Schwarz-IT-Chef Müller: "Stackit wird sich schnell durchsetzen"
Stackit(öffnet im neuen Fenster) ist die digitale Marke für Cloudlösungen der Schwarz Gruppe(öffnet im neuen Fenster), der Konzernmutter von Lidl und Kaufland. Im Mai 2020 kündigte das Unternehmen an, die Lösung für seine Infrastruktur als Cloudfirma auf den Markt zu bringen. Im Januar 2021 sollte ein Testbetrieb mit interner Nutzung und Testzugängen für ausgewählte Unternehmen starten, für den produktiven Start war der Sommer des gleichen Jahres geplant.
Doch das verzögerte sich bis in den Frühling 2022. Wohl verständlich: IT-Projekte brauchen manchmal länger als geplant und der Schritt von einer Konzern-IT zu einem IT-Anbieter ist nicht trivial. Gleichzeitig ist die Idee für das Projekt Stackit eine, die in vielen Konzernen diskutiert werden dürfte, wenn es um die Frage nach der IT-Zukunft geht.
Denn der Trend zur Cloud bedeutet auch, die eigenen Rechenzentren cloudfähig zu machen, bei einem externen Anbieter Cloudressourcen zu abonnieren oder wie im Fall von Stackit eine Konzernsparte zu schaffen, die Clouddienste anbietet und dabei die Bedürfnisse des eigenen Konzerns mit abdeckt. Wir haben mit dem Vorstandsvorsitzenden der Schwarz IT, Christian Müller, über das Projekt, die Hintergründe, die Entwicklung und die Ziele von Stackit gesprochen.
Golem.de: Herr Müller, wie kann man sich diesen Weg zum eigenen Clouddienst vorstellen? Ging es vom internen Betrieb für die Bedürfnisse der Schwarz Gruppe zu einem Dienstleister für verschiedene Kunden – oder war das ein kompletter Neuaufbau?
Christian Müller: An eine Cloudplattform werden andere Anforderungen gestellt als an eine klassische Infrastruktur. Deshalb haben wir den Weg des Neuaufbaus gewählt, dabei bewährte Technologien und Abläufe übernommen und andere neu entwickelt. Dieses Vorgehen hat sich für uns bewährt. Zu Beginn haben wir die Cloudplattform für die Nutzung durch die eigenen Unternehmen der Schwarz Gruppe entwickelt, mit dem Ziel, die eigene IT zu transformieren und für neue Geschäftsmodelle zu öffnen. Ausgewählte Kunden konnten die neue Infrastruktur gemeinsam mit den zur Schwarz Gruppe gehörenden Unternehmen während der Entwicklung testen und bei der Optimierung mithelfen.
Golem.de: Wie sieht der Technologie-Stack aus – und war er von Anfang an so oder haben sich im Laufe des Projekts Änderungen ergeben?
Müller: Unseren zu Beginn gewählten technologischen Basis-Stack mussten wir bisher kaum verändern. Wir haben uns anfangs dazu entschlossen, verstärkt auf Open-Source-Software zu setzen und hier tiefgehende Kompetenzen aufzubauen. Damit reduzieren wir die direkte Abhängigkeit zu Herstellern. Wir können außerdem Weiterentwicklungen an die Open-Source-Projekte zurückgeben und neue Projekte initiieren. Auch wenn es der beschwerlichere Weg ist, schaffen wir so die Voraussetzung zu einer souveränen und sicheren deutschen beziehungsweise europäischen Cloud.
Erste Ergebnisse sind zum Beispiel durch unser Openstack Lifecycle Management Yaook zu erkennen, das wir zusammen mit Cloud & Heat entwickelt und nun als Open Source zur Verfügung gestellt haben. Ein weiteres Beispiel ist unsere Mitarbeit im Gardener-Projekt, das wir für ein Kubernetes-Cluster-Managementsystem einsetzen.
Am Anfang von Stackit stand in der aufstrebenden Phase die Entwicklung der Containerplattformen an. Noch unklar war, was bei der anstehenden Konsolidierung übrig bleibt, daher hätten wir rückblickend vermutlich früher noch mehr auf Kubernetes setzen können. Darüber hinaus hätten wir unser eigenes Openstack-Lifecycle-Management früher entwickeln sollen.
