, das war ganz klar! Wir sind ja alle nur Hampelmänner und werden dann an Strippen geführt. Sie haben das so interpretiert, also ginge es uns um die Abhängigkeit des Menschen, nicht bloß von der Technik, sondern von dem System, in dem sie leben.

Golem: Und das hatten Sie gar nicht gemeint?

Steinmüller: Nein, nicht bewusst. Ich kann die Leser zu DDR-Zeiten da wirklich loben. Sie haben gelesen und haben versucht, dem etwas zu entnehmen. Und wenn da eine Andeutung drin war, dann ist die Andeutung angekommen. Wobei: Wenn der Effekt war "Jetzt haben die sich was getraut", hatte man sich eigentlich nicht genug getraut. Denn das hatte man ja durchbekommen. (lacht)


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