Golem.de: Sie erwähnten die deutsche beziehungsweise europäische Cloud. Was ist so wichtig an dem Standort?
Müller: Als Unternehmen mit Sitz in Deutschland können wir die Sicherheit der uns anvertrauten Daten gewährleisten und sicherstellen, dass keine Informationen die Cloud und damit Deutschland verlassen. Amerikanische Anbieter können das beispielsweise nicht gewährleisten, da sie dem USA Patriot Act und dem USA Freedom Act unterliegen und somit im Zweifelsfall Daten unter anderem an US-Behörden weitergeben dürfen oder müssen. Wird die Cloud in Deutschland gehostet, unterliegt sie den weltweit höchsten Sicherheits- und Datenschutzstandards, was vor allem für Behörden und mittelständische Unternehmen von großer Bedeutung ist.
Golem.de: Eine Cloud für den Mittelstand – wie unterscheidet sich die von Angeboten beispielsweise für internationale Konzerne?
Müller: Komplett abgrenzen lässt sich das nicht. Wir sehen aber, dass mittelständische Unternehmen andere Anforderungen an die Cloud haben als internationale Konzerne. So wissen Letztere, welche Risiken und Vorgaben im Ausland bestehen. Ein Mittelständler kann das meist nicht absehen. Umso wichtiger ist es für mittelständische Unternehmen zu wissen, wo die Server stehen, wo die Daten gespeichert und dass deutsche Sicherheitsstandards berücksichtigt werden.
Darüber hinaus unterscheiden sich die Prozessstrukturen zwischen Mittelstand und internationalen Konzernen stark. Internationale Konzerne setzen neben Standardsoftware auch viele Eigenentwicklungen ein. Diese können an die Cloud angepasst und dann einfach in die Cloud migriert werden. Hierzu stehen den Unternehmen viele Entwickler und oft auch externe Berater zur Verfügung. Bei mittelständischen Unternehmen sieht das meist anders aus. Hier kommt oft viel traditionelle Software zum Einsatz und die Budgets für Migrationen sind eher begrenzt. Die Software in die Cloud zu bringen, hat daher andere Herausforderungen und benötigt andere Services, die eher infrastrukturnah sind.
Darüber hinaus gibt es viele Clouddienste, die unabhängig von der Unternehmensgröße relevant sind. So haben wir für beide Seiten eine hybride Lösung aus einer Hand entwickelt, die eine zeitgleiche Nutzung von On-Premise in einem Stackit-Colocation- und Cloudangebot erlaubt, während eine schrittweise Implementierung ermöglicht wird.
''Wir können die Auswirkungen der Krise gut abfedern''
Golem.de: Was kann Stackit besser als andere deutsche Cloudanbieter?
Müller: Im Gegensatz zu kleineren Anbietern können wir durch den Rückhalt der Schwarz Gruppe sicherstellen, dass unser Angebot längerfristig verfügbar ist. Darüber hinaus sind wir nicht von Technologielieferanten abhängig, die gegebenenfalls für den Betrieb der Cloudplattform notwendig sind. Durch die Struktur der Schwarz Gruppe stellen wir sicher, dass keine Investoren unsere Souveränität oder Integrität untergraben können.
Die Entwicklung von Stackit folgte von Beginn an dem Ziel, ein einfaches und sicheres Cloudangebot bereitzustellen. Unsere Expertise in Handel, Produktion und Wertstoffmanagement werden wir nach und nach in die Stackit-Cloud einbringen. Darüber hinaus ist uns Kostentransparenz für Kunden wichtig, so dass sie ihre Kosten im Blick behalten und keine versteckten zusätzlichen Ausgaben zu erwarten haben. Außerdem bieten wir mit unserem Colocation-Angebot die Möglichkeit, eine Hybridlösung aus einer Hand zu beziehen, um zum Beispiel das aktuelle Rechenzentrum abzulösen und sukzessive in die Cloud zu migrieren.
Golem.de: Eigentlich sollte es schon letztes Jahr mit Stackit als Anbieter auf dem Markt losgehen. Was waren die Probleme und waren es eher schleichende Verzögerungen – oder eine plötzlich auftauchende Wand, die das Projekt auf Rot geschoben hat?
Müller: Bei der Schwarz Gruppe steht hohe Qualität und Zuverlässigkeit im Mittelpunkt, so auch bei Stackit. Die Pandemie hat uns – wie viele andere auch – in den letzten zwei Jahren stark beschäftigt und unsere Prioritäten etwas verschoben. Wir haben uns in dieser Zeit auf unseren internen Go-Live fokussiert und das Cloudangebot ausgiebig in der Praxis getestet. Nun freuen wir uns auf die nächste Phase, in der wir unser Angebot auch externen Kunden anbieten.
Golem.de: Was sagen Sie dazu, dass in den Medien häufiger von der "Lidl-Cloud" die Rede ist als von Stackit?
Müller: Lidl ist als Handelsunternehmen bei fast allen in Deutschland lebenden Personen bekannt, daher ist es verständlich, dass die Medien zunächst von der Lidl-Cloud sprechen. Wir gehen aber davon aus, dass sich der Markenname Stackit, genauso wie das Produkt selbst, schnell durchsetzen wird.
Golem.de: Bei einem solchen Projekt braucht man eine Menge Rechenzentrum-Hardware: Wie sehr treffen da Chipknappheit, Transportverzögerungen und andere aus der Coronapandemie resultierende Schwierigkeiten?
Müller: Natürlich bemerken auch wir die Auswirkungen der Krise. Wir planen jedoch, wie zum Beispiel bei unseren Waren in unserer Filiale, weit voraus und haben neben einem guten Lieferantennetzwerk entsprechende Reserven aufgebaut. Dadurch können wir die Auswirkungen sehr gut abfedern.
Auch Schwarz IT merkt den Fachkräftemangel
Golem.de: Als Informatiker stößt man häufig auf Stellenanzeigen für verschiedenste Aufgaben bei Stackit. Ist es derzeit schwer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, um so zu wachsen?
Müller: Natürlich spüren wir den Fachkräftemangel. Allerdings sehen wir uns auch in der Verantwortung, potenziellen Mitarbeitern ein gutes Angebot zu machen. Als stark gewachsenes Unternehmen aus dem Mittelstand bieten wir unseren Mitarbeitern einen sicheren und zukunftsfähigen Arbeitsplatz. Wir fördern eine offene Kultur des Miteinander, in der unsere Kollegen aktiv Verantwortung übernehmen und sich in einem agil arbeitenden Umfeld weiterentwickeln können.
Golem.de: Gibt es Ausbildungsprogramme, um zum Experten für eine Rolle bei Stackit zu werden? Wenn ja, was sind Voraussetzungen dafür?
Müller: Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Auch talentierte Quereinsteiger aus anderen Bereichen sowie Auszubildende können sich bei Stackit zu Experten für die Cloud ausbilden lassen. Ein klassischer Ausbildungsberuf ist beispielsweise Kaufmann für IT-Systemmanagement, wo bereits in der Ausbildung die verschiedenen Bereiche bei Stackit durchlaufen werden. Zudem haben wir intern verschiedene Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Mitarbeiter wie etwa die Chance, sich auf Konferenzen und Schulungen fortzubilden. Auch Besuche externer Weiterbildungsmaßnahmen unterstützen wir aktiv.
Des Weiteren sind wir dabei – wie auch mit unserer Cloud – weitere Programme zu entwickeln. Aktuell bieten wir attraktive Einstiegsprogramme wie Kickstart @Stackit, in dem sich Hochschulabsolventen innerhalb von sechs Monaten zu Cloudexperten ausbilden lassen können. Dabei entscheiden sie selbst, ob sie ihren Schwerpunkt eher im Cloud Development oder Cloud Engineering setzen. Für Studenten bieten wir studienbegleitend unsere Stackit Power Months an. Das Hochschulprogramm ist für Informatikstudenten auf der Suche nach Praxisprojekten eine gute Möglichkeit, Cloudanwendungen kennenzulernen und ihre Ideen zu modernen Technologien wie Kubernetes, Cloud Foundry oder Openstack direkt mit einzubringen.
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